«Notenbanken sind in 20 Jahren überflüssig»

Dank der Kryptofinanz-Technologie sind digitale Transaktionen sicherer und günstiger geworden. Im cash-Interview sagt Johann Gevers, CEO von Monetas, wie das Geschäftsbanken, Zentralbanken und Wirtschaft verändern wird.
05.04.2016 00:31
Interview: Pascal Züger
Johann Gevers, Gründer und CEO von Monetas aus Zug.
Bild: cash

Der Südafrikaner Johann Gevers hat sich das Ziel gesetzt, jedem Menschen den Zugang zu den fortgeschrittensten Finanzdienstleistungen zu ermöglichen. Auch den weltweit zwei  Milliarden Erwachsenen, die kein Bankkonto besitzen. Das 2012 von ihm gegründete Zuger Unternehmen Monetas bietet zu diesem Zweck eine neuartige Plattform, auf der alle Arten von Vermögenswerten über Smartphones schneller, sicherer und günstiger als mit jedem anderen bisherigen System transferiert werden können. Möglich macht dies die Kryptofinanz-Technologie, auf der auch Blockchain und die digitale Währung Bitcoin basieren.

cash: Herr Gevers, wie lange gibt es noch Banken?

Johann Gevers: Banken wird es noch lange geben. Ich denke, die dortige Entwicklung wird ähnlich verlaufen wie bei den Reiseagenturen, die es heute ja auch noch gibt. Für die einfachen Massengeschäfte wurden Reise-Buchungen automatisiert, Reisebüros decken inzwischen Nischenmärkte ab. So sieht auch die Zukunft der Banken aus. Sie werden sich zunehmend auf interessante neue Produkte, die Beratung und das Wealth Management spezialisieren. Das sind sowieso bereits heute die Geschäfte, in denen Banken die höchsten Profite erzielen.

Aber die Blockchain-Technologie schaltet Banken als Intermediäre aus. Haben Sie das Ziel, Banken die Geschäfte wegzunehmen?

Das ist natürlich provokativ formuliert. Aber erstens ist Monetas keine Blockchain-Technologie, sondern eine Vertrags-Plattform. Zweitens betreiben wir unsere eigene Software nicht, sondern sind eine reine Entwicklungsfirma. Wir lizenzieren unsere Software für Banken und andere Finanz-Dienstleister, stehen mit ihnen also nicht in Konkurrenz. Ganz im Gegenteil. Dadurch, dass unsere Software die Kosten senkt und neue Dienstleistungen ermöglicht, ist das eine Chance für Banken. Banken sind unsere Partner. Die Banken, die früh einsteigen und die Gelegenheiten wahrnehmen, können nicht nur überleben, sondern ihren Marktanteil sogar noch steigern.

Schlussendlich ist ihre Technologie für Banken also mehr Chance als Gefahr?

Definitiv.

Aber wie sieht es mit den Zentralbanken aus, zumal ihre Technologie ja stark auf Dezentralisierung setzt?

Zentralbanken werden schneller verschwinden als Banken. Die neuen Krypto-Währungen werden Zentralbanken in 10 bis 20 Jahren überflüssig machen.

Sie haben in Tunesien eine Zusammenarbeit mit der dortigen Zentralbank begonnen.

Wir sind dort im Gespräch und haben auch bereits einen Vertrag unterschrieben. Zurzeit laufen Tests. Die tunesische Nationalbank gibt ihre Landeswährung bald auf unserem System raus, die Benutzer können dann die Währung sehr effizient von ihrem Mobiltelefon aus handeln. Aber wir gehen sehr behutsam vor, schliesslich handelt es sich um eine finanzielle Software für eine ganze Ökonomie. Es braucht monatelange Tests und Zertifizierungen. Gegen Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres erwarten wir, dass unser System  landesweit verfügbar sein wird.

Wird die tunesische Notenbank dann überflüssig?

Nein. Sie wird ihre Landeswährung, den Dinar, auf unserer Plattform herausgeben und handeln. Zentralbanken werden erst dann überflüssig, wenn sich eine Kryptowährung als die dominante Weltwährung durchgesetzt hat. Dann braucht es Zentralbanken nicht mehr. Aber bis dann sind es, wie gesagt, noch einige Jahre.

Sie fokussieren sich vor allem auf Entwicklungsländer, allen voran in Afrika, wo noch keine flächendeckende Finanzinfrastruktur vorhanden ist. Wie kommen sie dort voran?

