«Ich habe oft im Geschäft geschlafen»

Marcel Dobler, Mitgründer von Digitec und Neo-Nationalrat, erinnert sich im cash-Interview an die Anfangszeit seines Start-ups und beurteilt Stellenwert und Rahmenbedingungen für Jungfirmen in der Schweiz.
14.12.2015 00:02
Interview: Daniel Hügli
Marcel Dobler war 2001 Mitgründer von Digitec.
Marcel Dobler war 2001 Mitgründer von Digitec.
Bild: ZVG

Marcel Dobler gründete 2001 mit zwei Partnern den Online-Elektronikhändler Digitec. Ab 2012 - der Firmenwert wurde damals auf rund 120 Millionen Franken geschätzt - begann die schrittweise Übernahme durch die Migros, was die drei Gründer zu Multimillionären machte. Dobler, der in diesem Herbst für die FDP in den Nationalrat gewählt wurde und die Website preispranger.ch betreibt, stieg 2014 bei Digitec aus.

Das Gespräch mit Marcel Dobler ist Teil eins der traditionellen cash-Interviewserie zum Jahresschluss. 2015 befasst sich cash mit dem Thema Schweizer Start-ups.

cash: Marcel Dobler, wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen von Start-ups in der Schweiz?

Marcel Dobler: Grundsätzlich sind diese nicht schlecht. Es ist hier aber zum Beispiel relativ kompliziert und teuer, eine Firma zu gründen. Das geht in anderen Ländern günstiger und einfacher. Gerade im Bereich der Finanztechnologie, also bei den Fintech-Firmen, gibt es auch sehr viele Restriktionen der Finanzmarktaufsicht im Unterschied zu Grossbritannien. Dann haperts auch beim Fiskus: Der Kanton Zürich etwa vertreibt mit seiner Steuerpolitik die Start-ups. Was mich auch stört: Es gibt sehr viele Standortförderungsprogramme und andere Initiativen, so dass kaum jemand mehr den Überblick hat. Da müsste es eine Art übergeordnete Instanz geben.

Welchen Stellenwert haben Start-ups in der Schweiz?

Mit der Währungssituation hat in der Schweiz ja eine gewisse Deindustrialisierung eingesetzt. Das heisst, wir müssen neue Arbeitsplätze schaffen, um das zu kompensieren. Ein Weg dafür sind Start-ups und neue Firmen. Etwas schade finde ich allerdings die Wahrnehmung und den Status von Start-ups in der Schweiz. In den USA erhält man eine grosse Wertschätzung, wenn man in Jungunternehmen arbeitet. Diese Haltung ist in der Schweiz nicht spürbar. In meiner Anfangsphase bei Digitec, als ich sehr viel 'krampfen' musste, hat mich niemand bewundert. Das kam erst mit dem Erfolg der Firma. Doch eigentlich müsste man diese Wertschätzung ja schon vorher erhalten.

Sie waren Mitgründer von Digitec im Jahr 2001. Welche Erinnerungen haben Sie an die Startphase des Unternehmens?

Ich habe vor allem drei Sachen in Erinnerung: Viel arbeiten, im Geschäft schlafen und viele Sachen ausprobieren.

Kamen nie Zweifel auf in dieser Startphase?

Alle drei Gründer hatten keine finanziellen Verbindlichkeiten. Wir wohnten damals noch bei den Eltern, in WGs oder in Ein-Zimmer-Wohnungen und waren praktisch auf keinen Lohn angewiesen. Der Spass und der Wille, etwas aufzubauen, standen im Vordergrund und nicht finanzielle Interessen. Wir wollten einfach besser sein als die Konkurrenz.

Mit welchen Problemen hatten Sie ganz zu Beginn zu kämpfen?

Wir hatten gar keine oder ganz wenige Angestellte. Wir mussten alles selber machen: Kunden im Laden bedienen, Telefone abnehmen, bei Händlern einkaufen, Software programmieren, Pakete schnüren und so weiter. Das war keine einfache Phase. Als kleine Firma waren wir auch mit einem Kreditlimit konfrontiert. Wir mussten fortlaufend Rechnungen bezahlen, damit wir von Händlern weiter beliefert wurden. Uns beschäftigte mit dem starken Wachstum dann auch die ganze Personal- und Infrastrukturentwicklung. Der Wandel von drei Personen auf 500 Angestellte war nicht einfach. Allein in den ersten zwei Jahren haben wir dreimal den Standort gewechselt.

