Spezielle Arbitrage-Bots antizipieren und profitieren von Handelsgeschäften normaler Nutzer an dezentralen Börsen, schreiben die Autoren in dem vergangene Woche veröffentlichten Bericht. Die Firmen, die die autonomen Handelsprogramme einsetzen, erhalten über die Zahlung von höheren Gebühren Priorität bei Orders und nutzen diesen Vorteil für Praktiken wie Frontrunning, wo Händler die Orders von anderen sehen und es schaffen, ihre eigenen zuerst zu platzieren.

Während dezentrale Börsen - so genannte DEXes - - nur einen geringen des gesamten Handelsvolumens ausmachen, dürfte ihre Nutzung zunehmen, auch dank der Bemühungen von Unternehmen wie Binance, der weltweit grössten zentralen Krypto-Börse. Binance baut seine eigene dezentrale Börse auf, und viele andere zentrale Krypto-Börsen folgen diesem Beispiel. Darüber hinaus sind ähnliche Praktiken wahrscheinlich auch bei zentralen Krypto-Börsen weit verbreitet, sagte Ari Juels, Professor an der Cornell Tech.

"Wir wissen nicht, in welchem Ausmass es solche Vergehen an zentralen Börsen gibt", sagte er letzte Woche während einer Blockchain-Konferenz auf dem New York City-Kampus der Cornell Tech. "Wenn wir von dem Ausmass ausgehen, das wir bei DEXes gesehen haben, könnte sich das durchaus in der Grössenordnung von Milliarden von Dollar bewegen."

Die Studie ist das neueste Warnsignal in einem Markt, der seit seinem Start vor einem Jahrzehnt mit Manipulationsvorwürfen zu kämpfen hat. Zuletzt hatte ein anderer Bericht gezeigt, dass fast 90 Prozent des Börsenvolumens verdächtig seien.

Frontrunning und andere ausnutzende Verhaltensweisen

Die Verwendung der Krypto-Bots kann so lukrativ sein, dass es sich für einen Miner auszahlen würde, einen sogenannten 51-Prozent-Angriff zu starten, bei dem Computer das Netzwerk eines bestimmten Coins übernehmen, sagte Juels in einem späteren Telefoninterview.

"Wir erklären, dass DEX-Konzeptionsfehler die zugrunde liegende Blockchain-Sicherheit bedrohen", schrieben die acht Autoren in dem Papier. "Diese Bots zeigen viele ähnliche, den Markt ausnutzenden Verhaltensweisen - Frontrunning, aggressive Latenzoptimierung usw. -, die an der Wall Street üblich sind, wie Michael Lewis in 'Flash Boys' zeigte."

Das 2014 erschienene Buch von Lewis, der auch für Bloomberg schreibt, behauptete, dass der Aktienmarkt zugunsten von Hochfrequenzhändlern manipuliert wurde, die von Hochgeschwindigkeits-Datenverbindungen mit den Börsen profitieren.

Fünf Jahre nach ihrer Veröffentlichung sträuben sich die Händler von der Wall Street immer noch gegen die Vorstellung, dass das Buch von Lewis ein grassierendes kriminelles Verhalten aufgedeckt hat. Was er als Manipulation bezeichnete, betrachten sie vielmehr als unvermeidliche Gegebenheiten für Börsen, an denen die Händler sofort kaufen und verkaufen wollen. Es ist unwahrscheinlich, dass dies an Märkten, in denen smarte Kontrakte ausgeführt werden, anders ist.

Mehr als 500 Bots

Die Autoren des Papiers haben seit Oktober sechs ausgewählte dezentrale Börsen in Echtzeit verfolgt und auch historische Daten untersucht. Allein an den sechs Börsen - einem Bruchteil der Gesamtzahl der DEX-Plattformen - hätten sie mehr als 500 Bots entdeckt, die mit solchen Aktivitäten derzeit bis zu 20.000 Dollar pro Tag verdienen, sagte der Hauptautor Philip Daian in einem Telefoninterview. Zu den Börsen, an denen Aktivitäten wie Frontrunning stattfinden, gehören EtherDelta und Bancor.

Bancor hat nach eigenen Angaben Funktionen, die die Gefahr von Bot-Manipulation "neutralisieren". So setzt das in der Schweiz ansässige Unternehmen, das als Market Maker fungiert, beispielsweise eine maximale Transaktionsgebühr - auch Gas genannt - fest, um sicherzustellen, dass Angreifer nicht mehr bieten können, um sich vorzudrängeln, sagte Nate Hindman, Kommunikationsdirektor bei Bancor.

EtherDelta-Gründer Zachary Coburn erzielte im November einen Vergleich mit der US Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission für den Betrieb einer nicht registrierten nationalen Wertpapierbörse. Das Unternehmen hat auf Bitten um Stellungnahme nicht unmittelbar reagiert.

Die Wissenschaftler bauten sogar einen eigenen Bot, um besser zu verstehen, wie derartige Handelspraktiken möglich waren - und erhielten zu ihrer Überraschung sogar Buyout-Angebote, sagte Juels. Sie lehnten ab.

"Das sollte die Community bewegen, neue Börsen-Konzeptionen in Betracht zu ziehen", sagte Juels.

(Bloomberg)