Grossbanken - So liefen die dramatischen Tage bei der UBS-Rettung ab

Vor genau zehn Jahren arbeiteten SNB, Bund und Bankenaufsicht heimlich an der Rettung der UBS. Der «Bailout» wurde am 16. Oktober 2008 Tatsache. Wie es dazu kam im cash-Rückblick in Wort und Bild.
04.10.2018 08:09
Von Daniel Hügli
Filiale der UBS in Bern. Die Bank erlitt 2008 beinahe einen Kollaps.
Filiale der UBS in Bern. Die Bank erlitt 2008 beinahe einen Kollaps.
Bild: cash

Prolog: Die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) hat bereits im Jahr 2007 während der beginnenden Turbulenzen auf dem US-Immobilienmarkt einen Krisenstab für Grossbanken eingerichtet. Die UBS-Krise selber zeichnet sich erst so richtig im Januar 2008 mit einem Jahresverlust von 4 Milliarden Franken und Abschreibern von 21 Milliarden Franken ab. Für das erste Quartal 2008 folgen ein weiterer Verlust von 11,5 Milliarden Franken und weitere Abschreibungen auf US-Hypothekarpapieren von 19 Milliarden Franken. In diesem Monaten muss die Bank auch zwei Kapitalerhöhungen durchführen.

Anfang April tritt UBS-Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel auf Druck der Finanzmarktaufsicht zurück, sein Nachfolger ist der Jurist Peter Kurer. Doch dann gehts erst richtig los im UBS-Drama:

Sommer 2008: Die Bankenkrise breitet sich weiter aus. Die Liquidität am Interbankenmarkt schwindet. Der Bundesrat geht in den Krisenmodus über, die UBS ist ein fixes Traktandum an jeder Sitzung. Laut Thomas Jordan, dem heutigen Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und damals die Nummer drei im SNB-Gremium, ist die Nationalbank seit Frühjahr 2008 in intensiven Diskussionen, wie man ein allfälliges Stabilisierungspaket für die UBS schnüren könnte. Das sagt er in einem Interview im September 2018.

15. September: Die US-Investmentbank Lehman Brothers geht pleite. Die Nachricht schlägt an den Märkten ein wie eine Bombe. Die Zweifel an der Überlebensfähigkeit der UBS nehmen rapid zu. Laut Jordan ist der Herbst 2008 eine "komplett verrückte Zeit": Probleme bei den Banken, Turbulenzen an den Märkten, Konjunktureinbruch, Interventionen von Zentralbanken, Frankenaufwertung, alles läuft parallel.

21. September: Erster Showdown im Hause Philipp Hildebrand. Die Nationalbank und die Bankenkommission laden am Sonntagmorgen den UBS-VR-Präsidenten Peter Kurer und CEO Marcel Roher in die Privatwohnung Hildebrands in Zürich ein. Dort wird den UBS-Vertretern erstmals gesagt, dass sie sich auf eine Rettung ihrer Bank vorbereiten müssen. Noch immer glaubt man aber, die UBS könne sich am Markt selber Eigenkapital verschaffen.

21. September: An derselben Sitzung überschlagen sich die Ereignisse. Hildebrand erhält einen Telefonanruf mit der Mitteilung, dass Bundesrat Hans-Rudolf Merz tags zuvor einen Herzinfarkt erlitten habe. TV-Bilder, wie der Finanzminister mit dem Helikopter notfallmässig auf dem Spitalgebäude landet, gehen durchs Land. Merz ringt mehrere Tage mit dem Tod. Er war zu Hause zusammengebrochen, als er über den hohen Sanierungsbedarf der UBS informiert wurde. Eveline Widmer-Schlumpf übernimmt das Dossier "UBS-Rettung". Merz stellt später die UBS-Krise in Zusammenhang mit seiner Herzattacke:

26. September: Aus Gründen der Vertraulichkeit wird an den Bundesratssitzungen kein Protokoll mehr geführt über das Dossier UBS. 

2. Oktober: Die UBS hält eine ausserordentliche Generalversammlung ab. Da kommt es zum berühmten Satz von Peter Kurer: "Ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen berichten zu können, dass wir die UBS recht erfolgreich durch diese Turbulenzen führen konnten". Nach der GV gibt Kurer der NZZ ein Video-Interview, in welchem er seinen Optimismus etwas zügelt. Denn er weiss ja warum.

