Politik und Wirtschaft - Marc Faber: «Die USA haben sicher ihre Hände in den Hongkong-Demos»

Marc Faber vermutet hinter den Hongkong-Protesten wirtschaftlich-soziale Probleme - und Einfluss von aussen. Im cash.ch-Interview analysiert der Asienkenner auch den Handelsstreit USA-China und die Börsenlage.
28.08.2019 23:21
Interview: Marc Forster
Crash-Prophet Marc Faber im cash-Interview im März 2019.
Crash-Prophet Marc Faber im cash-Interview im März 2019.
Bild: cash

Seit Juni demonstriert immer wieder eine grosse Zahl von Menschen in Hongkong: Auslöser für die Proteste war ein umstrittenes Auslieferungsgesetz in der chinesischen Sonderverwaltungszone.  Zuletzt gab es eine Reihe grosser, anti-chinesischer Proteste in Hongkong in der zweiten Jahreshälfte 2014. 

cash.ch hat zu diesem Thema mit dem Asien-Kenner und Vermögensverwalter Marc Faber gesprochen, der viele Jahre in Hongkong lebte und dort immer noch sein Büro hat. Faber trägt auch den Beinamen "Dr. Doom" und wird als "Crash-Prophet" bezeichnet, weil er oft pessimistische Aussagen zu den internationalen Finanzmärkten trifft. Derzeit weilt Faber in Vietnam.

cash.ch: Herr Faber, weswegen dauern die Demonstrationen in Hongkong schon so lange? 

Marc Faber: Ursprünglich wurde gegen das Auslieferungsgesetz demonstriert. Dieses wurde zurückgenommen. Nun vermutet man, dass aus wirtschaftlichen Gründen demonstriert wird.

Wieso vermutet man dies? 

Hongkong hat nur eine Religion, und das ist das Geld. Hongkong wurde reich durch die harte Arbeit der Menschen. Die Leute sind sehr fleissig. Die Demonstranten hingegen sind meistens Leute, die keine Arbeit haben. Indem das Auslieferungsgesetz zurückgezogen wurde, ist das Begehren der ursprünglichen Demonstranten erfüllt worden. Die Proteste werden deshalb auch langsam aufhören. Wir sind bereits an einem Punkt, wo 95 Prozent der Bevölkerung in Hongkong keine Sympathien mit den Demonstranten mehr hat.

Aber man sprach doch davon, dass über eine Million Einwohner von Hongkong demonstriert hätten. Ist das nicht ein Zeichen, dass die Proteste sehr breit akzeptiert sind? 

Es ist schwierig, die genaue Anzahl an Menschen zu ermitteln. In einem Fussballstadion kann man zählen, wie viele Billette man verkauft hat. Bei Strassendemonstrationen ist dies nicht möglich. In Hongkong, wo die Strassen eng sind, erscheinen die Menschenmengen grösser. Meine Schätzung ist, dass die ersten Demonstrationen eine halbe Million anzogen. Nachher aber nicht mehr. 

Sie haben ein Büro in Hongkong. Wie zeigen sich Ihren Beobachtungen nach die wirtschaftlichen Folgen der Proteste? 

Es sind sehr negative Auswirkungen. Es kommt aber auf die Branche an. Die Schweiz ist stark mit Qualitäts- und Luxusprodukten vertreten. Diese Sparten sind stark betroffen, denn die Demonstrationen behindern den Verkehr. Und dann kommen weniger Touristen nach Hongkong. 

Wie wichtig ist Hongkong für die Stabilität von Chinas Wirtschaft? 

Hongkong war früher für China relativ wichtig, weil der Handel mit der restlichen Welt über Hongkong führte. Heute ist dies nicht mehr der Fall. Hongkong ist für China grundsätzlich irrelevant. Die Vorstellung, das alle Hongkong brauchen, stimmt nicht mehr. Millionen von Chinesen auf dem Festland sind besser ausgebildet als die Hongkong-Chinesen. Die Zentren der Technologie sind Shanghai und Shenzhen. 

Also hat Hongkong kaum noch Gewicht gegenüber Peking? 

Praktisch keines. Aber für die Chinesen ist es wichtig, dass Hongkong chinesisch ist. 

Droht Hongkong ein Niedergang? 

