«Gold ist jetzt ein Buy-and-Trade»

Der Gold- und Währungsprofi Davis Hall von Crédit Agricole sagt im cash-Interview, wie hoch der Goldpreis noch steigen kann und welche Strategie Anleger einschlagen sollten. Zudem äussert er sich zur Dollarstärke.
20.03.2013 06:48
Interview: Frédéric Papp
Davis Hall, Währungs- und Edelmetallexperte bei Crédit Agricole, im cash-Video-Interview.
Bild: cash

cash: Diverse Banken sehen in den kommenden Monaten einen tieferen Goldpreis. Wie lautet Ihre Prognose?

Davis Hall: Der Goldpreis sollte höher stehen in Anbetracht der massiven Ausweitung der Geldmenge diverser Notenbanken. Seit Obama und Bernanke am Drücker sind, vergrösserte sich die Bilanz des Fed von 600 Milliarden Dollar auf über drei Billiarden Dollar. Und jeden Monat kommen 85 Milliarden dazu. Auch Grossbritannien und Japan werden die Märkte weiter mit Liquidität fluten. Solange diese Ausweitung stattfindet, sollte Gold nicht stark unter Druck geraten.

Aber weshalb notiert Gold dann nicht höher?

Der ultimativ sichere Hafen scheinen neuerdings US-Aktien und nicht mehr der Schweizer Franken oder Gold zu sein. Zudem haben bekannte Investoren wie zum Beispiel George Soros dem Gold den Rücken zugekehrt. Seit fünf Monaten reduzieren Exchange Traded Funds ihre Goldpositionen. Die Bullen sind deshalb besorgt, und Gold verliert erstmals seit 12 Jahren zusehends an Glanz.

Sie sind also auch negativ für Gold?

Ich bin etwas abergläubisch. Ich befürchte, das 13. Jahr wird ein schwieriges Goldjahr (lacht). Denn die globale Konjunktur ist auf dem Erholungspfad, die Banken leihen sich wieder Geld aus, systemische Risiken sind nicht in Sicht und die Aktienmärkte boomen – wenigsten gegenwärtig. Alles Faktoren, die nicht für Gold als sicheren Hafen sprechen. Dennoch bleibe ich positiv für Gold, solange die technische Unterstützung für das Band von 1510 Dollar nicht nach unten durchbrochen wird. Wenn es dennoch passiert, dann müssen wir aufgrund der Charts mit tieferen Notierungen bis auf 1400 Dollar rechnen. Crédit Agricole geht mittelfristig von einer Rückkehr des Goldpreises auf 1700 Dollar aus. Der Goldpreis wird allmählich wieder anziehen, sobald der S&P 500 seinen Höhenflug nicht fortsetzen kann oder das Wachstum in den USA zu stottern beginnt. 

Wie sollen sich Goldanleger verhalten?

Gold ist nicht mehr länger ein "Buy-and-Hold", sondern ein "Buy-and-Trade". Goldanleger müssen opportunistischer werden und mit Stop-Losses operieren.

Wer tritt denn überhaupt noch als Käufer am Goldmarkt auf?

Viele Notenbanken – allen voran die chinesische – stocken ihre Goldpositionen auf. Die chinesische Notenbank kaufte physisches Gold bei 1575 Dollar dazu und wird ihr Kaufprogramm voraussichtlich fortsetzen. Sie tun dies, um ihre Reserven im Umfang von drei Billionen Dollar zu diversifizieren. Denn die Chinesen fürchten sich neuerdings vor dem Euro. Und sie sind auch nicht heiss darauf, ihre Dollarreserven weiter aufzupolstern.

Sie sprechen die Euroschwäche an. Wird es mit dem Euro weiter abwärtsgehen?

