«Nestlé käme nicht mehr in die Schweiz»

In der Schweiz mangelt es nicht an Geld für Start-ups, sagt Pasta-Unternehmer Fabio Matticoli. Er wünscht sich stattdessen weniger Regeln. Teil II der cash-Interview-Serie zum Thema Schweizer Start-ups.
15.12.2015 00:05
Interview: Ivo Ruch
Fabio Matticoli ist Co-Gründer von Edamama, einem Bio-Pasta-Label.
Fabio Matticoli ist Co-Gründer von Edamama, einem Bio-Pasta-Label.
Bild: ZVG

Benjamin Hadad (30) und Fabio Matticoli (29) importieren und vermarkten unter dem Label Edamama biologische Pasta aus Bohnen. Die Teigwaren bestehen zu 100 Prozent aus Sojabohnen, Edamame-Bohnen (grüner Soja) oder schwarzen Bohnen und sind vegan, glutenfrei sowie proteinreich. Matticoli ist neben seiner unternehmerischen Tätigkeit auch bei den Jungfreisinnigen und der FDP engagiert.

Das Gespräch mit Fabio Matticoli ist Teil zwei der cash-Interviewserie zum Jahresschluss. 2015 befasst sich cash mit dem Thema Schweizer Start-ups.

cash: Wie entstand die Geschäftsidee von Edamama?

Fabio Matticoli: Mein Geschäftspartner entdeckte die Bohnen-Pasta in einem schwedischen Supermarkt und kochte sie in einer Airbnb-Wohnung in Stockholm. Was in Schweden funktioniert, funktioniert auch in der Schweiz, dachten wir uns. Da wir beide schon unternehmerisch tätig waren und etwas im Food-Bereich ausprobieren wollten, starteten wir den Import aus Schweden und vertrieben die Ware unter dem Label Edamama.

Und der nächste Schritt?

Auch das schwedische Label hat seine Ware aus China. Deshalb sind wir im November nach China gereist, um selbst einen Hersteller zu finden. Das haben wir geschafft und importieren nun direkt aus China. Parallel dazu haben wir unser eigenes Verpackungsdesign entwickelt.

Für Start-ups ist die Anschubfinanzierung entscheidend. Wie seid Ihr zu Geld gekommen?

Wir haben das Geld in unserem privaten Umfeld aufgetrieben. Das hat für uns den Vorteil, dass wir zeitlich sowie strategisch sehr flexibel agieren können.

Stand Crowdfunding oder Crowdinvesting je zur Diskussion?

Da wir bereits eine andere Lösung hatten, stand das für uns nicht zur Diskussion. Schwarmfinanzierungen finde ich an sich aber eine tolle Sache, weil man sein Konzept von Anfang an offenlegen muss. So erhält man frühzeitig viele wichtige Inputs. Alleine im Geheim-Atelier kann man nämlich kein Business machen.

Mangelt es in der Schweiz an Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups?

Nein, es ist genug Geld vorhanden und es gibt verschiedenste Wege der Finanzierung. Die beste staatliche Unterstützung für Start-ups wäre Deregulierung, aber leider passiert auch in der Lebensmittelbranche seit Jahren das Gegenteil. Henri Nestlé würde heute wohl kaum in die Schweiz kommen, um sein Lebensmittel-Unternehmen hier aufzubauen.

Wie fällt die bisherige Bilanz von Edamama aus?

In der ersten Phase ging es uns darum, mit einigen Marketing-Aktivitäten den Markt zu spüren und Erfahrungen zu sammeln. Das Echo seitens der Konsumenten, Läden und Restaurants ist sehr positiv und wir schreiben bereits schwarze Zahlen.

Welche Perspektiven habt Ihr für 2016?

Mit dem Jahreswechsel beginnt für uns die zweite Projektphase. Mit dem Ziel, eine breitere Retail-Abdeckung zu erreichen. Einen grossen Partner haben wir ab März mit Coop bereits an Board. Wenn es finanziell drinliegt, möchten wir 2016 zudem weitere Food-Projekte starten.

Worum geht es da?

Da ist noch nichts spruchreif, aber es könnte etwas mit Glacé zu tun haben.

Wo steht das Unternehmen in zwei Jahren?

Die Marke Edamama besetzt bis in zwei Jahren einen Nischenmarkt in der Region Deutschland, Österreich und Schweiz. Zudem wollen wir zwei bis drei weitere Food-Brands lancieren. Auch da wird es wieder um effizienten Import und kreative Vermarktung gehen.

Die Bohnen-Pasta muss bei einem Produktionspartner eingekauft werden. Ist das nicht ein grosses finanzielles Risiko?

