Robert Shiller: «USA haben grosse Schwierigkeiten»

Yale-Professor Robert Shiller, Autor des Bestsellers «Irrational Exuberance», äussert sich im cash-Interview am WEF über den Zustand der USA und zum nach wie vor vorhandenen «Abwärtsrisiko» in Europa.
25.01.2013 05:30
Interview: Daniel Hügli, Davos
Robert Shiller ist Wirtschaftsprofessor an der Yale Universität in New Haven, Connecticut.
Robert Shiller ist Wirtschaftsprofessor an der Yale Universität in New Haven, Connecticut.
Bild: Bloomberg

cash: Herr Shiller, Sie sind zum elften Mal am WEF in Davos und sind Erfinder des berühmten Case-Shiller-Hauspreisindex. Der Index für US-Immobilienpreise besagt Monat für Monat, dass sich der Immobilienmarkt in den USA erholt. Was sind die Gründe?

Robert Shiller: Zieht man Faktoren wie saisonale Schwankungen ab, dann ist der Zuwachs nicht besonders stark. Dennoch ist der Anstieg da: Die Übersicht der National Association of Home Builders zeigte zuletzt, dass ihre Mitglieder viel grösseres Interesse am Wohnbau haben. Der Anstieg mag kurzfristig weitergehen, aber auf langfristige Sicht gibt es doch einige Bedenken, dass die Preise wieder runtergehen.

Welche Bedenken?

Seit der Finanzkrise betreffen fast alle Neugründungen von Haushalten in den USA Mietwohnungen. Wahrscheinlich sehen wir da einen fundamentalen Wandel bei der Einstellung der Hauseigentümer in den USA. Der American Dream des Hausbesitzes könnte schwinden und die Amerikaner könnten sich in dieser Beziehung europäischen Werten annähern. Ein eigenes grosses Haus in den Vororten, drei oder vier Autos - das gehörte und gehört zum sozialen Status der Amerikaner. Möglicherweise werden die Amerikaner aber vermehrt auch in Familien in städtischen Mietwohnungen leben.

Wie hat sich das Investitions- und Konsumentenverhalten in den USA in den letzten Monaten verändert?

Ich sehe keinen klaren Trend. Wir selber untersuchten das Konsumentenvertrauen das letzte Mal im Juni, damals war kein Anstieg zu verzeichnen. Und ich sehe keinen Grund, warum sich das in der Zwischenzeit geändert haben sollte. Umso mehr, weil die USA ja denselben Präsidenten wiedergewählt hat.

Wie beurteilen Sie die letzten Wahlen? Das Land war in zwei Lager gespalten.

Das macht mir Sorge. Es waren erboste Wahlen. Wir haben quasi zwei Amerikas jetzt. Die Republikaner kamen ja mit Argumenten wie 'Unter Obama ist dieses Land verloren' oder 'Obama vertritt keine amerikanischen Werte'. Ich habe noch nie einen derart intensiven Wahlkampf erlebt.

Spürten Sie auch Hass?

Es kam kein Hass zum Ausdruck, ausser vielleicht gegen Banker (lacht)...

Welche Probleme stellen sich Obama in der neuen Amtszeit innenpolitisch?

Obama hat zunächst ein politisches Problem, weil er im Kongress nicht durchkommt. Die USA haben grosse Schwierigkeiten und andere Probleme. Die Immigration ist ein grosses Thema. Es gibt viel Einwanderung in die USA etwa aus Mexiko. Dass Obama dies nicht stoppt, ist einer der Hauptvorwürfe gegen ihn. Das Erziehungssystem muss verbessert werden. Wir haben zu viele Kinder von Minderheiten-Gruppen, die keine gute Ausbildung erhalten. Ein Prozent der US-Bevölkerung ist zudem im Gefängnis. Werden diese Leute entlassen, landen sie auf der Strasse. 

Wie beurteilen Sie die Lage in Europa?

Es sieht so aus, als wären die fundamentalen Probleme noch immer vorhanden. Das Verhältnis der Staatsschulden zum Bruttoinlandprodukt ist noch immer hoch. Die Eurozone hat das 'Bail-Out'-Versprechen der Europäischen Zentralbank. Das hört sich nicht an wie ein gesundes Wirtschaftssystem. Und wir sahen Tendenzen, dass die Wähler den Austeritätkurs der Regierungen nicht unterstützen. Jetzt akzeptieren die Leute die Massnahmen schrittweise. Man kann sich aber leicht vorstellen, dass es Protestbewegungen geben wird. Die Probleme wurden also nicht gelöst, sondern bloss verschoben.

Aber das Schlimmste für Europa dürfte doch vorbei sein?

(zögert) Wahrscheinlich. Die Zinsen sind gefallen, und es scheint, dass die Investoren wieder Vertrauen gefasst haben. Aber es gibt nach wie vor ein Abwärtsrisiko.

Ist die in Aussicht gestellte EU-Austritts-Wahl in Grossbritannien eine grosse Gefahr für Europa? Könnten andere Länder diesem Beispiel folgen?

Ja, diese Gefahr besteht tatsächlich. Europa hat leider eine grosse Kriegstradition, und ich hatte gedacht, der Euro wäre ein gutes Symbol für Zusammenarbeit. Das alles kommt unter Druck.

Wie ist das Bild der Schweiz in den USA?

Ich will ja nicht unhöflich sein, aber die Leute in den USA schenken der Schweiz nicht sehr viel Beachtung.

Ehrlich gesagt habe ich eigentlich keine andere Antwort erwartet...

(lacht)
 

Robert Shiller, Professor an der Yale-University, ist ein Vordenker der Verhaltensökonomie. Gemeinsam mit Karl Case hat Shiller den bekannten Case/Shiller-Index für US-Hauspreise entwickelt. Shiller ist auch Buchautor. In seinem Bestseller "Irrational Exuberance" warnte er im Jahr 2000 vor der Aktienblase. In der zweiten Auflage desselben Buchs sagte Shiller 2005 das Ende der steigenden Preise am US-Häusermarkt voraus. Ein weiteres Buch trägt den Titel "Animal Spirits".