Europas Problemkind - Anlegerwetten gegen Italien sind riskant

Mit seinen Gedankenspielen zur Einführung einer Parallelwährung hat der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi sein Land wieder in die Schlagzeilen gebracht.
26.08.2017 09:23
Silvio Berlusconi, Parteichef Forza Italia und ehemaliger italienischer Ministerpräsident.
Silvio Berlusconi, Parteichef Forza Italia und ehemaliger italienischer Ministerpräsident.
Bild: Bloomberg

Börsianer befürchten, dass diese Forderung die Basis für ein Bündnis der euroskeptischen Parteien bei der Parlamentswahl im Mai 2018 bilden könnte. Deren Sieg könnte den Spekulationen auf einen Zerfall der Euro-Zone neue Nahrung geben.

Nachfolgend eine Übersicht über die größten Problemfelder:

DER SCHULDENBERG

Schätzungen der Industriestaaten-Organisation OECD zufolge liegt die Verschuldungsquote Italiens bei knapp 133 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Da diese zudem nur langsam wachse, könnte das südeuropäische Land zum Epizentrum eines neuen Börsenbebens werden, warnt Buchautorin Michele Wucker.

Erik Nielsen, Chef-Volkswirt der HVB-Mutter Unicredit, mahnt dagegen zur Gelassenheit. Selbst bei einem moderaten Anstieg der Zinsen werde die Verschuldungsquote stabil bleiben. "Wachstum von einem bis 1,5 Prozent ist zwar nicht beeindruckend, aber ausreichend, um die Spekulationen um die Nachhaltigkeit der Finanzen zu dämpfen.

HAUSHALTSPOLITISCHER HANDLUNGSSPIELRAUM

Italien weist einen ähnlich hohen Primärüberschuss wie Deutschland aus. Dies bedeutet, dass der Finanzminister in Rom vor Abzug der Ausgaben für den Schuldendienst schwarze Zahlen schreibt. Das Land werde dies langfristig aber nicht durchhalten können, weil künftig immer weniger Beitragszahlern immer mehr Rentner gegenüberstünden, sagt Eric Lascelles, Chef-Volkswirt des Vermögensverwalters RBC Capital. "Vom Verschuldungsstandpunkt ist die demografische Entwicklung der nächsten 30 Jahre grauenvoll."

PROBLEMBANKEN

Ein weiterer Belastungsfaktor der öffentlichen Finanzen ist die wachsende Zahl von Banken, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Allein bis zu 17 Milliarden Euro kostet die Rettung zweier Regionalinstitute. Die Geldhäuser des Landes sitzen auf einem 300 Milliarden Euro hohen Berg fauler Kredite. Diese schmälern die Gewinne und beeinträchtigen die Vergabe neuer Kredite. Unicredit-Experte Nielson betont allerdings, dass der Abbau der faulen Kredite vorankomme und die Neuvergabe von Darlehen unter Berücksichtigung des niedrigeren Wirtschaftswachstums im europäischen Durchschnitt liege.

GELDPOLITISCHE UNTERSTÜTZUNG

Die Diskussion um eine Drosselung der Anleihekäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB), die den europäischen Staaten in den vergangenen Jahren eine günstige Refinanzierung ermöglichte, rückt Italien ebenfalls ins Rampenlicht. "Wenn die Märkte eine Straffung der Geldpolitik erwarten, richtet sich der Blick als erstes auf Staaten mit einer relativ hohen Verschuldung und einem instabilen Bankensystem", betont Buchautorin Wucker. Die Andeutung des sogenannten Tapering durch EZB-Chef Mario Draghi Ende Juni sorgte aber nur kurz für Unruhe an den Finanzmärkten. Wenige Wochen später markierte der Risikoaufschlag für zehnjährige italienische Bonds im Vergleich zu ihren deutschen Pendants ein Acht-Monats-Tief.

POLITISCHE RISIKEN

Bei den niederländischen und französischen Wahlen im Frühjahr kamen die Euro-Skeptiker entgegen den Befürchtungen nicht an die Macht. Mit seinen Plänen zu einer Parallelwährung könnte Berlusconis Partei Forza Italia nach Einschätzung von Experten allerdings ein Wahlbündnis schmieden und die Regierungspartei PD politisch isolieren. "Es ist kein Wunder, dass periodisch Spekulationen auf einen 'Italexit' aufkommen", sagt Anlagestratege Neil McKinnon von der Investmentbank VTB Capital. Unter diesem Begriff verstehen Börsianer - analog zum britischen Brexit - einen Ausstieg Italiens aus der Euro-Zone.

(Reuters)