Wir haben Mindestbestellmengen, die wir berücksichtigen müssen. Aber unser Vorteil ist, dass die Produkte lange haltbar und auch sonst im Handling unkompliziert sind. Ich kann jedem jungen Food-Unternehmer empfehlen, mit einem sogenannt einfachen Produkt zu beginnen. Falls unsere Bohnen-Pasta auf einmal niemandem mehr schmeckt, werden wir die Produkte in den nächsten zwei Jahren halt selbst essen müssen (lacht).

Die Schweiz hat mit China ein Freihandelsabkommen. Heisst das, der Import läuft reibungslos ab?

Ein solches Freihandelsabkommen ist natürlich für beide Länder eine super Sache, bei unseren Produkten wäre der Import aber bereits zuvor kein Problem gewesen. Trotzdem sind immer Fragen zu klären, zum Beispiel: Sind Nudeln aus 100 Prozent Bohnen nun Nudeln oder Bohnen? Bohnen sind vom Import-Zoll nämlich befreit, Nudeln nicht.

Die Produktion in China und der Import von dort: Ist das überhaupt vereinbar mit dem Bio-Gedanken?

Die Bohnen werden auf der nährstoffreichen Schwarzerde der Mongolei angepflanzt, und der herstellende Betrieb in China ist bio-zertifiziert. Zudem importieren wir umweltschonend per Schiff.

Ihr profitiert auch von einem allgemeinen Trend in der Schweiz hin zu gesunder Ernährung. Hält diese Entwicklung noch lange an?

Ich würde sagen, der Trend geht dahin, bewusster zu essen. Man könnte auch sagen, Lebensmittel zu essen, die 'etwas können'. Da geht es nicht nur um Gesundheit, sondern auch um Geschmack. In Zürich gibt es beispielsweise auffällig viele neue Burger-Restaurants neben ebenso vielen neuen veganen Angeboten. Die Nahrungsaufnahme wird individueller und konzeptioneller. Aber ja, wenn Leute beim Essen mehr überlegen, entscheiden sie sich vermehrt auch für gesunde Lebensmittel.

Das bedingt gleichzeitig eine kaufkräftige Kundschaft.

Ja, solche Produkte sind zuoberst auf der Nahrungspyramide. So produziert etwa unser Partner nur fürs Ausland, da solche 'Superfood'-Produkte in China erst gerade markttauglich werden. Mit zunehmendem Wohlstand beginnen sich nun aber auch die Chinesen für hochwertige und nachhaltige Lebensmittel zu interessieren.

Wie betrifft Euch die wirtschaftliche Situation in der Schweiz?

Wenn es den Leuten wirtschaftlich schlechter geht, ziehen sie günstige Lebensmittel biologischem Superfood vor. Direkte Auswirkungen auf unseren Geschäftsgang hat nebst dem auch der Wechselkurs Franken-Dollar, da wir unseren Produzenten in Dollar bezahlen.

Wie schätzen Sie den Zustand der Schweizer Wirtschaft ein?

Die Binnenwirtschaft steht solide da, während die Exportwirtschaft bekanntlich mit dem starken Franken kämpft. Wichtiger als diese Momentaufnahme scheint mir aber die grundsätzliche Erkenntnis, dass wir uns nur durch freien Austausch mit anderen Individuen weiterentwickeln können. Überall, wo anstelle der freiwilligen Interaktion die Politik das Sagen hat, wird die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung ausgebremst. Leider wird aber in fast allen Lebensbereichen fleissig weiter subventioniert, reguliert und zentralisiert.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Das neue Lebensmittelgesetz, das die Anbieter laut Bundesangaben einmalig 270 Millionen und danach jährlich 46 Millionen Franken kosten wird. Weitere Millionen gehen für neue staatliche Kontrollstellen drauf. Das Traurige daran ist, dass solche sogenannte 'Harmonisierungen mit dem EU-Recht' Markteintrittsbarrieren aufstellen, die wiederum vor allem kleinen beziehungsweise noch nicht gegründeten Unternehmen schaden. Das widerspricht auch den Konsumenteninteressen, die man ja eigentlich schützen wollte.

Sie haben einen Bachelor in Jura gemacht. Inwiefern profitieren Sie als Unternehmer davon?

Nicht gross. Jus ist ein guter Studiengang für Leute, die sich eine sichere Zukunft beim Staat oder in einem grossen Unternehmen wünschen - mal abgesehen vom klassischen Anwaltsberuf. Unternehmer zu sein, ist hingegen unsicher und endet nicht selten im Bankrott. Heute würde ich Philosophie, Geschichte und Germanistik studieren. Aber lesen kann man ja auch ohne Uni.