IMD-Anlass - «Andere könnten bei der Digitalisierung schneller sein»

Die Schweiz ist im Länder-Ranking im Bereich Digitalisierung deutlich nach oben geklettert. Tenor an einer Veranstaltung in Lausanne: Das ist gut. Aber noch nicht gut genug.
20.06.2018 20:41
Von Daniel Hügli, Lausanne
Ringier-CEO Marc Walder spricht am "Digital Competitiveness Summit" an der IMD Business School in Lausanne.
Ringier-CEO Marc Walder spricht am "Digital Competitiveness Summit" an der IMD Business School in Lausanne.
Bild: cash

Es ist eine erfreuliche Woche aus Sicht der Promotoren, die eine zügige und umfassende Digilalisierung der Schweiz vorantreiben. Laut dem zum zweiten Mal erstellten "World Digital Competitiveness Yearbook" der Lausanner IMD Business School stieg die Schweiz im Länder-Ranking von Position Acht auf den fünften Rang. Die Schweiz machte damit unter den Top-Ten-Positionen den grössten Sprung nach vorne, zuammen Norwegen und Finnland.

Die Freude über die digitale Aufholjagd der Schweiz war am "Digital Competitiveness Summit" am Mittwochabend am IMD in Lausanne spürbar, an dem der Länderreport offiziell vorgestellt wurde. Allerdings waren von allen Seiten Warnungen zu hören, dass die Schweiz in Sachen Digitalisierung noch immer zu langsam sei und dass hierzulande das Gefühl vorherrsche: Der Schweiz geht es gut, man muss  ja nichts oder nur wenig ändern. Professor Martin Vetterli, Präsident der École polytechnique fédérale de Lausanne, nannte dies an der Podiumsdiskussion das "Matterhorn-Syndrom": Man ist oben angekommen und muss nichts mehr machen.

Ringier-CEO und digitalswitzerland-Initiant Marc Walder, Teilnehmer am selben Podium, zeigte sich zwar erfreut über den Aufstieg der Schweiz im digitalen Ranking. Er wies aber darauf hin, dass das Bewusstsein über die Dringlichkeit der Digitalisierung in der Schweiz noch nicht genügend in der Bevölkerung angekommen sei - inklusive Politiker. Walder fragte seinen Podiums-Nachbarn und FDP-Nationalrat Fathi Derder, wieviele der 246 Mitglieder von National- und Ständerat den Ernst der Digitalisierungslage erkannt habe. "Etwa 5 Prozent vor sieben Jahren, aber es wird langsam besser", sagte Derder mit einem Schmunzeln.

Walder wies in diesem Zusammenhang auch auf das zurückgebliebene Schulsystem in der Schweiz hin. Seine schulpflichtigen Kinder hätten heute dieselben Probleme wie er vor 45 Jahren, sagte Walder mit Unverständnis. 

Wie paradox sich die Situation im Schweizer Schulwesen bisweilen präsentiert, zeigt tatsächlich ein Blick auf die Stadt Zürich. Statt wie mittwelweile üblich auf das Mittel einer Website zurückzugreifen, werden Klassenzuteilungen der Primarschüler an einem Tag in hunderten Briefen an die Eltern mitgeteilt. Hunderte von Telefonaten folgen, weil Kinder und Eltern die Klassenzuteilung von Schulkolleginnen und -kollegen wissen wollen. 

Nicht von ungefähr sieht digitalswitzerland, die industrieübergreifende Initiative von Schweizer Unternehmen und Organisationen in Sachen Digitalisierung, im digitalen Bereich insbesondere bei der Bildung, aber auch bei politischer Partizipation Aufholbedarf. 

Swisscom-CEO Urs Schaeppi - seine Firma ist wie Ringier und das IMD Mitglied von digitalswitzerland - ist in Sachen Digitalisierung für die Schweiz recht optimistisch, wie Schaeppi in einer Wortmeldung sagte. Aber auch ihn beunruhigen Entwicklungen aus dem Ausland etwas. "Ich war vor vier Wochen in China und hatte das Gefühl, China ist eines der am schnellsten sich ändernden Länder in Sachen Digitalisierung", so Schaeppi.

Einer, der immer ein kritisches Auge auf die digitale Entwicklung der Schweiz wirft und der am "Digital Competitiveness Summit" immer wieder erwähnt wurde , ist Taavi Kotka. Er war vier Jahre Digitalisierungsverantwortlicher der estnischen Regierung. Estland hat insbesondere öffentliche Bereiche wie Schulen oder Behörden- und Regierungsstellen massiv digitalisiert und auch digitale, computerlesbare Identitätskarte für alle Bürger eingeführt. 

"In der Schweiz wird noch immer über Dinge gerungen und diskutiert, welche nordische Staaten schon vor 20 Jahren eingeführt haben", sagte Kotka kürzlich in einem Interview mit cash.ch. Die Haltung und Positionen der Schweiz würden sich zum Nachteil wenden. "Die Schweiz wird in Sachen Digitalisierung nicht bereit sein, und sie wird deshalb in Zukunft kaum Wettbewerbsvorteile mehr haben", sagte Kotka gegenüber cash. 

Kotkas provokative Statements wirkten und wirken noch immer wie ein konstanter Antrieb für die Digitalisierungs-Protagonisten der Schweiz. "Die Schweiz hat alle Voraussetzungen, im digitalen Ranking weiter nach oben zu klettern. Aber andere könnten schneller sein", warnte Walder in seinem Schlusswort.

Das World Digital Competitiveness Yearbook des IMD wurde in diesem Jahr zum zweiten Mal erstellt und ist ein Bereich des seit 1989 erscheinenden World Competitive Ranking des IMD. Ziel des Rankings zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit ist es zu bewerten, inwieweit ein Land die digitalen Technologien einsetzt und erforscht, welche zu einem Wandel in Politik, Wirtschaft und der Gesellschaft im Allgemeinen führen. Das IMD in Lausanne analysiert die digitale Wettbewerbsfähigkeit anhand 3 Faktoren: Wissen, Technologie und "Future readiness". Insbesondere beim letzen Punkt hat sich die Schweiz auf Platz zehn von zuvor 13 verbessert. Bei Wissen sank die Platzierung hingegen leicht auf sechs von vier und bei Technologie auf neun von acht.