In der Geschichte hat es immer Städte gegeben, die unabhängig waren oder grosse Autonomie besassen, aber mit der Zeit Teil von grossen Reichen wurden: Venedig, Salzburg, Tanger, Goa. Man versprach diesen Städten Autonomie und Privilegien, aber diese wurden in jedem einzelnen Fall aufgehoben. Trotzdem überlebten diese Städte noch lange relativ gut, auch wenn sie ihre politische oder militärische Bedeutung verloren hatten. Hongkong wird, wie Macao, einfach eine Stadt in China sein. 

Bei den letzten grossen Unruhen 2014 hörten die Proteste in Hongkong schliesslich auf und Peking verstärkte danach den Grip auf die Sonderverwaltungszone. Wird dies diesmal genauso sein? 

Schwierig zu sagen. Diesmal sind die Proteste besser finanziert, wohl aus dem Ausland. Man kann sich ja vorstellen, wer ein Interesse hat, China schlecht darzustellen. Beispielsweise die USA. Diese haben sicher ihre Hände in diesen Demonstrationen. 

Haben andere Länder, namentlich die USA, Einfluss auf das, was in Hongkong passiert? 

Die Amerikaner stecken ihre Nase gerne in alles hinein. Sie nehmen gerne Einfluss auf alles. Die Amerikaner behandeln China schlecht, weil sie glauben, China habe ihnen wirtschaftlich alles mögliche gestohlen. Das stimmt nicht, aber die Neokonservativen in den USA gehen trotzdem gegen China vor. 

Woran sehen Sie das?

Ein Freund von mir in Hongkong aus dem Mediengeschäft, der sehr gegen China ist, hat neulich zusammen mit Paul Wolfowitz (ex-Präsident der Weltbank und Berater des republikanischen Präsidenten George W. Bush, Anm. d. Red.) Myanmar bereist. Dies ist in Hongkong eine grosse Sache. 

War es klug von US-Präsident Donald Trump, die Hongkong-Frage mit den Handelskonflikt zu verknüpfen? 

Gut, man kann nicht allzuviel Intellektuelles erwarten von Herrn Trump. Die Neokonservativen versuchen, China in die Ecke zu treiben. 

Der Handelskonflikt ist nach wie vor ungelöst, derzeit scheint Trump in der Defensive. Teilen Sie diesen Eindruck? 

Jeder Krieg fängt damit an, dass jemand sagt: Wir sind so überlegen, dass der Gegner keine Chance hat. Nun, China kauft mehr von den USA als umgekehrt. Dadurch sind die Amerikaner theoretisch in einer besseren Position. Aber vieles, was die Amerikaner von China kaufen, stellt Amerika selber gar nicht mehr. Die Produktion geht nicht in die USA zurück: Die Millennials in den USA werden nicht in einer Fabrik arbeiten wollen. Die Produktion verlagert sich nach Vietnam, und dort gehört die Fabrik vielleicht einem Chinesen. Das war Trumps Miskalkulation. 

Wird der Handelskonflikt vor den US-Wahlen beigelegt sein? 

Vielleicht optisch, oberflächlich. Man wird möglicherweise eine Lösung finden. Aber Sie müssen sich folgendes vorstellen: Chinas Präsident Xi Jinping ist auf Lebenszeit gewählt. China misst nicht in Abschnitten von sechs Monaten oder einem Jahr, sondern in Zeiträumen von 50 oder 100 Jahren. Der chinesischen Bevölkerung ist es in den letzten 200 Jahren nie so gut gegangen wie jetzt. Die Bevölkerung könnte wegen des Handelskonflikts den Gürtel für zwei, drei Jahre enger schnallen. 

Das R-Wort, also Rezession, macht die Runde. Glauben sie an eine neue Krise der Weltwirtschaft? 

Schon vor dem Handelskonflikt hatten wir eine Weltwirtschaft, in der die Wachstumsraten stark abgenommen hatten. Gewisse Länder und Sparten sind jetzt in der Rezession. Dies wurde beschleunigt durch den Handelskrieg. Ein solcher wird von niemandem gewonnen, es gibt nur solche, die weniger verlieren als andere. 

Wie wird sich dies an der Börse auswirken?

Ich habe nicht das Gefühl, dass dies sehr positiv wird. Aber auf der anderen Seite haben wir in vielen europäischen Ländern negative Zinsen. Als junger Mann hätte ich mir nie vorstellen können, dass es negative Zinsen geben wird. Nun verliert man mit Anleihen Geld, und man wird sich sagen: Lieber weiter in Aktien investieren. Darum glaube ich, dass ein Crash im Moment nicht sehr wahrscheinlich ist. Aktien werden nicht mehr stark steigen, aber auch nicht über Nacht um 30 oder 40 Prozent verlieren.