Das bereits erwähnte Tunesien ist bloss das erste Land, wir haben inzwischen Verträge mit zwölf anderen Nationen in Afrika. Die Testphase ist im Gang. Wenn alles gut läuft, sind wir in einem Jahr für nicht weniger als 300 Millionen Leute in Afrika verfügbar.

Wieso sind Sie hauptsächlich in Afrika aktiv?

Wir fokussieren uns auf Afrika, weil dort das Bedürfnis nach finanziellen Dienstleistungen am grössten ist. Und da wo es das grösste Bedürfnis gibt, wird die Technologie auch am schnellsten aufgegriffen. Als Geschäftsmann geht man dahin, wo man am schnellsten die grössten Erfolge erzielen kann. 80 Prozent der Leute in Afrika haben heute keinen Zugang zu formalen finanziellen Dienstleistungen, und sind von der globalen Wirtschaft abgeschnitten. Das begrenzt ihre Fähigkeit, sich emporzuarbeiten, Wohlstand zu schaffen, und ihre Lebensqualität zu steigern, enorm. Wir müssen ihnen unbedingt helfen. Integration in die Weltwirtschaft durch neuste Kryptofinanz-Plattformen ist dafür der grösste und effektivste Hebel.

Welchen Beitrag kann Kryptofinanz für die globale Wirtschaft leisten?

In erster Linie bietet Kryptofinanz eine Effizienzsteigerung. Transaktionskosten werden gesenkt, was eine Riesenchance für die Wirtschaft ist. Das gibt ihr einen starken Schub. Dabei werden nicht nur Kosten gesenkt, sondern auch Leute in die Weltwirtschaft integriert, die heute davon abgeschnitten sind. Dadurch sind mehr Leute beteiligt, können ihren eigenen Wohlstand steigern und die Wirtschaft insgesamt wird angekurbelt. Ausserdem gibt es dann auch weniger Verluste durch Missbrauch, weil Kryptofinanz die Sicherheit und die Integrität der Transaktionen gewährleistet.

In der Vergangenheit gab es einen grossen Hype um die digitale Währung Bitcoin, die auf der Blockchain-Technologie basiert. Die Währung ist unbeständig. Und Mt. Gox, eines der grössten Bitcoin-Handelszentren, musste 2014 Insolvenz anmelden. Hat das den Ruf der Kryptofinanz-Technologie beschädigt?

Ich würde sagen: Nein. 2011 hörte ich erstmals von Bitcoin. Damals kannten das nur sehr wenige Leute. Und diejenigen, die es kannten, hatten ein schlechtes Bild davon. Wenn man im Bitcoin-Geschäft tätig war, wurde man als Steuerbetrüger, Terrorist oder was auch immer beschimpft. Dieser schlechte Ruf hat noch einige Jahre angedauert. Auch heute gibt es diese Wahrnehmung zum Teil noch. Aber inzwischen befassen sich Finanzinstitute jeglicher Art, inklusive Zentralbanken, mit dieser Technologie. Es ist eine grosse Chance für die Finanzindustrie und die Wirtschaft. Gleichzeitig ist es auch wichtig, dass das Ganze sauber und sinnvoll reguliert wird. Damit Missbräuche möglichst wenig vorkommen, damit wir aber gleichzeitig auch die Vorteile dieser neuen Technologie geniessen können.

Alle Transaktionen können mit ihrer Technologie nachverfolgt werden. Wie sieht es bezüglich Privatsphäre der Leute aus?

Es gibt die Fehlwahrnehmung, dass Bitcoin-Transaktionen anonym ablaufen. Was nicht stimmt. Jede Transaktion ist öffentlich einsehbar. Das ist auch eines der Gründe, weshalb sich Bitcoin für den generellen Transaktionsverkehr nicht eignet. Privatsphäre ist wichtig. Es ist nicht nur ein Menschenrecht, ohne Privatsphäre scheitert auch die Wirtschaft und die Demokratie. Ohne Privatsphäre gibt es keine gesunde Gesellschaft. Es gibt zwar bestimmte Sachen, die öffentlich sein sollten, zum Beispiel unsere Gesetze und die Rahmenbedingungen. Dafür eignet sich die Blockchain-Technologie sehr gut. Aber für den täglichen Verkehr brauchen wir eine Alternative. Und die gibt es auch innerhalb der Kryptofinanz-Industrie. Das sind dann aber nicht mehr Blockchain-Technologien, sondern sogenannte Vertrags-Plattformen wie unsere.

