cash.ch am WEF 2022

Interview - Sandra Navidi: «Die Stimmung in New York und in Davos ist eher pessimistisch»

Die Wirtschaftsexpertin und Autorin Sandra Navidi erwartet weiteren Druck auf die Finanzmärkte, wie sie im Gespräch am WEF in Davos erklärt. Doch viele WEF-Leute fürchten auch anderes Ungemach, wie sie sagt.
24.05.2022 20:22
Interview: Daniel Hügli, Davos
Sandra Navidi, Finanzexpertin, Buchautorin und CEO von BeyondGlobal am WEF 2022 in Davos.
Bild: cash

Fast pünktlich zur Jahreswende kam auch die Wende an den Börsen: Seit Anfang Januar hat der Dow Jones Index in den USA über 12 Prozent verloren. Vor allem Technologieaktien sind in diesem Jahr angesichts steigender Zinssätze und einer starken Inflation schwer belastet worden. Resultat: Der Nasdaq 100 hat in diesem Jahr bislang über 26 Prozent nachgegeben. Auf kurze, teils heftige Erholungsversuche folgen jeweils nicht minder deutliche Rücksetzer.

Investoren und Investorinnen sollten gut abwägen, ob sie in die gefallenen Börsen schon "hineinkaufen" sollen - und vor allem welche Titel sie dabei auswählen. Denn die Gefahr weitere Rücksetzer ist latent. "Ich denke, dass der Markt noch weiter fallen kann“," sagt Sandra Navidi, Autorin, Wirtschaftsexpertin und Gründerin des Beratungsunternehmens BeyondGlobal, im Gespräch mit cash.ch am World Economic Forum in Davos.

Es sei viele Jahre viel Geld in den Markt gespült worden, man habe fast schon verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten gesucht, so Navidi weiter. "Das sieht man auch an Ausartungen wie im Kryptobereich, wo die Leute sehr grosse Risiken gefahren sind", so Navidi.

Navidi begründet ihre Einschätzung auch damit, dass die Investorenstimmug in New York, ihrem jahrelangen Wohnsitz, eher pessimistisch sei, "aber einigermassen gefasst". Auch am WEF in Davos sei die Gemütslage eher pessimistisch. Deratige Stimmungslagen sollte man bei fallenden Börsen nicht unterschätzen, da sie laut Navidi einen Rückkopplungseffekt auf die Märkte haben könnten. 

Verständnis für die Federal Reserve

Jüngst machen den Investoren vor allem die sich häufenden Umsatz- und Gewinnwarnungen der Unternehmen vorab aus dem Konsumsektor zu schaffen. Die Warnungen deuten auf eine sich abkühlende Konjunktur hin. Die Aktien von Snapchat-Betreiber Snap und der Modefirma Abercrombie & Fitch zum Beispiel brachen am Dienstag nach entsprechenden Ankündigungen um 43 beziehungsweise 29 Prozent ein. 

Viele Marktteilnehmer machen die US-Notenbank Federal Reserve für den heftigen Börsenrückgang verantwortlich, weil die Geldhüter im letzten Jahr zu lange mit geldpolitischen Massnahmen zugewartet hätten. Die Inflationsrate in den USA befindet sich auf dem höchsten Stand seit über 40 Jahren. Die Fed hatte die Zinswende erst im März eingeleitet und die Zinsen dann Anfang Mai um 0,5 Prozent erhöht. Für die nächsten Monate erwarten Experten eine Serie weiterer kräftiger Anhebungen.

Die US-Wirtschaft war im ersten Quartal überraschend eingebrochen, was Befürchtungen einer Rezession erhöhte. "Die Fed hat nun die schwierigste Aufgabe“, sagt Navidi im Video-Interview zur Frage, ob die Fed eine Rezession vermeiden könne. Navidi zeigt auch Verständnis für die Geldpolitik von Fed-Chef Jerome Powell. "Die Fed wollte vor allem nach Corona nicht riskieren, dass die Wirtschaft vorzeitig abschmiert". Die USA habe eigentlich "ein Luxusproblem", die Konjunktur sei im letzten Jahr viel zu schnell gewachsen.

Navidi fügt an, dass der Pessimismus unter den teils sehr vermögenden Personen am WEF auch private Gründe habe. Viele fürchteten wegen der hohen Ausgaben in den letzten Jahren, höheren Zinsen und der steigenden Verschuldung happige Steuererhöhungen.