«In kompletter Ungewissheit passieren die kreativsten Dinge»

Vom Devisen-Profi zum zuhörenden Coach: Thomas Bisig wagte den radikalen Neuanfang. Er rät zum mutigen Schritt ins Ungewisse. Teil IV der cash-Interviewserie zum Thema «Berufliche Quereinsteiger».
21.12.2016 23:55
Interview: Ivo Ruch
Der zuhörende Coach Thomas Bisig auf dem Zürcher Sechseläutenplatz.
Der zuhörende Coach Thomas Bisig auf dem Zürcher Sechseläutenplatz.
Bild: ZVG

Thomas Bisig (34) hat vor drei Jahren das Zuhörer Studio gegründet. Er bietet professionelle Begleitung für Einzelpersonen, Gruppen und Unternehmen an, indem er auf gewaltfreie Kommunikation und achtsames Zuhören setzt. Vor seiner Zeit als Coach war Bisig im Finanz-Consulting und im Devisenhandel tätig.

Das Gespräch mit Thomas Bisig ist Teil vier der cash-Interviewserie zum Jahresschluss. 2016 befasst sich cash mit dem Thema "Berufliche Quereinsteiger und Neuorientierung".

cash: Herr Bisig, Sie haben theoretische Physik an der ETH studiert, waren dann Consultant und anschliessend Programmierer für einen Währungshändler.  Was hat Ihnen an diesen Jobs nicht gefallen?

Thomas Bisig: Consulting war langweilig: viel Anzug und wenig Mensch. Doch mein letzter Job beim Devisenhändler Richard Olsen war sehr spannend.  Ich habe jedoch nicht gekündigt, weil mir die Arbeit nicht mehr gefiel, sondern weil ich eine neue Herausforderung suchte.

Hatten Sie vor der Kündigung bereits einen Plan für die Zukunft?

Nein, aber mein damaliger Chef gab mir viele Freiheiten. Nach einer Übergangsphase von etwa einem halben Jahr gründete ich das Zuhörer Studio. Was meine genaue Tätigkeit sein würde, wusste ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Wie würden Sie Ihren jetzigen Beruf beschreiben?

Ich bezeichne mich als Coach und achtsamen Zuhörer. Ich halte anderen, seien es Gruppen, Einzelpersonen oder Unternehmen, in kommunikativer Form einen Spiegel vor. Mein Gegenüber fängt damit dann etwas an, das ihm weiterhilft. Eine genaue Bezeichnung dafür gibt es aber nicht.

Wie sind Sie auf das Konzept der Achtsamkeit gestossen?

Ich war vor etwa acht Jahren in einem Meditationsretreat. Drei Tage lang schweigen und meditieren hat vieles für mich verändert. Dort habe ich auch die buddhistische Achtsamkeit kennengelernt.

Inwiefern gibt es Ähnlichkeiten zu Ihren früheren Berufen?

Ich habe in meinem Leben etwa 25 Jobs ausgeübt. Alle haben mich weitergebracht, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Ich habe beispielsweise gelernt, dass es in der Finanzwelt mehr um Form als um Inhalt geht.

Was macht Ihnen besonders Spass an Ihrer jetzigen Arbeit?

Vor allem, dass es mehr um Inhalt als um Form geht – mehr Mensch als Anzug. Dass ich mit Gefühlen, Bedürfnissen, Schmerzen, Freuden und Veränderungen zu tun habe. Der Mensch steht im Mittelpunkt mit all seinen guten und schlechten Seiten.

Inwiefern vermissen Sie Ihre ehemaligen Tätigkeiten?

Das sehr punktuelle Problemlösen beim Programmieren fehlt mir manchmal.

In gewisser Hinsicht sind Sie ja heute immer noch ein Problemlöser.

Viel eher mache ich es möglich, dass die Leute ihre Probleme erkennen, damit sie diese selber in Angriff nehmen können. Ich gebe selten Tipps und Ratschläge, sondern bin wie eine Taschenlampe, die Licht in einen dunklen Raum bringt.

Der Wechsel vom gut bezahlten Finanzjob in die Selbstständigkeit stellte auch ein Risiko dar. Wo mussten Sie Abstriche machen?

Vor allem im finanziellen Bereich. Ich verdiene heute etwa noch einen Drittel meines früheren Lohns. Auch weil ich meine Dienste mehrheitlich auf Spendenbasis angeboten habe. Viele Abstriche waren aber sehr hilfreich. Beispielsweise die Rückkehr in eine Wohngemeinschaft oder das Trennen von Möbeln und anderem Besitztum.

Haben Sie jemals Aufträge abgelehnt?

Das hat es noch nie gegeben. Aber wenn die Absicht hinter einem Coaching die reine Leistungssteigerung ist, dann bin ich nicht interessiert. Mir geht es darum, dass die Menschen besser funktionieren können. Die meisten Unternehmen kommen ohnehin mit konkreten Problemen auf mich zu. Zum Beispiel hohe Mitarbeiterfluktuation oder stressiger Pikettdienst.

Können Sie sich vorstellen, in Zukunft nochmals einen radikalen Jobwechsel vorzunehmen?

Ja. Ziemlich sicher wird es dazu kommen. Veränderung ist etwas Schönes. Wenn man vor kompletter Ungewissheit steht, entstehen die kreativsten Dinge. Aber was ich machen werde, das weiss ich noch nicht.

Was raten Sie Leuten, die ebenfalls einen radikalen Berufswechsel anstreben?

Den ersten Schritt zu machen. Das ist einfach und schwierig zugleich. Viele Leute studieren viel zu lange am Entscheid herum und probieren, alles vorzubereiten. Doch meistens scheitern sie am ersten Schritt, weil dieser der schwierigste ist. Alles was danach kommt, weiss niemand. Etliche meiner Kollegen aus dem Consulting haben mir zu meinem Entscheid gratuliert und gesagt, sie würden meinem Beispiel folgen. Aber alle arbeiten immer noch dort.

 

Bisher erschienen in der cash-Interviewserie "Berufliche Quereinsteiger und Neuorientierung":

Von der Dentalassistentin zur Trampilotin: Nadia Marbet (20.12.)

Vom Lehrer zum Theologen: Walter Weibel (19.12.)

Vom Banker zum Weinbauer: Marcel Bühler (18.12.)