Vieles spricht dafür. Europa rutscht mit Ausnahme von Deutschland immer tiefer in die Rezession. Italiens Regierung ist paralysiert und so wie es derzeit aussieht, trägt die Bevölkerung die EU-Sparpolitik nicht mehr länger mit. Frankreich und Grossbritannien haben ihr Tripple A verloren. Kurz: Die Stimmung für den Euro und auch für die europäische Wirtschaft dreht ins Negative und die Investoren realisieren dies. In den vergangenen sechs Monaten partizipierten Investoren - vor allem aus Asien – noch an der einmaligen Rally mit Staatsanleihen europäischer Peripherieländer. Nun hat sich die Kauflaune aber arg eingetrübt.

Und was spricht für einen stärkeren Dollar?

Die USA werden in den nächsten 10 Jahren wegen den immensen Schiefergas- und Schieferölvorkommen in 48 seiner Bundesstaaten voraussichtlich mehr fossile Energie produzieren können als Saudi Arabien. Die USA werden inskünftig weniger Energie importieren müssen und kann sogar zum Exporteur aufsteigen. Das Handelsdefizit der USA wird sich über die Zeit somit verringern. Und die US-Wirtschaft wird von der billigen Energie profitieren.

Stehen wir somit vor einem Dollar-Boom?

Ja, aber nur wenn die USA ihr Budgetdefizit substanziell verringern. Denn Budgetdefizit und Handelsdefizit waren die Hauptgründe, weshalb der Dollar in den letzten 40 Jahren schwächer wurde. Der Dollar hat sich gegenüber dem Yen und dem Schweizer Franken in den letzten 30 Jahren um 80 Prozent verbilligt. Nun, vielleicht wird der unterbewertete US-Dollar in den kommenden 10 Jahren stärker performen. Wir glauben, dass sich der Euro gegenüber dem Dollar per Ende 2014 auf 1,20 abschwächen wird.

Aber wird die amerikanische Notenbank Fed einen stärkeren Dollar zulassen?

Die USA brauchen starke Handelspartner und Europa ist der wichtigste. Die USA haben also ein Interesse an einem wirtschaftlich starken Europa. Europas Wirtschaft kommt aber nur auf die Beine, wenn der Euro schwächer wird. Die USA kreieren Jobs, nicht weil der Dollar schwach und der Euro stark ist. Die Gründe liegen vielmehr im wieder aufkeimenden US-Immobilienmarkt und in den boomenden Aktienmärkten. Die Menschen in den USA fühlen sich etwas weniger arm, weil die Aktienmärkte hochgehen. Dieser "Reichtumseffekt" kurbelt das Retailgeschäft an und verbessert die Konsumentenstimmung. Firmen, die in den letzten fünf Jahren Personen entlassen haben, überlegen sich nun, das Personal aufzustocken.

Doch wenn der Euro schwächer wird, dann werden andere Nationen ihre Währungen ebenfalls abwerten wollen.

Genau dies passiert derzeit. Wir befinden uns inmitten eines Währungskrieges. Eine zentrale Rolle in diesem Krieg kommt dabei Japan zu. Die Japaner scheinen mit der aggressiven Yen-Abwertung einen Dominoeffekt ausgelöst zu haben. Nun wollen alle seine Nachbarn eine schwächere Währung, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das haben nun auch die Euroländer inklusive Deutschland registriert. Gegenüber dem Euro wertete der Yen über die letzten fünf Monate rund 25 Prozent ab. Deutsche Exportprodukte sind also weniger wettbewerbsfähig.

Welche Auswirkungen hat die Yen-Abwertung für den asiatischen Wirtschaftsraum?

Die Kettenreaktion betrifft auch andere asiatischen Währungen wie der südkoreanische Won, den taiwanesischen Dollar oder die chinesische Währung. Südkorea überlegt sich ähnlich wie einst Brasilien eine Transaktionssteuer zu erheben, um die Aufwertung ihrer Währung zu bremsen. Letztendlich geht es um den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Die meisten asiatischen Währungen, die letztes Jahr den Dollar outperformten, werden dies 2013 nicht wiederholen.

 

Im Video-Interview äussert sich Hall über die Entwicklung des Frankens und sagt, auf welche Währungen er Appetit hat.