«Jetziges Euro-System ist langfristig nicht haltbar»

Thomas Mayer ist einer der Top-Ökonomen Deutschlands. Im ersten Teil des cash-Interviews erklärt Mayer, warum er die Euro- mit der Rubelzone vergleicht und weshalb die Währungsunion grössere Probleme hat als je zuvor.
16.09.2013 06:58
Interview: Daniel Hügli, Frankfurt
Thomas Mayer war von Anfang 2010 bis Mitte 2012 Chefökonom der Deutschen Bank.
Bild: cash

cash: Herr Mayer, Sie sind ex-Chefökonom der Deutschen Bank und nun Berater des Instituts. Ihr Buch 'Europas unvollendete Währung' erschien im letzten Oktober auf Englisch und im Frühjahr auf Deutsch. Was hatte das Buch für eine Resonanz?

Thomas Mayer: Es wurde sehr freundlich besprochen. In wichtigen Zeitungen und Fachzeitschriften wie 'Economist', 'Financial Times' 'Foreign Affairs' oder 'CFA Review' erschienen Rezensionen. Die Verkaufszahlen waren allerdings nicht so, dass es mich in die Bestsellerlisten katapultiert hätte... (lacht)

Sind Sie leicht verstimmt darüber?

Nein, aber ich habe dazugelernt. Das Buch ist vielleicht nicht genau die dieselbe leichte Kost wie andere Bücher mit ähnlichem Thema in den Bestsellerlisten. Um ein Buch mit diesem Thema zu einem kommerziellen Erfolg zu bringen, müsste man vielleicht einen fetzigeren Titel wählen, vorzugsweise kombiniert mit irgendwelchen Verschwörungstheorien.

Hat es nicht auch damit zu tun, dass sich die Leute des Themas ein wenig überdrüssig sind?

Das mag auf den ersten Blick der Fall sein. Aber wenn Sie sich Umfragewerte anschauen, auch zu den Deutschen Wahlen, dann steht die Euro-Frage immer ganz oben. Das Thema beschäftigt die Leute.

In der Eurozone ist es seit geraumer Zeit relativ ruhig, die Staatsanleihen-Renditen bewegen sich auf viel tieferem Niveau. Trotzdem sagten Sie noch vor ein paar Monaten, die Eurozone stecke in den grössten Schwierigkeiten als je zuvor. Sind die Märkte blöd?

Die Märkte sind nicht blöd. Man hat sich bloss Ruhe erkauft, indem man das Problem anders angeht. Ich unterscheide zwei Phasen in der Eurokrise. Die erste Phase war von 2010 bis Anfang 2012. Da bemühte man sich, die EWU auf der Basis des Maastrichter Vertrages zu erhalten. Der Maastrichter Vertrag wollte den Euro als Warengeld, er zeichnete eigentlich einen Goldstandard nach. Laut der Bail-Out-Klausel des Vertrages ist jedes Mitglied für sich selber verantwortlich. Wer nicht mithalten kann, steuert auf den Staatsbankrott hin. Man hat dann aufgrund der Griechenland-Umschuldung Ende 2011 gemerkt, dass auf dieser Basis mit der Währungsunion nicht weitergemacht werden kann. Fiskaldisziplin und Budgetrestriktionen wurden nicht von allen Ländern gleichermassen eingehalten. Dann hat man den Ansatz wohl auf Initiative von Angela Merkel geändert. Erstes Ziel war nun der Erhalt der Mitgliedschaft in der EWU.

Wie äusserte sich der Wandel?