Haben Sie zu lange gewartet, bis Sie Leute einstellten?

Natürlich. Aber als junge Firma, die jeden Rappen umdrehen muss, liegt es näher, die Leute länger arbeiten zu lassen als neue Angestellte einzustellen.

Was sollte die Hauptmotivation sein, ein Start-up zu gründen?

Man muss etwas aufbauen und bewegen wollen. Und die Bereitschaft muss da sein, mit allen Konsequenzen selbständig zu sein.

Muss man auch Chef oder Experte sein auf dem eigenen Gebiet?

Man muss Fähigkeiten auf verschiedensten Gebieten haben. Jemand kann quasi ein absoluter Experte oder 'Nerd' sein in einem speziellen Fachgebiet. Dafür hat er keine Qualitäten als Verkäufer. Oder er kennt den Markt zu wenig und hat keine Ahnung von Finanzen. Die Kunst besteht darin, eigene Mankos zu erkennen und seine Kompetenzen richtig einzuschätzen. Für solche Mängel sollte man Leute einstellen, die sich besser dafür eignen. Ich sitze ja in drei verschiedenen Jurys zur Start-up-Beurteilung. Ich konstatiere immer wieder, dass die Geschäftsidee, die eine Firma hat, zwar oft richtig ist. Viel entscheidender ist aber, dass die richtigen Personen am Ruder sind. Eine Super-Idee nützt überhaupt nichts, wenn das Produkt den Kunden nicht erreicht oder wenn man schon vor der Lancierung des Produktes zahlungsunfähig ist. Bei Start-ups investiert man zu 70 bis 80 Prozent in die Personen und Führungscrew - und den Rest in die Idee.

Werden heute nicht zu viele Start-ups gegründet im Glauben, dass man mit einem Verkauf der Firma schnell reich werden kann?

Die Praxis zeigt, dass dies eine Illusion ist. Es gibt ein paar wenige bekannte Unternehmen vor allem in den USA, welche das geschafft haben. Nicht im Blickfeld hat man dagegen den grossen Friedhof von Firmen, die gescheitert sind. Das ist ein grosses Problem.

Woran hapert es denn am meisten?

Bei einer guten Idee muss man immer auch das richtige Timing erwischen. Dann spielt wie gesagt das Set-up der Personen in der Firma eine wichtige Rolle. Entscheidend ist auch das Konkurrenzumfeld. Bei Digitec zum Beispiel hatten wir auch deshalb grossen Erfolg, weil Konkurrenten wie Interdiscount oder Media Markt den Markteinstieg völlig verpasst haben.

Welche Tipps können Sie punkto Finanzierung von Start-ups geben?

Es gibt Standortförderungen, die Kommission für Technologie und Innovation des Bundes, Bürgschaftsgenossenschaften, Finanzierungsprogramme von Banken, Investoren und Privatpersonen. Hier muss man sich einen Überblick verschaffen. Wichtig ist ein grosses Netzwerk. Zu einer Business-Idee gehört auch ein Business-Plan. Und beides muss man auch 'verkaufen' können, damit man zu Geld kommt. Es ist in der Schweiz sicher nicht unendlich viel Kapital vorhanden. Und um dieses Kapital gibt es einen harten Konkurrenzkampf.

Sie selber haben ja wegen Digitec damals Ihr Studium unterbrochen und haben es erst nach Ihrem Ausstieg aus der Firma beendet. Würden Sie jemandem raten, das Studium wegen einer Start-up-Idee abzubrechen?

Wenn er oder sie kein Problem damit hat, dies den Eltern zu erklären, sehe ich keine grossen Probleme…(lacht). Meine Eltern hatten damals nicht wahnsinnig viel Verständnis dafür. Das Timing ist aber, wie erwähnt, bei einer Firmengründung sehr wichtig. Wenn man den richtigen Zeitpunkt nicht wahrnimmt, dann kann es oft zu spät sein. Wenn man also wirklich an eine Idee glaubt und die Zeit reif ist für diese Idee, dann muss man das Studium abbrechen. Aber das muss man individuell abwägen.