«Frauen zweifeln öfter an sich»

Männer haben im Berufsleben oft bessere Karten als Frauen, sagt Claudia Graf (29). Die Rheintalerin ist Chefin von Sonnenbräu und einzige Schweizer Braumeisterin. Teil III der Interviewserie mit jungen Schweizer Frauen.
17.12.2014 01:15
Interview: Ivo Ruch
Brauerei-Chefin Claudia Graf beschäftigt 50 Personen.
Brauerei-Chefin Claudia Graf beschäftigt 50 Personen.
Bild: ZVG

Von ihrem Vater übernahm Claudia Graf (29) 2012 die Sonnenbräu AG in Rebstein, die schon seit 1891 in Familienbesitz ist. Davor absolvierte die Rheintalerin eine Lehre als Bankkauffrau sowie die Berufsmatura. In München liess sich Claudia Graf dann zur Braumeisterin ausbilden. Sie ist nicht nur die jüngste Geschäftsführerin einer Schweizer Brauerei, sondern auch landesweit die einzige Braumeisterin. Sonnenbräu beschäftigt 50 Angestellte und hat 19 verschiedene Biere im Angebot.

cash: Frau Graf, warum haben Sie sich für eine Karriere in der Bierindustrie entschieden?

Claudia Graf: Ich wurde in die Brauerei hineingeboren. Mein Ur-Ur-Grossvater hat die Brauerei 1891 gegründet. So ist es nicht verwunderlich, dass die Sonnenbräu meiner Familie sehr viel bedeutet. Diese Liebe zum Betrieb hat mich angesteckt. Ich wollte das Familienunternehmen weiterführen, die Tradition wahren. Diese Entscheidung habe ich jedoch erst nach meiner Ausbildung als Bankkauffrau gefällt. Es gab keinen Druck von Seiten meiner Familie. Das war sehr wichtig für mich.

Wie fällt die Bilanz für Sonnenbräu im 2014 aus?

2014 war ein Jahr mit vielen Höhen und Tiefen. In den ersten sechs Monaten hatten wir sensationelle Zahlen. Wir konnten ein Wachstum von über fünf Prozent ausweisen. Im Sommer sank der Umsatz wegen des schlechten Wetters ins Bodenlose. Die Brauereien sind sehr stark vom Wetter abhängig. Wir sind aber sehr zufrieden, dass wir 2014 trotzdem mit einem neuen Umsatzrekord abschliessen können.

Wo hat Sonnenbräu noch Wachstumspotenzial?

Unser Hauptverkaufsgebiet liegt zwischen Sargans, Obertoggenburg und Bodensee. Somit gibt es geographisch noch viele Möglichkeiten. Wir sehen vor allem im Raum Sarganserland grosses Potenzial.

Immer mehr Bier wird aus dem Ausland in die Schweiz importiert. Ist das Schweizer Bier nicht gut genug?

Importiert wird vor allem Billigbier in Dosen. Diese Biere werden oft von Brauereien gebraut, die Überkapazität haben. Die Biere in der Schweiz stehen denen im Ausland in Nichts nach. Wir haben viele qualitativ hochstehende Biere. Der Grund für den hohen Importanteil ist in erster Linie der Preis. Es gibt jedoch auch einige ausländische Biertrends wie zum Beispiel Corona oder Guinness, die für Lifestyle stehen. Bier weckt Emotionen. So wie Schweizer Biere ein Heimatgefühl vermitteln, kann ein Ausländisches das Fernweh befriedigen.

Gleichzeitig entstehen viele Mikrobrauereien. Woher kommt dieser Trend?

Dieser Trend kommt aus Amerika. Die sogenannten Craftbrewers sorgen für Abwechslung im amerikanischen Markt, der vor allem von Braukonzernen beherrscht wird. Dieser Trend hat fast die ganze Welt erreicht. Diese Kleinstbrauereien brauen Bierspezialitäten mit denen sie sich abgrenzen wollen. Die Konsumenten, die vom "Einheitsgebräu" genug haben und das Spezielle suchen, finden das bei den Craftbrewers. Neben Spezialitäten bieten diese Brauereien auch einen Bezug zur Region. Mikrobrauereien entstehen deshalb oft an Standorten, wo es keine regionale Brauerei gibt, sondern vorwiegend die Biere der beiden Marktriesen Heineken und Carlsberg. 

Haben Sie ein Lieblingsbier?

Nein. Je nach Situation gelüstet mich eine andere Bierspezialität.

In Schweizer Verwaltungsräten soll eine Frauenquote eingeführt werden. Befürworten Sie das?

Ich bin als Familienmitglied privilegiert und dadurch zu meiner jetzigen Tätigkeit gelangt. Hätte mein Vater keinen Nachfolger in der Familie gehabt, hätte er den Posten mit einem Geschäftsführer besetzen müssen. Ein Mann hätte dabei gegenüber einer Frau bestimmt bessere Karten gehabt.

Wieso?

Ich glaube, dass Männer aus verschiedenen Gründen bei der Besetzung von wichtigen Posten die Nase vorn haben. Erstens sind Männer im beruflichen Umfeld oft selbstbewusster, sie trauen sich schneller etwas zu. Während Frauen öfter an sich zweifeln. Zweitens fallen Männer nicht wegen Schwangerschaft aus. Und drittens stellen sich schlicht viel mehr Männer zur Verfügung. Trotzdem bin ich fest der Meinung, dass der Staat auf keinem Fall in die strategischen Entscheidungen der Unternehmen eingreifen darf. Egal, worum es geht. Diese Art von Kontrolle über die Unternehmen in der liberalen Schweiz ist für mich sehr befremdend. Eine höhere Frauenquote darf nicht durch ein Gesetz erreicht werden. Es müssen Anreize geschaffen werden, damit dies auf natürliche Art passiert. Ich bin nämlich überzeugt, dass es für ein Gremium nur Vorteile bringt, wenn darin beide Geschlechter vertreten sind. Aber nicht mit einem Gesetz!

Wie können Frauen im Berufsleben anders gefördert werden?

Wichtig ist bestimmt die Familienplanung. Wir benötigen eine kindergerechte Betreuung des Nachwuchses. Das könnten Kindertagesstätten sein oder aber auch individuelle Lösungen. Wichtige wäre, dass es ein Angebot auf dem Land und in der Stadt gibt. Alles andere bringt die Zeit. Frauen müssen noch viel aufholen.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Immer noch an meinem Schreibtisch. Vielleicht habe ich Familie mit Kind.

Wenn Sie nicht Braumeisterin wären, was wäre ein Traumjob für Sie?

Das habe ich mir auch schon überlegt. Ich muss ehrlich sagen, dass mir nichts einfällt. Es gibt nichts Schöneres als Bier zu verkaufen.

Wenn Sie Bundespräsidentin wären. Was würden Sie zuallererst ändern?

Schwierige Frage. Spontan würde ich eine liberale Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative anstreben. Dies betrifft viele Unternehmen in der Schweiz. Auch die Sonnenbräu ist auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Brauer oder gar Braumeister gibt es zu wenig in der Schweiz. Gemäss Studie ist der Fachkräftemangel für Schweizer Familienunternehmen 2014 die grösste Sorge.

Wenn Sie zu Weihnachten 1 Million Franken bekämen. Was würden Sie damit anstellen?

Ich würde einen schönen Urlaub planen. Die restlichen 995‘000 landen auf dem Sparkonto.

Was ist Ihr grösster Wunsch für das kommende Jahr?

Mein grösster Wunsch ist eine gute Gesundheit für mich und meine Familie und Freunde.