Sie können es daran sehen, dass das Wort 'Grexit' nach dem August 2012 fast verschwunden ist. Man ging also weg vom Gold-Standard hin zu dem, was ich staatliches Schuldgeld nenne. Der Euro wurde zu einer Schuldverschreibung und die Zentralbank zu einer Staatszentralbank innerhalb einer Wirtschaftsregierung. Man hat also den Charakter des Euros grundsätzlich geändert. Wenn Sie aber den Euro als staatliches Schuldgeld aufziehen, dann brauchen Sie dafür einen Staat. Die Federal Reserve ist die Staatszentralbank der USA, sie kauft ja fleissig US-Staatsanleihen. Nun hat die EZB 2012 gesagt, dass sie das im Zweifelsfall auch machen will. Angela Merkel hat dann begonnen, das zu bauen, was ich den Euro-Schattenstaat nenne. Ein Netzwerk von Verträgen wie ESM, ‚Two Pack‘ oder ‚Six Pack‘ ist sozusagen die Ersatzverfassung. Die Schattenregierung ist der Europäische Rat, die Exekutive ist die Eurogruppe und als mobile Einsatztruppe fungiert die Troika. Das hat keine demokratische Legitimität. Die Leute beginnen natürlich gegen dieses System zu rebellieren. Das sieht man an der Abwahl Mario Montis in Italien, oder denken Sie an die Krisen in Griechenland und Portugal. Es funktioniert nicht. Sie haben ein Staatsschuldgeld ohne Staat, eine Staatszentralbank ohne Staat.

Sie haben das einmal mit der Rubelzone verglichen.

Genau. Als sich die Sowjetunion 1990 auflöste, hatten sich die Teilrepubliken dazu entschlossen, den Rubel zu behalten. Sie wollten staatliche Strukturen schaffen und die nationale Wirtschaftspolitik koordinieren. Das gelang nicht. Sie hatten eine Staatszentralbank, bei der sich alle mit Krediten bedienten, und Staatsgeld ohne einen Staat. 1992 gingen dann die Länder mit Präferenz für niedrigere Inflation und stärkerer Währung, nämlich die Balten, aus der Rubelzone, 1993 verliess Russland das System, das darauf in die inflationäre Stratosphäre eintrat. Ich fürchte, es ist der Weg, der die Eurozone eingeschlagen hat.

Das sind keine guten Aussichten für die Eurozone.

Das Modell, das man gewählt hat, ist fundamental nicht zu halten. Es gilt der alte Satz: Eine Währungsunion auf der Basis von Schuldgeld hat nur Bestand, wenn sie von der Bildung eines Staates begleitet wird.

Sie prognostizierten Mitte letzten Jahres auch den 'Geuro', eine Parallelwährung für Griechenland. Ist das auch für andere Euro-Länder denkbar?

Grundsätzlich entstehen Parallelwährungen, wenn das offizielle Währungsgerüst nicht passt. Zum Beispiel dann, wenn die offizielle Währung zu knapp ist. Dann entwickeln sich Tauschmittel, oder der Staat gibt Schuldscheine heraus, weil er nicht mehr an die knappe, offizielle Währung herankommt. Parallelwährungen entwickeln sich aber auch dann, wenn ein Zuviel von der offiziellen Währung vorhanden ist. Bei Griechenland im letzten Jahr war es so, dass der Euro als Gold, aufgrund der Überlegungen der Maastrichter-Verträge, zu knapp gewesen wäre. Die Ausgabe einer Parallelwährung als staatliches Schuldgeld wäre die Alternative. Im August machte man den Euro zum staatlichen Schuldgeld. Die Wahrscheinlichkeit ist jetzt grösser, dass in den stärkeren Ländern eine Parallelwährung entsteht.

Hat sich die Frage der Parallelwährung demnach in Richtung Hartwährungsländer verschoben?

Ja. Historisches Beispiel ist wieder die Rubelzone. Es gingen die starken Länder aus einer Währungsunion und bauten sich neue, härtere Währungen. Die schwachen Länder hatten zuvor längst die Druckerpresse übernommen und druckten Geld, wie sie es brauchten. Das derzeitige Euro-System ist daher meines Erachtens langfristig nicht haltbar.

Welches der starken Euro-Länder könnte als erstes eine neue Währung bauen?

