Firmen sind mitschuldig am Fachkräftemangel

Jedes dritte Schweizer Unternehmen hat Mühe, freie Stellen zu besetzen. Diese Arbeitsmarkt-Studie sorgt für heisse Köpfe unter den cash-Lesern. Die Firmen sind in der Tat mitschuldig an der Misere, sagen Experten.
21.08.2014 01:05
Von Marc Forster und Ivo Ruch
Viele ältere Personen tun sich schwer bei der Stellensuche.

Diese Zahlen lassen aufhorchen: Eine Studie von Manpower kommt zum Schluss, dass jedes dritte Schweizer Unternehmen Mühe hat, seine freien Stellen zu besetzen. Der Grund dafür sei ein Mangel an Arbeitskräften mit Fachkompetenz. Die Studie wurde am Dienstag veröffentlicht.

Bei vielen cash-User stösst diese Studie auf Unverständnis, ja Empörung, wie in ihren Leser-Kommentaren zum Ausdruck kommt. Ihr Tenor: Auch gut qualifizierte Arbeitnehmer haben Mühe auf dem Arbeitsmarkt. cash-Leser "Flyer400" etwa schreibt: "Ich bin seit fast 1,5 Jahren auf der Suche. Besitze jahrelange Erfahrung im IT-Projektmanagement, habe ein abgeschlossenes Studium der Wirtschaftsinformatik und bis dato knapp 400 Bewerbungen geschrieben."

Andere Leser vermuten eine Benachteiligung älterer Arbeitnehmer. So User Helmi: "Es ist beschämend, wie Wirtschaftsführer die Arbeitnehmer ausquetschen und mit billigen Jungen ersetzen." Eine weitere cash-Leserin doppelt nach: "Die Unternehmen wollen nur noch billige Arbeitskräfte, weshalb die über 50-jährigen auf die Strasse gestellt werden!"

Lohnkosten vs. mangelnde Flexibilität

Thomas Zimmermann vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) bestätigt diese Vermutungen: "Es ist eindeutig eine Altersdiskriminierung spürbar." Grund dafür seien aber in erster Linie nicht die Lohnkosten. Vielmehr würden Vorurteile wie mangelnde Flexibilität die Argumentation dominieren.

Ungehört sind diese Meinungen in der Wirtschaft nicht. Aufgrund der alternden Erwerbsbevölkerung drohe in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie in den kommenden Jahren ein Fachkräftemangel, schreibt der Verband Swissmem in einer aktuellen Mitteilung. Swissmem will deshalb den Nachwuchs fördern, den Frauenanteil erhöhen und ältere Mitarbeiter länger beschäftigen.

Die Schuldfrage

Verschiedene Experten sind jedoch der Meinung, dass die Unternehmen zu einem gewissen Grad selbst schuld an diesem Zustand sind. "Generell ist der Arbeitskräftemangel auch ein Ausdruck davon, dass die Unternehmen nicht bereit sind, einen genügend hohen Preis für die fehlenden Arbeitskräfte zu zahlen", sagt Michael Siegenthaler von der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH.

Würden etwa die Löhne hochgesetzt oder andere Anreize wie Weiterbildungen oder Fördermassnahmen von Frauen angewendet, gäbe es laut dem Arbeitsmarktökonomen mehr Bewerbungen. "Allerdings ist das wieder eine Frage der Kosten", gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Je nach Firma oder Branche fehle auch der finanzielle Spielraum.

Es gibt aber auch Faktoren, die von den Unternehmen nur indirekt oder gar nicht kontrolliert werden könnten. Dazu zählt etwa die Konjunktur und die Zuwanderungs-, Familien und vor allem auch die Bildungspolitik. "Wenn für einen Berufszweig, bei dem die Ausbildung in staatlicher Hand liegt, zu wenige Lehrlinge ausgebildet werden, können die Unternehmen nichts dafür", sagt Siegenthaler.

Weiterbildung und Frauenförderung

Auch Stefan Studer vom Verband Angestellte Schweiz sagt: "Die Unternehmen sind zu einem gewissen Grad selber schuld an diesem Fachkräftemangel." Die Fachkräfte könnten nur gewonnen werden, wenn die Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern aufrechterhalten werde. Doch beim kürzlich im Parlament behandelten Weiterbildungsgesetz habe sich die Wirtschaft mit Händen und Füssen gegen eine stärkere Verpflichtung bei der Weiterbildung gewehrt, sagt Zimmermann vom SGB.

Vom Fachkräftemangel weniger betroffen als etwa die Industrie sind die Banken. Aber auch dort gebe es Arbeitnehmer über 50, die Probleme bei der Stellensuche hätten, sagt die Geschäftsführerin des Schweizerischen Bankpersonalverbands (SBPV), Denise Chervet. Ein besonderer Aspekt seien dabei die Pensionskassenkosten, die bei älteren Arbeitnehmern ansteigen.

Um das Problem zu bekämpfen, brauche es eine "gegenseitige Anpassung", sagt Chervet: Die Arbeitgeber müssten flexibler werden bei der Personalrekrutierung, aber die Arbeitnehmer müssten sich der heutigen Lage bewusst sein und gewisse Anpassungen in Betracht ziehen.

Was sind Ihre Erfahrungen bei der Stellensuche? Werden ältere Arbeitnehmer bei der Jobsuche benachteiligt? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von cash.

Der – angebliche – Fachkräftemangel in Deutschland: Eine Dokumentation von ARD.