Kolumne

Kryptowährungen - Bitcoin - das Ende ist nah

Die Kunst- und Casinowährung Bitcoin ist eine Blase. Sie wird platzen. Aber bis dahin werden tausende Milliarden sinnlos umverteilt und sehr viel Strom verbraucht.
14.08.2017 15:55
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Bitcoin - das Ende ist nah
Bild: ZVG

Immer wenn eine Blase platzt, geht dasselbe Spiel los. Wer hat das Ende kommen sehen? Dabei genügt es nicht, dass man es einmal gesagt hat, nein, die Vorhersage muss schriftlich dokumentiert sein, am besten in einer prestigereichen Ökonomiezeitschrift, notfalls in einem Kommentar auf cash.ch. Und nachdem die NZZ neue Rekordkurse vermeldet hatte - 4000 Dollar pro Bitcoin und 80 Milliarden Dollar* insgesamt - wird die Zeit wohl allmählich knapp. Fast jeden Tag kommen neue Privatwährungen dazu. Rund 800 sind es schon. Allmählich werden die Kryptowährungen zur Plage.

Lesen Sie also hier, warum das Ende der Bitcoins längst überfällig ist. Zunächst muss erklärt werden, warum normales Geld werthaltig ist - zum Beispiel der Franken. Nun, erstens, weil man damit in der Schweiz Waren, Dienstleitungen und Immobilien kaufen kann und zweitens, weil die Nationalbank dafür garantiert, dass im Verhältnis zum BIP (der Summe aller jährlich produzierten Waren und Dienstleistungen) nicht zu viele Franken in Umlauf kommen, und dass die Noten fälschungssicher sind. Der Wert einer Währung hängt also auch davon ab, dass sie knapp gehalten wird und dass jemand für diese Knappheit garantiert.

Rentable Schulden

Diese Garantien sind, wie sich zeigt, ein gutes Geschäft. Die SNB kann - vereinfacht formuliert - mit einem Aufwand von wenigen Franken ausländischen Spekulanten hunderte Milliarden Franken auf einem Konto gutschreiben. Sie erhält dafür verzinsliche Wertschriften und kassiert zudem auf ihren eigenen Schulden (bzw. den Franken-Guthaben der Spekulanten) einen Strafzins von 0,75%.

Wer möchte das nicht auch? Doch wie, wenn man keine Zentralbank ist? Die privaten Herausgeber der Kryptowährungen haben die Lösung. Sie haben einen Algorithmus erfunden, der glaubhaft sicherstellt, dass ihre Währung nicht beliebig vermehrt und nicht gefälscht werden kann. Das Stichwort heisst Blockchain. Vereinfacht gesagt: Die Bitcoin-Guthaben und -Schulden werden nicht in einem zentralen Register geführt (wo sie manipuliert werden könnten), sondern alle Transaktionen werden bei allen Teilnehmern des Systems gespeichert. Sie zu fälschen würde einen ungeheuren Aufwand bedingen.

Damit sind zwei wesentliche Bedingungen einer Währung erfüllt: Knappheit und Fälschungssicherheit. Doch wo bleibt das wichtigste Element, das BIP? Nun, die Bitcoins, diese Schmarotzer, nähren sich von demselben BIP, das auch hinter den Franken, den Euros, Dollars usw. steckt. Wenn ich Franken gegen Dollar tausche, erhalte ich einen Anspruch auf das BIP der USA. Ein fairer Tausch. Wer hingegen Franken gegen Bitcoins tauscht, tritt dem Verkäufer der Bitcoins seine Ansprüche auf das BIP der Schweiz ab. Punkt. Keine Gegenleistung. Aber: Er wird Teilnehmer an einem Schneeballsystem und setzt darauf, seine Bitcoins einem noch dümmeren verkaufen zu können.

Energiefresser

Das diese Rechnung bisher aufgegangen ist, hängt auch damit zusammen, dass die Bitcoins und die anderen Kryptowährungen erstens bisher erst einen sehr kleinen Teil der umlaufenden Geldmenge ausmachen. Zweitens werden sie vor allem zu spekulativen Geschäften in der Finanzsphäre gebraucht. Damit haben sie wenig Einfluss auf die Preise von Waren und Dienstleistungen. Ihr Anspruch auf das BIP fällt (noch) nicht ins Gewicht.

Mit einer wichtigen Ausnahme: Weil Bitcoins auf der Blockchain-Technologie (dezentrale Verbuchung) beruhen, verbrauchen sie sehr viel Computerkapazität und damit Energie. Das ist übrigens auch das Geheimnis ihrer Knappheit. Bitcoins erhält - schürft - man, indem man Computerkapazität für den Betrieb des Bitcoin-Zahlungs- und Verrechnungssystems zur Verfügung stellt. Das lohnt sich so lange, als der Wert der neu geschürften Bitcoins die Kosten ihrer Produktion übersteigt. Das wird nicht mehr lange der Fall sein. "Sogar im optimistischsten Szenario wird die Schürfung eines einzigen Bitcoins 2020 schon 5500 Kilowattstunden (ca. 1000 Franken, der Autor) kosten, die Hälfte des jährlichen Stromverbrauchs eines durchschnittlichen US-Haushalts", das hat der Bitcoin-Fan Sebstiaan Deetmann hier ausgerechnet. Im selben Text schätzt er, dass eine Transaktion über Bitcoin 5033 mal mehr Energie verschlingt als eine entsprechende Überweisung mit Visa, und dass das Bitcoin-System schon letztes Jahr 12'000 Tonnen Hardware (Computer) beansprucht hat.

Wer wars?

Das Ende dieses Wahnsinns ist also abzusehen. Die Welt braucht keine Währung, die ihre ohnehin knappen Energieressourcen verschlingt. Die Frage ist bloss noch, wie glimpflich die Sache enden wird. Am Ende werden Aberhunderte Milliarden Dollar* Kaufkraft den Besitzer gewechselt haben. Wenn wir Glück haben, bleibt das eine Auseinandersetzung unter Spekulanten, die sich gegenseitig die Augen ausgehackt haben werden. Wahrscheinlicher ist es, dass die Initianten der Kryptowährungen per Saldo als milliardenfache Gewinner dastehen und dem Rest der Welt einen Finanzcrash hinterlassen.

Spätestens dann wird sich - wie nach 2008 - die Frage nach der Verantwortung stellen. Wer hat diesen Gaunern freie Hand gelassen? Wer hat wann was gewusst - und nicht gehandelt? Zwei Hauptverdächtige stehen jetzt schon fest: Die Stadt Zug, die Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptiert hat, und die NZZ, die das als "Pioniertat" gefeiert hat.

*ursprüngliche Zahl von 3700 Milliarden Dollar wurde korrigiert (Red.). 
 

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Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».