Internationaler Handel - China erstmals grösster deutscher Exportkunde - Ein Problem?

Die Abhängigkeit der deutschen Exporteure vom China-Geschäft ist so gross wie nie zuvor.
12.09.2020 12:00
Der chinesische Premierminister Li Keqiang mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel.
Der chinesische Premierminister Li Keqiang mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel.
Bild: Bloomberg

Erstmals in einem Quartal verkauften sie mehr Waren dorthin als in die USA und jedes andere Land der Welt, weil sich die Volksrepublik schneller von der Corona-Krise erholt. Von April bis Juni summierten sich die Ausfuhren nach China auf fast 23 Milliarden Euro, erklärte das Statistische Bundesamt auf Reuters-Nachfrage. Die Exporte in die Vereinigten Staaten - in den vergangenen Jahren Kunde Nummer eins - lagen hingegen nur bei gut 20 Milliarden Euro. Für die deutsche Wirtschaft kann die wachsende Abhängigkeit von China zum Problem werden: Eskaliert etwa der Konflikt zwischen Washington und Peking, könnte Deutschland erhebliche Schäden davontragen.

"Wenn die Amerikaner die Keule rausholen und eine Sanktionsliste beschliessen gegen alle, die mit der Volksrepublik handeln, dann sähe es düster aus", warnt der designierte Präsident des Bundesverbandes Aussenhandel, Grosshandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner. "Verheerend wäre es, wenn die USA diejenigen bestrafen, die mit China handeln. Das würde die deutsche Wirtschaft massiv belasten." Die Amerikaner gelten nicht gerade als zimperlich, wenn es darum geht, eigene Interessen zu verteidigen. Deutschland bekommt das unter anderem mit Sanktionsdrohungen gegen die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 oder gegen Firmen, die mit dem Iran Geschäfte machen, zu spüren.

Die Grossmächte USA und China sind spätestens seit Amtsantritt von Präsident Donald Trump auf Konfrontationskurs. Der Handelsstreit - bei dem sich beide Seiten gegenseitig mit Strafzöllen überzogen haben - wurde zu Jahresbeginn zwar mit einem Teilabkommen entschärft. Doch sind Konfliktherde wie der Umgang Pekings mit der uigurischen Minderheit und mit Hongkong hinzugekommen. Die US-Regierung erweiterte zuletzt ihre schwarze Liste, um chinesische Industrien zu treffen und deren Geschäfte einzuschränken. Inzwischen sind dort mehr als 275 in China ansässige Firmen aufgezählt - von den Netzwerkanbietern Huawei und ZTE bis hin zur Chipfirma Semiconductor Manufacturing International.

«Wir wissen nicht, wohin die Reise geht»

"Die Politisierung der globalen Lieferketten wird den Druck auf China verstärken, Wertschöpfungsketten ins Land zu holen und Abhängigkeiten vom Ausland zu senken", sagt der Chefökonom des Mercator Institute for China Studies (Merics), Max Zenglein. "Das kann sich auf die deutschen Exporte auswirken." Allein 2019 lieferten die Unternehmen Waren im Wert von 96 Milliarden Euro in die Volksrepublik. Langfristig gesehen dürfte Chinas Wirtschaft zwar grösser und als Markt damit noch wichtiger werden. "Allerdings: Wir wissen nicht genau, wohin die Reise geht", betont Zenglein. "China möchte seine Abhängigkeit vom Ausland reduzieren, dort weniger kaufen und dafür die eigenen Unternehmen stärken." Es gebe auch Ambitionen, mit Deutschland international zu konkurrieren. "Holen chinesische Unternehmen auf, werden sie zuerst auf ihrem Heimatmarkt als Konkurrent auftreten, dann auch auf Drittmärkten", warnt Zenglein.

Das sieht ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski ähnlich. "China wird immer mehr zum Konkurrenten", sagt er. Dennoch dürften die Volksrepublik neben den USA der wichtigste Exportkunde bleiben. "Das macht eine Entscheidung, an wen man sich stärker binden sollte, so schwierig", sagt Brzeski. "Historisch gesehen sind die Verbindungen mit den USA stärker." Unter Trump haben sich die Beziehungen zwischen beiden Länder aber verschlechtert - nicht zuletzt wegen des Handelskonfliktes, bei dem Trump auch europäische Unternehmen mit Strafzöllen überzogen hat.

Balanceakt

Die deutsche Exportwirtschaft erwartet selbst dann Konflikte mit den USA, wenn Trump bei der Präsidentschaftswahl am 3. November von seinem demokratischem Herausforderer Joe Biden besiegt werden sollte. "Der Protektionismus wird unter einem Präsidenten Biden nicht weniger sein als unter Donald Trump", sagte der designierte BGA-Präsident Börner. "Auch die Demokraten sind keine grossen Freunde eines liberalen Welthandels."

Was also sollte Deutschland tun, um nicht als weinender Dritter aus einem eskalierenden Konflikt zwischen den USA und China hervorzugehen? "Es ist wichtig, den Handel zu diversifizieren und nicht zu abhängig zu werden vom China-Geschäft", rät Merics-Chefökonom Zenglein. "Das heisst etwa, den indo-pazifischen Raum und die ASEAN-Länder nicht aus den Augen zu verlieren." Länder wie Japan oder Südkorea, für die China ebenfalls enorm wichtig ist, würden den Balanceakt zwischen Partnerschaft und Rivalität auch ganz gut hinbekommen.

(Reuters)