Der erste Kandidat, als Test, wäre vielleicht Finnland. Das Land hat sich von der Euro-Rettungspolitik schon weitgehend verabschiedet und bleibt eigentlich bloss noch dabei, weil die Finnen denken, der Euro sei ein Nato-Ersatz. Die Finnen würden wohl den Anfang machen, wenn sie sähen, dass sich auch Deutschland bewegte.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Die Inflation in diesen Ländern würde stärker ansteigen als erwünscht. Das ist ja nicht unwahrscheinlich, da die EZB nun Geldpolitik für die schwächeren Länder betreibt. In Deutschland könnte sich dann eine Tendenz herausbilden, dass man Verträge wie Mieten, Finanzen oder Löhne an die deutsche Inflationsrate indexiert. Diese Verträge könnten nach einer gewissen Zeit in eine neue Währung überführt werden. Das wäre dann eine virtuelle Parallelwährung. Also nicht als Geldschein in der Tasche, sondern als Buchgeld. Also Beträge, die man auf dem Konto hat. Bei Bargeldgebrauch ginge man dann einfach zur Cash-Maschine und bezöge Geld, das man dem Kontoinhaber zum Tageskurs vom Hartwährungskonto abzöge.

Die Buchwährung erhielte dann auch einen neuen Namen?

Genau. Der Euro wäre dann in diesen Ländern nur noch Zentralbank-Geld vorhanden in Form von Noten und Münzen, und nicht mehr als Buchgeld.

So etwas könnte ja nicht lange Bestand haben. Es wäre eine Frage der Zeit, bis diese Länder definitiv aus dem Euro austreten.

Da wäre ich mir nicht so sicher. Wenn die Inflationsrate in den starken Euro-Ländern steigt, kommt ein Mechanismus in Gang, den wir auf ähnliche Weise schon einmal beobachten konnten. Nämlich dann, als die Deutschen ihr Geld in Schweizer Franken anlegten. Bis die Schweizerische Nationalbank mit der Kursuntergrenze dem Treiben einen Riegel schob. Eine Parallelwährung in den starken Euro-Ländern würde von den Regierungen sicher nicht propagiert, aber geduldet. Weil die Wähler sonst auf die Barrikaden gingen und einen normalen 'Exit‘ erzwängen.

Das waren eher langfristige Aussichten. Was bedroht die Eurozone kurz- und mittelfristig?

Der Euro-Schattenstaat knirscht. Das merkt man an den Implementierungsproblemen, von denen es in näherer Zukunft hauptsächlich zwei gibt: Das deutsche Verfassungsgericht muss das unbegrenzte Anleiheverkaufsprogramm der EZB, das so genannte OMT, beurteilen. Viele Beobachter würde es nicht erstaunen, wenn das Gericht das OMT-Programm als unzulässige Kompetenzerweiterung der EZB beurteilen würde. Dann ist auch die Bankenunion voller Stolperdrähte. Der wirkliche Sprengstoff für die EWU wird aber wie gesagt erst dann kommen, wenn die Inflationsrate in Deutschland steigt aufgrund einer zu lockeren Geldpolitik. Das wird aber noch ein paar Jahre dauern. Ich erwarte erst für die Wahlen 2017 in Deutschland eine Euro-Diskussion.

Die EZB teilt aber immer mit, dass sie die Inflation problemlos bekämpfen kann.

Sie kann es aber nicht aufgrund der stark divergierenden Wirtschaftsentwicklungen. Die EZB kann nur die durchschnittliche Inflationsrate kontrollieren, nicht aber diejenigen in den einzelnen Ländern. Wir werden in Zukunft niedrige Inflationsraten und hohe Arbeitslosigkeit in den lateinischen Ländern haben. In Deutschland dagegen werden niedrige Arbeitslosigkeit und hohe Inflationsraten eintreffen. Mit dem einen Fuss steht die EZB im Eisblock, mit dem anderen im Feuer.

Um es auf einen Nenner zu bringen: Wohl und Wehe des Euroraumes hängen Ihrer Meinung von einer Zahl ab. Von der deutschen Inflationsrate.

Ich denke ja. Und von der Verminderung der Divergenzen im Euroraum. Aber da sind ja die Anstrengungen in Sachen Strukturreformen wieder aufs Minimum gesunken.

Lesen Sie am Dienstagmorgen den zweiten Teil des Interviews mit Thomas Mayer auf cash.ch.

Im cash-Video-Interview äussert sich Thomas Mayer auch zu den bevorstehenden Wahlen in Deutschland.

Thomas Mayer war von 2010 bis 2012 Chefökonom der Deutschen Bank und berät heute Grosskunden des Geldinstitutes. Er ist zudem Senior Fellow am Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität und schreibt eine wöchentliche Kolumne für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.