 

Zwischen 3. Oktober und 16. Oktober: Vertreter der UBS, der EBK und der SNB treffen sich jeweils an geheimen Orten und zu Zeiten, "wo uns niemand erwartete", wie es der damalige EBK-Chef Daniel Zuberbühler formuliert: Mal in einer unscheinbaren Dependance der SNB in Zürich, mal um 22 Uhr in Bern, nie an den Hauptsitzen der Institute. 

6. Oktober: Die Situation an den Märkten verschlechtert sich weiter. Laut Thomas Jordan war schon nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers niemand mehr bereit, der UBS am Markt Kapital zu geben.

9. Oktober: Die "Rettungskräfte" informieren eine Woche vor ihrer UBS-Tat die Credit Suisse (CS) über den bevorstehenden Rettungsplan. Der zweitgrössten Bank der Schweiz wird ein ähnliches Hilfspaket angeboten. Die CS besorgt sich dann schnell rund 10 Milliarden Franken frisches Geld beim Staatsfonds aus Katar. Dafür zahlt sie aber von nun an zehn Jahre lang einen Zins von 800 Millionen Franken - pro Jahr. Die CS trägt sich offenbar noch vor dieser Kapitalbeschaffung mit dem Gedanken, die UBS zu übernehmen. EBK und SNB legen ihr Veto ein. Aber alle Szenarien werden jetzt durchgespielt: Fusion, Verkauf, Teilverkauf oder Weitermachen wie bis jetzt mit der UBS.

12. Oktober: Pierre Mirabaud, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, sagt nichtsahnend: "Ich bin überzeugt, dass keine Schweizer Bank zusammenbrechen wird."

14. Oktober: Die "Handelszeitung" titelt ebenfalls nichtsahnend: "Die UBS und die Credit Suisse haben die Kurve gekriegt."

15. Oktober: Die UBS hat laut Daniel Zuberbühler, dem früheren Chef der EBK, offenbar noch Liquidität für etwa sieben bis zehn Tage.

16. Oktober: Kurz vor 7 Uhr morgens wird die staatliche Rettung der UBS verkündet. Die Bank ist schlicht zu gross, um sie in den Konkurs zu schicken. Sie hat über eine Million Privat- und über 300'000 Firmenkunden in der Schweiz. Die Bank erhält von der Eidgenossenschaft in Form einer Anleihe eine Geldspritze in der Höhe von 6 Milliarden Franken. Gleichzeitig kann sie faule Hypothekenpapiere in der Höhe von 60 Milliarden Franken an einen Fonds auslagern ("StabFund"), der von der SNB verwaltet wird. 

16. Oktober: Etwas unglücklich auch das Story-Timing der Weltwoche. "Das schweizerische Bankensystem und auch der Werk- und Dienstleistungsplatz Schweiz widerstehen dem Sturm einmal mehr", schreibt der damalige Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer im Wochenblatt  - am Tag der UBS-Rettung.

Nach dem 16. Oktober: Trotz Staatshilfe schreibt die UBS noch bis Ende 2009 jedes Quartal Verluste und erleidet weitere Kundengeldabflüsse. Am 18. Februar muss die UBS ein zweites Mal gerettet werden. Die Finma ordnet die Herausgabe von 250 US-Kundendaten an, damit ein Vergleich mit den UBS-Behörden erreicht werden kann.

August 2009: Das Engagement des Bundes mit der UBS-Anleihe endet mit einem Gewinn von 1,2 Milliarden Franken für die Eidgenossenschaft.

November 2013: Die Verwaltung und Abwicklung der US-Ramschpapiere der UBS bringt der Nationalbank einen Gewinn von rund 5 Milliarden Franken.

Epilog: Peter Kurer meint im September 2018, die UBS-Rettung wäre nicht nötig gewesen.

Wie es zur UBS-Rettung kam: TV-Zusammenfassung von SRF aus dem Jahr 2013

 

Redaktionelle Mitarbeit an diesem Artikel: Dominik Hertach und Pascal Züger. Quellen: NZZ, Ostschweiz am Sonntag, Handelszeitung, Sonntagszeitung, AWP.