À la Bitcoin - Löst eine Kryptowährung Kataloniens Dilemma?

Mit einer Kryptowährung à la Bitcoin könnte Katalonien die wirtschaftliche Abhängigkeit von Spanien und dem Euro reduzieren. An Überlegungen dafür mangelt es den Separatisten nicht - das Problem wäre eher die Umsetzung.
31.10.2017 13:39
Marc Forster
Textilien bedrucken ist eine Sache, Geld drucken eine andere: T-Shirts mit separatistischen Symbolen Kataloniens.
Textilien bedrucken ist eine Sache, Geld drucken eine andere: T-Shirts mit separatistischen Symbolen Kataloniens.
Bild: cash

Ein unabhängiges Katalonien hätte zwei grundlegende wirtschaftliche Probleme. Zum einen besteht logischerweise eine sehr enge Verflechtung mit dem übrigen Spanien, vor allem im Finanzwesen. Zum andern ist ungeklärt, ob die abtrünnige Region, wäre sie denn eine eigene Republik, vom Tag Eins an automatisch Mitglied der Eurozone wäre.

Mitglieder der - inzwischen funktionslosen, weil abgesetzten - Regionalregierung haben deswegen ernsthaft die Idee ausgelotet, mithilfe einer Kryptowährung im Stile von Bitcoin ein paralleles Währungssystem aufzuziehen. Ein virtuelles Finanzsystem, das auf der Blockchain-Technologie basiert, wäre eine Kampfansage an die spanischen Banken, die Kataloniens Wirtschaft dominieren.

Parallelwährungen sind nichts neues

Versuche, parallele und neue Währungen zu schaffen, gab es in der Geschichte schon viele. In früheren Zeiten wie nach dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie im Jahr 1918 war ein solcher Vorgang für die neu entstandenen Länder zwar schmerzhaft, aber nicht übermässig kompliziert: Man überdruckte einfach bestehende Noten mit neuen Symbolen und schuf eine eigene Zentralbank, die mit der Zeit eine eigene Geldpolitik machen konnte.

In der heutigen Welt mit stark vernetzten Systemen ist dies schwieriger. 2015 hatte die griechische Regierung Pläne, eine physische Parallelwährung für den "Grexit" aufzulegen. Der Austritt Griechenlands aus der Eurozone war damals ein reelles Szenario, aber eine "Neo-Drachme" zu kreieren hätte wohl im Chaos geendet. Der Plan einer digitalisierten Währung für Katalonien ist von der Idee her einiges cleverer.

Der «Estcoin» als Vorbild

Wie die Londoner Tageszeitung "The Daily Telegraph" schreibt, haben katalanische Unabhängigkeitspolitiker die Fühler nach Estland ausgestreckt. Der kleine Baltenstaat, ebenfalls Teil der Eurozone, ist in kurzer Zeit zu einem Fintech-Hub geworden. Dort gab es Überlegungen, mittels eines Initial Coin Offerings eine Kryptowährung namens "Estcoin" zu schaffen, um dem Land zusätzlich Mittel zu verschaffen und Tech-Investoren anzuziehen.

Estland wäre das erste Land der Welt, das so einen Schritt macht. Das Problem dabei ist aber: Mario Draghi und die Europäische Zentralbank (EZB) würden es verbieten. Neben dem Euro werden keine anderen Währungen geduldet. Eine katalanische Blockchain-Währung mit dem für diese Technologie charakteristischen dezentralisierten Buchführungssystem käme aber - zumindest theoretisch - ohne eine eigene Zentralbank aus.

Über-Nacht-Umstellung

Würde Katalonien nun aus Spanien "herauscrashen", wäre es wohl nicht automatisch Euro-Mitglied und daher nicht wie Estland an die Vorschriften Mario Draghis gebunden. Aber eine ganze Reihe anderer Probleme kämen auf das Land zu.

Finanztransaktionen müssten relativ schnell, idealerweise über Nacht, auf die neue Kryptowährung umgestellt werden. Die Durchführung dieses Plans ist aber schwer vorstellbar. Die spanischen Banken in Katalonien könnten sich weigern, die neue Kryptowährung anzuerkennen. Dies würde bedeuten, dass um die neue Währung herum sehr schnell ein neues Bankensystem errichtet werden müsste.

Weitere offene Fragen wären: Wie könnte Katalonien notfalls Kapitalkontrollen einführen? Und könnten die Staatsschulden einfach in die neue Währung übertragen werden? Und in welcher Währung würde die katalanische Regierung Gehälter ihrer Beamten bezahlen? Bräuchte es für die neue Währung eine Finanzaufsicht?

Alltagswährung wäre nötig

Im Alltag würde bei alledem eine physische Währung fehlen. Der Bevölkerung würden wenig Alternativen bleiben, als weiterhin den Euro als Bezahlungsmittel zu verwenden. Grundsätzlich ist dies möglich, denn auch die Nicht-Euro-Mitglieder Montenegro und Kosovo verwenden die Einheitswährung als Zahlungsmittel. Ob sich in einer weiterentwickelten Wirtschaft wie Katalonien eine solche de-facto-Währung einsetzen liesse, ist eine offene Frage.

Dennoch sind die katalanischen Kryptowährungsträume kein purer Grössenwahn. Aktuell wäre, wie geschildert, eine solche Umstellung praktisch kaum durchführbar, weil Kryptowährungen noch nicht breit etabliert sind und weil im konkreten Fall die Banco de España und die EZB währungspolitisch die Hebel in der Hand halten. In Zukunft ist es - falls Kryptowährungen wirklich Fuss fassen - durchaus denkbar, dass bestimmte Wirtschaftssysteme dank Digitalisierung, Blockchain & Co. traditionelle Systeme umgehen werden.

Beitrag des Daily Telegraph: «Here's how Catalonia can go about creating its own currency» (bezahlpflichtig)