Kolumne

Kryptowährungen - Ether Staken

Das Staken der Kryptowährung Ether ist für langfristig orientierte Anleger durchaus attraktiv. Doch wie funktioniert das Staken? Und mit wieviel Zins pro Jahr kann man rechnen?
20.06.2021 17:32
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Helmut Dietl ist Professor am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.
Helmut Dietl ist Professor am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.

Wer die Kryptowährung Ether besitzt, kann sie Staken und damit derzeit 5 bis 7 Prozent Zinsen pro Jahr verdienen. In dem aktuellen Marktumfeld mit Null- und sogar Negativzinsen und steigenden Inflationserwartungen erscheint dieses Angebot zu attraktiv, um wahr zu sein. Wie funktioniert das Staken und welche Risiken verbergen sich dahinter?

Lassen Sie mich hierzu zuerst etwas ausholen. Kryptowährungen sind dezentrale Zahlungs- und alternative Wertaufbewahrungsmittel. Die bekanntesten Kryptowährungen sind Bitcoin und Ether. Nach Marktkapitalisierung ist der Bitcoin aktuell hinter dem Russischen Rubel und dem Thailändischen Baht und vor dem Mexikanischen Peso an 16. Stelle aller Währungen. Der Ether rangiert an 33. Stelle und liegt damit knapp vor der Dänischen Krone.

Im Gegensatz zu traditionellen Zahlungsformen wie Banküberweisungen oder Kreditkartenzahlungen gibt es bei Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether keine zentrale Koordinationsstelle. Während beispielsweise bei einer Kreditkartenzahlung die Kreditkartenfirma die Identität der Transaktionspartner überprüft und die betreffenden Geldbeträge belastet bzw. gutschreibt, erfolgt die Verifikation der Zahlungen bei Bitcoin und Ether durch einen dezentralen Konsensmechanismus. Dies hat den Vorteil, dass es keine sogenannte Trusted Third Party braucht, der die Transaktionsparteien vertrauen müssen und die dadurch sehr viel Macht besitzt.

Anstelle einer Trusted Third Party vertraut das Bitcoin-Netzwerk auf die Verifikation der Transaktionen durch alle Systemteilnehmer und den dezentralen Proof-of-Work Mechanismus, an dem sich jeder Teilnehmer des Bitcoin-Netzwerkes zusätzlich als sogenannter Bitcoin-Miner (Schürfer) beteiligen kann. Dieser Proof-of-Work Mechanismus funktioniert vereinfacht gesagt wie folgt.

Wenn jemand eine Bitcoin-Transkation durchführen will, signiert er diese mit seinem privaten Schlüssel und beweist damit, dass er zu dieser Transaktion befugt ist. Dann gibt er die entsprechenden Informationen in den aktuellen Transaktionspool des Bitcoin-Netzwerks ein und muss warten, bis seine Transaktion von einem Bitcoin-Miner zusammen mit anderen Transaktionen aus dem Transaktionspool in einen potenziellen neuen Block aufgenommen wird.

Im nächsten Schritt fasst jeder Bitcoin-Miner die wichtigsten Daten aller Transaktionen in seinem potenziellen neuen Block sowie Daten des vorherigen Blocks zu einer Blocküberschrift zusammen. Aus der Zeichenfolge dieser Überschrift generiert ein Algorithmus nun eine komplexe mathematische Rechenaufgabe, die sich nur mit Hilfe des Einsatzes von Computerleistung lösen lässt.

Sobald ein Bitcoin-Miner diese Rechenaufgabe gelöst hat, kommuniziert er seinen Block zusammen mit der Lösung an alle anderen Teilnehmer des Bitcoin-Netzwerks. Diese akzeptieren den neuen Block, wenn die Lösung stimmt und die betreffenden Transaktionen keine Bitcoins enthalten, die schon anderweitig ausgegeben wurden.

Anschliessend holen sich alle Miner neue Transaktionen aus dem Transaktionspool, um an der Verifizierung des nächsten potenziellen Blocks zu arbeiten. Dabei geben die Miner die Daten des soeben verifizierten Blocks zusammen mit den neuen Transaktionsdaten in die Überschrift ihrer neuen potenziellen Blöcke ein.

Wenn mehrere Rechenaufgaben gleichzeitig gelöst und die betreffenden Blöcke zeitgleich an die bestehende Blockkette angehängt werden, entsteht eine Gabelung der Blockkette. In diesem Fall setzt sich derjenige Gabelzweig durch, an den die nächsten Blöcke angehängt werden und der damit am meisten Rechenleistung auf sich vereint. Aufgrund des Proof-of-Work Mechanismus einigt sich das Bitcoin-Netzwerk immer auf die stärkste Blockkette, weil sie mit dem meisten Rechenaufwand erzeugt wurde und deshalb am glaubwürdigsten ist. Die Transaktionen der Blöcke auf verwaisten Gabelungen werden wieder in den Transaktionspool zurückgeschickt. Deshalb kann es etwas dauern, bis eine Transaktion finalisiert ist.

Der Proof-of-Work Mechanismus schützt das Bitcoin-Netzwerk vor Manipulation. Gefälschte Blöcke können sofort an der Lösung der Rechenaufgabe erkannt werden. Um gefälschte Blöcke zu generieren, müssten bösartige Miner die betreffenden Rechenaufgaben immer schneller lösen als alle ehrlichen Miner zusammen. Dies wäre nur mit der Mehrheit der verfügbaren Computerleistung möglich und würde letztendlich mehr kosten, als durch die Manipulation erbeutet werden kann.

