Lord Adair Turner - Dieser britische Top-Ökonom will Helikoptergeld einführen

Seit den 1980er Jahren fallen die langfristigen Zinsen in den Industrieländern. Nur radikale Massnahmen könnten den Trend ändern, sagt Lord Adair Turner, Ex-Chef der britischen Finanzaufsicht und Oberhaus-Abgeordneter.
22.02.2017 12:14
Von Daniel Hügli, Frankfurt
Lord Adair Turner unterstützt die Idee des Helikoptergeldes.
Lord Adair Turner unterstützt die Idee des Helikoptergeldes.
Bild: ZVG

Ist er bloss ein Fantast, der unrealisierbare Thesen vertritt? Oder ein Visionär, über den das Ökonomen-Establishment in zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr lächeln wird?

Lord Adair Turner hat es jedenfalls geschafft, in die Schlagzeilen zu kommen. Gerade weil er als scheinbarer Vertreter der etablierten Business-Welt (als einer der renommiertesten Ökonomen Grossbritanniens, Ex-Unternehmensberater von McKinsey, ehemaliger Top-Manager bei Merrill Lynch und Ex-Chef der britischen Finanzaufsicht) eine provokante These vertritt: Weil die Industriestaaten nicht mehr aus ihrer wirtschaftlichen Misere herausfinden, sollen die Notenbanken den Staat direkt finanzieren. Sprich: Das Helikoptergeld muss her. 

"Ich habe mich gefragt, ob die Erwähnung Helikoptergeld hier in Deutschland nicht ein bisschen gefährlich ist", sagte Turner in seiner Rede am Institutional Money Kongress am Dienstag in Frankfurt. Wissend um die Tatsache, dass Deutschland in der Euro-Zone traditionell auf Schuldendisziplin pocht. Auch Turner selbst braucht das Wort Helikoptergeld offenbar nicht sehr gerne. Doch seine Überlegungen zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme der industrialisierten Länder laufen auf nichts anders als aufs Helikoptergeld-Prinzip hinaus: Die Notenbank schenkt dem Staat oder seinen Bürgern Geld, damit die Wirtschaft und die Inflation angeheizt wird.

Angewendet wurde das Konzept weltweit zwar noch nie. Und der Begriff stammt auch nicht von Turner, sondern vom Ökonomen Milton Friedman, der schon 1969 laut darüber nachdachte, dass in wirtschaftlich schlechten Zeiten Helikopter frisch gedrucktes Geld abwerfen könnten, um den Konsum zu erhöhen und die Inflation anzuheizen. 

Enorme Staatsschulden

Laut Turner leidet die Weltwirtschaft an einem grundlegenden Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Die langfristigen Zinsen der industrialisierten Staaten sinken seit über 30 Jahren. Über die Gründe dafür rätseln sogar Wirtschaftsnobelpreisträger. Für Turner steht aber fest: Schuld ist die zunehmende Sparquote der Leute und die über Jahrzehnte abnehmenden Investitionen der Unternehmen gemessen am Bruttoinlandsprodukt. 

Hinzu kommen die enormen Staatsschulden, die ein Wachstum mit traditioneller Konjunkturpolitik verunmöglichen. Die Staatsverschuldung ist die Folge des Anstiegs der privaten Verschuldung. Deren Anteil gemessen am Bruttosozialprodukt der Industrienationen stieg von etwas unter 60 Prozent im Jahr 1950 auf gegen 160 Prozent beim Ausbruch der Finanzkrise 2007. 

Nach dem Kollaps der Märkte übernahmen die Staaten die Gesamtschuld, was das Finanzsystem zwar rettete, die Staatsverschuldung aber zum Problem machte. Laut Turner, der von 2008 bis 2013 Chef der britischen Finanzaufsicht war und massgeblich bei der Gestaltung der Basel-III-Richtlinien zur Bankenregulierung mitwirkte, ist die Gesamtsumme an privaten und öffentlichen Schulden heute so gross, dass die Industriestaaten allein mit Wachstum nicht mehr aus diesem Schuldenloch herausfinden.

"Falls Sie glauben, dass Griechenland seine Schulden jemals zurückzahlen wird, dann leben sie im Fantasieland", so Turner in seinem Vortrag in Frankfurt. Das hochverschuldete Japan ist aber sein Lieblingsbeispiel bezüglich der Unmöglichkeit, dass Staaten ihre Schulden jemals werden tilgen können.

Japan macht eine «Helikoptergeld-Übung»

Laut Turner, der heute an der Spitze des von George Soros finanzierten Institute for New Economic Thinking steht und seit zehn Jahren Mitglied des britischen Oberhauses ist, macht die japanische Notenbank mit ihrer radikalen Geldpolitik gar eine "Helikoptergeld-Übung". Die japanische Notenbank (analog zur Europäischen Zentralbank) kauft verzweifelt und massiv Staatsobligationen, damit das Zinsniveau tiefgehalten wird, um das Wachstum anzukurbeln. 

"Irgendwann wird die Bank of Japan alle Staatsanleihen aus Japan besitzen", ist Turner überzeugt. Der Prozess sei eine fortlaufende Monetarisierung (d.h. Aufkauf der Schuldtitel der Regierungen von der Zentralbank mit gedrucktem Geld). "Aber machen sie sich keine Sorgen, das ist okay so", ruft Turner den erstaunten Zuhörern am Institutional Money Kongress zu.

Sind Turners Gedanken so abwegig? Ein Japan-Besuch von Ben Bernanke, dem ehemaligen Chef der US-Notenbank Federal Reserve, sorgte Mitte 2016 jedenfalls für Aufsehen. Liess sich Japan über Helikoptergeld informieren? Auch Bernanke sympathisiert mit der Idee des Helikoptergelds. Bereits im Jahr 2003 riet Bernanke Japan zu einer Ausgabenerhöhung mittels frischem Geld der Notenbank. 

Das Thema Helikoptergeld kommt auch in Europa immer wieder auf. Laut Turner wird das Prinzip in der Euro-Zone aber wegen der fehlenden einheitlichen Fiskalpolitik der Mitgliedstaaten "nie funktionieren". Die Gefahr des Helikptergelds sieht er nicht in einer übemässigen Inflationierung einer Volkswirtschaft, sondern bei den Politikern. Die könnten das Prinzip des Helikoptergeldes im Übermass fortführen, falls es einmal eingeführt ist.