Wenn jetzt zum Beispiel ein Verdachtsfall für Geldwäsche bestünde, hätte die Regierung dann Einblick in diese Transaktion?

Ja. Mit Bitcoin kann man solche Nachforschungen betreiben. Es ist zwar ziemlich aufwändig, aber prinzipiell möglich, Transaktionen zu verfolgen und herauszufinden, wer dahinter steckt. Das wurde in der Praxis auch schon gemacht. Es gab zum Beispiel ein Drogennetzwerk, bei dem man die Bitcoin-Transaktionen nachverfolgen konnte und es zu Verhaftungen kam.

Und wie sieht es bei anderen Kryptofinanz-Technologien aus?

Mit allen digitalen Technologien kann man nachverfolgen, wer an der Transaktion beteiligt war, was gemacht wurde und so weiter. Wenn jemand die Technologie auf grobe Weise missbraucht, dann wird man früher oder später herausfinden, wer das war. Die Technologien sind viel transparenter als das, was wir bisher hatten. Wenn aber  jemand anonym bleiben will, dann greift er einfach auf Bargeld zurück.

Es gibt ja Leute, die Bargeld ganz abschaffen wollen. Andere sind strikt dagegen, da dies zu weit in ihre Privatsphäre eingreifen würde, weil dann sämtliche Transaktionen nachverfolgt werden können. Würde die Bevölkerung eine reine Online-Währung überhaupt akzeptieren?

Ja, ich bin sicher, dass sich diese digitalen Technologien durchsetzen werden und einmal gar nichts mehr über Bargeld laufen wird. Ausser vielleicht vereinzelte kriminelle Transaktionen. Aber bevor wir dahin kommen, müssen wir die Technologie so entwickeln, dass es einen guten Schutz der Privatsphäre gibt. Und solange es das nicht gibt, werden sich diese Technologien auch nicht durchsetzen. Zusätzlich müssen die Technologien günstig genug sein.

Aber noch immer ist das Bargeld sehr beliebt.

Die herkömmlichen Technologien sind einfach zu teuer. Das ist eines der wichtigsten Gründe, weshalb sich das Bargeld weiterhin behauptet und sich die digitalen Technologien noch nicht durchsetzen konnten. Aber die neuen Technologien, die jetzt kommen, sind billig genug und schützen die Privatsphäre. Deshalb gibt es keinen Grund mehr, diese nicht zu akzeptieren. Sie werden sich durchsetzen, alleine schon deshalb, weil sie effizienter sind als Papiergeld.

Inwiefern effizienter?

Bargeld kostet die Wirtschaft in den entwickelten Ländern ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts. In den Entwicklungsländern sind es sogar fünf bis sieben Prozent. Durch die neuen Kryptofinanz-Technologien können diese Kosten auf weniger als ein Prozent gesenkt werden, was der Wirtschaft einen Riesenschub geben wird.

Wie können Schweizer in den nächsten Jahren von ihrer Technologie profitieren?

In der Schweiz entwickeln sich die Dinge bekanntermassen eher langsam. Die Schweizer sind sehr vorsichtig, alles muss sehr gründlich getestet werden. Aber es gab auch schon Beispiele aus der Vergangenheit, wo die Schweiz sehr zügig und intelligent handelte, als es um Innovation ging. Ich denke da an die Krise der Uhrenindustrie in den 1980er Jahren. Und so wie man damals schnell und richtig darauf reagierte, müssen dies nun auch die Banken tun. Die Schweizer Finanzindustrie steht vor dem 'Swatch-Moment'.

Sind Schweizer Banken an ihrer Software interessiert?

Wir sind in Gesprächen mit allen grösseren Finanzinstituten der Schweiz, die sich an den Chancen durch unsere Technologie für ihr eigenes Business sehr interessiert zeigen. Sie sehen, dass Kryptofinanz kommen wird. Und vielleicht wird es in 2017 bereits die erste Anwendung in der Schweiz geben.

Im Video-Interview mit cash sagt Johann Gevers, was an Kryptofinanz so revolutionär ist und wieso ausgerechnet in Zug so viele Fintech-Unternehmen ansässig sind.

Das Interview mit Johann Gevers fand im Rahmen der Repo-Tagung der Schweizerischen Nationalbank vom 1. April 2016 in Zürich statt.