Bitcoin war die erste erfolgreiche Anwendung der Blockchain-Technologie. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl weiterer Anwendungen. Die bekannteste ist Ethereum. Während bei Bitcoin die Blockchain nur als Register dafür verwendet wird, wem die existierenden Bitcoins gehören, wurde die Ethereum-Blockchain in erster Linie entwickelt, um dezentrale Applikationen (kurz DApps) auf der Basis von Smart Contracts programmieren, anbieten und ausführen zu können.

Ein Smart Contract ist ein intelligenter Vertrag, der mit Hilfe von Softwareprogrammen, die in die Blockchain integriert werden, beim Eintritt vorab definierter Ereignisse programmierte Aktionen ausführt. Mit Hilfe von Smart Contracts auf der Ethereum-Blockchain lassen sich zahlreiche digitale Services wie beispielsweise Online Spiele, Prognose- und Wettplattformen, E-Voting Dienste, virtuelle Marktplätze sowie dezentralisierte Finanzdienste (DeFi) anbieten.

Die Ethereum-Blockchain verfügt auch über eine eigene Kryptowährung, den bereits erwähnten Ether. Auf der aktuellen Version 1.0 der Ethereum-Blockchain werden die Ether-Blöcke wie bei Bitcoin mit dem Proof-of-Work Mechanismus verifiziert. Da dieser Mechanismus aber verhältnismässig langsam ist und sehr viel Computerpower benötigt, soll er auf der neuen Version 2.0 der Ethereum-Blockchain durch den Proof-of-Stake Mechanismus abgelöst werden.

Beim Proof-of-Stake werden die Miner durch Validatoren ersetzt. Im Gegensatz zu Minern benötigen Validatoren keine grosse Rechnerleistung. Die Validatoren stehen auch nicht im Wettbewerb zueinander, sondern werden nach einem Zufallsprinzip ausgewählt. Wenn ein Validator ausgewählt wurde, muss er aus dem Transaktionspool neue Blöcke kreieren, die dann von den nicht ausgewählten Validatoren verifiziert werden. Damit ein neuer Block verifiziert wird, muss er von 128 Validatoren attestiert, d.h. für gut befunden werden.

Diese 128 Validatoren bilden ein sogenanntes Komitee. Jedes Komitee hat ein Zeitfenster, in dem es neue Blocks attestieren kann. Dieses Zeitfenster heisst Slot. 32 Slots bilden wiederum eine Epoche. Nach jeder Epoche wird das Komitee aufgelöst und ein neues Komitee aus anderen Validatoren gebildet.
Damit ein Block finalisiert und an die Blockkette angehängt werden kann, müssen mindestens zwei Drittel der Validatoren zustimmen. Ist diese Zustimmung erfolgt, erhält der Validator, der den Block kreiert hat, eine Belohnung in Form von Ether.

Um Validator zu werden, müssen 32 Ether eingesetzt werden. Diesen Vorgang nennt man Staken. Damit die Verifizierungsprozesse reibungslos funktionieren, müssen immer genügend Validatoren online sein. Sobald ein Validator unangemeldet offline ist, verliert er einen Teil seiner eingesetzten Ether. Auch betrügerisches Verhalten wie zum Beispiel das Attestieren ungültiger Blöcke führt zu einem Verlust des Einsatzes (sogenanntes Slashing).

Ähnlich wie beim Proof-of-Work die Gefahr besteht, dass ein Miner Pool, der über mehr als 50 Prozent der Computerleistung verfügt, die gesamte Blockchain manipulieren kann, besteht auch beim Proof-of-Stake die Möglichkeit eines Mehrheitsangriffs auf die Blockchain. Hierzu müssten über 50 Prozent der eingesetzten Ether kontrolliert werden. Die Angreifer würden sich damit aber selbst schaden, weil sie durch den Angriff den Wert ihrer eigenen Ether gefährden.

Die Möglichkeit, Ether zu staken und Validator zu werden, besteht bereits in der jetzigen Übergangsphase von Ethereum 1.0 auf Ethereum 2.0. Die Höhe der Rendite, die Validatoren dabei erzielen können, sinkt mit der Gesamtzahl aller Validatoren. Im günstigsten Fall beträgt die Bruttorendite 20 Prozent, kann aber auch auf unter 6 Prozent sinken. Dies ist aber im aktuellen Zinsumfeld immer noch eine stattliche Rendite.
Wer nicht über das erforderliche Spezialwissen verfügt, um Validator zu werden, oder wer weniger als 32 Ether einsetzen will, kann dies über sogenannte Staking Pools tun. Entsprechende Angebote gibt es von allen grösseren Handelsplattformen für Kryptowährungen. Auf diesem Weg können derzeit Renditen von 5 bis 7 Prozent erzielt werden.

Aktuell ist das Staken von Ether vor allem mit folgenden Risiken verbunden. Wer heute Ether staked, setzt darauf, dass sich die neue Ethereum Version 2.0 durchsetzt und kann bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr über die eingesetzten Ether verfügen. Sollte sich die neue Version nicht durchsetzen, besteht die Gefahr eines Totalverlustes, die aber von Experten als äusserst unwahrscheinlich eingeschätzt wird. Zudem besteht aufgrund der Volatilität des Ether Kurses ein grosses Währungsrisiko. Je nachdem, wie sich der Kurs des Ether entwickelt, fällt die in Franken, Dollar oder Euro berechnete Rendite höher, niedriger oder sogar negativ aus.

Insgesamt betrachtet ist das Staken von Ether für langfristig orientierte Anleger attraktiv, die ihre Ether in der nächsten Zeit nicht verkaufen wollen. Sie können durch das Staken eine ansehnliche Rendite erzielen.