Geldpolitik - Selbst die erste EZB-Verteidigungslinie ist noch nicht bereit

Einige EZB-Räte sind informierten Kreisen zufolge besorgt, dass Anleihen aus dem Euroraum anfällig für spekulative Angriffe sein könnten.
26.06.2022 09:22
EZB-Chefin Christine Lagarde in einem Livestream, März 2021.
EZB-Chefin Christine Lagarde in einem Livestream, März 2021.
Bild: Bloomberg

Der Einsatz von Reinvestitionen ist als Sofortlösung und “erste Verteidigungslinie” gedacht, die helfen soll, während die Europäische Zentralbank ein wirksameres Kriseninstrument entwickelt. Das gemeinhin als Anti-Fragmentierungsinstrument bezeichnete Instrument soll bis zur Sitzung am 21. Juli einsatzbereit sein.

Doch auch für das Wiederanlage-Instrument stehen wichtige technische Parameter noch nicht fest, wodurch fraglich ist, ob es bei Bedarf praktisch umgesetzt werden könnte, heißt es.

Im EZB-Portfolio werden monatlich Anleihen im Volumen von rund 17 Milliarden Euro fällig. Davon stammen, wie zu hören ist, etwa 12 Milliarden Euro aus den Euro-Kernländern und könnten in angeschlagene Märkte umgeleitet werden. Als potenzielle Möglichkeit wurde das bereits im Dezember angepriesen, aber offiziell hat die EZB sich die Möglichkeit erst bei einer Krisensitzung letzte Woche in den Instrumentekoffer gepackt. 

Ein EZB-Sprecher lehnte es ab, sich zu den Vorbereitungen für die Umsetzung der Maßnahmen zu äussern. Notenbankchefin Christine Lagarde versicherte vor dem Europaparlament, dass es bei der Umsetzung der Massnahme Fortschritte gebe. Sie gab jedoch keine Zusage, wann diese abgeschlossen sein wird. Sie sagte lediglich “an den technischen Einzelheiten und der Art und Weise, wie dies durchgeführt werden soll, wird im Moment gearbeitet”.

Auf einer Dringlichkeitssitzung verpflichtete sich die EZB, die Reinvestment-Massnahmen umzusetzen und ein Kriseninstrument zu entwickeln, um die Integrität des Euro zu schützen. Vorausgegangen war der Abverkauf italienischer Staatsanleihen, der die Rendite zehnjähriger Papiere erstmals seit 2014 über die Marke von 4 Prozent getrieben hatte.

Die Dringlichkeit einer Marktintervention hat sich indessen seit der Eilsitzung wieder verringert. Anleger nahmen überwiegend die Gewissheit mit, dass man zu handeln gedenkt. Die Renditen auf 10-jährige italienische Staatsanleihen sind seit 15. Juni um 40 Basispunkte gesunken, wodurch sich ihr Risikoaufschlag gegenüber Bundesanleihen um 20 Basispunkte eingeengt hat.

(Bloomberg)