Russland - Milliardäre in Moskau bauen Dynastien für Ära nach Putin auf

Präsident Putin befindet sich in seiner letzten Amtszeit. Nun beginnt die erste Generation von Milliardären im postkommunistischen Russland, Teile ihres Reichtums an ihre Erben zu übertragen.
02.02.2019 07:04
Ein Geschäftsviertel in Moskau.
Ein Geschäftsviertel in Moskau.
Bild: Pixabay

Den Anfang machte im letzten Sommer der 70-jährige Wladimir Jewtuschenkow, einer der ältesten Tycoons Russlands, der kurz nach der Vereidigung von Putin einen Anteil am AFK Sistema-Konglomerat an seinen Sohn Felix übergab. Auf ihn folgte Leonid Fedun, Mitgründer von Lukoil PJSC, der im Oktober insgesamt 1,3 Milliarden Dollar an Aktien des Energiekonzerns an seinen Sohn und seine Tochter übergab. Kurz danach verdoppelte Jewtuschenkow die Beteiligung von Felix auf 5 Prozent.

Zwar endeten die meisten Beschränkungen für das freie Unternehmertum mit der Sowjetunion, aber das unter Putin entstandene ungeschriebene Regelwerk für den Aufbau und die Übertragung von Kapital bleibt nach wie vor eine Hürde zum Schaffen dynastischer Reichtümer.

"Es beruht auf den informellen Kontakten von Vätern, die schwer oder gar nicht auf die Kinder übertragen werden können", sagte Alena Ledeneva, Professorin für Politik und Gesellschaft am University College London. Ledeneva, die seit zwei Jahrzehnten russische Machtverflechtungen studiert und darüber geschrieben hat, bezeichnet die informellen Beziehungen, die sowohl die staatlichen als auch die Unternehmensstrukturen regeln, einfach als "Sistema" oder "Das System" - den gleichen Namen, den Jewtuschenkow für seine Holdinggesellschaft gewählt hat.

Im Gegensatz zum Westen, wo unabhängige Justizbehörden seit Langem das letzte Wort in Sachen Eigentum haben, sind in Russland der Kreml und Legionen von Bürokraten und Strafverfolgungsbeamten die letztendlichen Entscheider. Die Sicherung des Reichtums hängt oft von persönlichen Beziehungen und stillschweigenden Vereinbarungen mit offiziellen Vertretern ab, was alles von Steuern über Begünstigungen bis hin zu bürgerlicher Verantwortung und patriotischer Pflicht umfassen kann.

Vermögensnachfolge als grosses Problem in Russland

Jewtuschenkow, der wegen seiner Fähigkeit, in verschiedenen Branchen erfolgreich zu sein, allgemein gelobt wird, versteht es die Verflechtungen von Macht und Geld so nuanciert zu auszuspielen, dass er sich Sorgen macht, dass Felix, 40, Schwierigkeiten hat, die von ihm als stellvertretender Sistema-Chairman überwachten Investments zu bewahren oder gar auszubauen.

„Wenn ich mir dessen absolut sicher wäre, hätte ich ihm bereits mein gesamtes Geschäft übertragen“, sagte Jewtuschenkow über seinen Sohn, der seit 1999 für Sistema arbeitet. „Wenn Felix der Aufgabe nicht gewachsen ist, dann werde ich es einfach eine x-beliebige Person finden müssen, die das Erreichte bewahren kann.“

In Russland kontrollieren ungefähr 189.500 Personen mit einem Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar zusammen etwa 1,1 Billionen US-Dollar an Aktiva, schätzt Capgemini. Umfragen zeigen, dass 70 Prozent dieser Personen die „Vermögensnachfolge“ als eines der grössten Probleme erachten, mit denen sie die nächsten 10 Jahren konfrontiert sind, zeigen von Knight Frank zusammengestellte Daten.

Jewtuschenkows offizielle Äusserungen über seine eigenen Nachfolgepläne sind für einen Mogul in Moskau, wo das Geschäftsgeheimnis und die Vertraulichkeit der Privatsphäre einen hohen Stellenwert haben, eine Seltenheit. Genauso ungewöhnlich war es angesichts seiner Zusammenstösse mit den Behörden in der Vergangenheit, wo er diese Äusserungen machte - in der Kreml-Konzerthalle, bei einer Veranstaltung, an der Putin teilnahm.

Viele Russen verbergen Reichtum vor ihren Kindern

Viele russische Tycoons wollen nicht, dass ihre Kinder in ihre Fussstapfen treten, und manche verbergen sogar den wahren Umfang ihres Besitzes. Einer der Befragten eines anonymen Fragebogens, den das Skolkovo Wealth Transformation Center in Moskau den Kindern der Ultra-Reichen schickte, sagte, er habe keine Ahnung gehabt, dass sein Vater ein Milliardär sei, bis er zufällig auf einen Zeitschriftenartikel stiess, der ihn als einen solchen bezeichnete.

Andere Magnaten unterstützen die Geschäftsziele ihrer Kinder auf unterschiedliche Weise. Ein Sohn von Roman Abramowitsch, ein langjähriger Putin-Vertrauter, beaufsichtigt ein Projekt, in dessen Rahmen bis zu 750 Millionen US-Dollar in Gewächshausprojekte im Osten Russlands investiert werden sollen. Abramowitschs Partner beim Stahlhersteller Evraz Plc, Alexander Frolow, ist ein Investor in den Fonds Target Global von Alexander Jr., der 700 Millionen Euro verwaltet.

Es gibt auch praktische Gründe dafür, dass sogenannte Oligarchen ihre Kinder in ihre Geschäfte einbeziehen. Suleiman Kerimow zum Beispiel gab seine Mehrheitsbeteiligung an Polyus PJSC, Russlands grösstem Goldminenbetrieb, an seinen 23-jährigen Sohn Said ab, was dem älteren Kerimow erlaubte, seinen Sitz im Oberhaus des Parlaments behalten.

Die Finanzelite beobachtet genau, was mit diesen Transaktionen innerhalb der Familien geschieht, insbesondere bei Sistema und strategischer gesehen bei Feduns Lukoil, die etwa zwei Prozent des weltweiten Öls fördert und weltweit tätig ist, häufig in Abstimmung mit der Regierung.

Zunächst Übertragung von kleinen Anteilen

"Das ist eine Art Pilotprojekt", sagte Ledeneva, Professorin in London. "Sie beginnen mit der Übertragung von kleinen Anteilen, um zu sehen, was passieren wird, ob das System das Ergebnis ablehnt oder akzeptiert und wie das Geschäft davon beeinflusst wird."

Fedun lehnte einen Kommentar ab, welche Rolle, wenn überhaupt eine, er für seine Kinder bei Lukoil sieht, nachdem sie nun 2,3 Prozent des Unternehmens besitzen. Wagit Alekperow, 68, ein älterer und reicherer Partner von Fedun, hat seinem Sohn 76 Millionen Dollar an Aktien gegeben, aber ausgeschlossen, ihn je nach zu bitten, die Dinge zu tun, die er als Chairman und CEO einer der grössten Steuerzahler und Arbeitgeber in dem Land tun muss.

Alekperow, der sein ganzes Leben in der Ölbranche verbracht hat, sagte 2017 gegenüber Bloomberg Television, er plane, Lukoil noch weitere drei bis fünf Jahre weiterzuführen - dieser Zeitraum ist seiner Meinung nach nötig, um einen Nachfolger zu finden und aufzubauen.

"Wenn ich gefragt werde, ob es mein Sohn sein wird, lautet die Antwort nein", sagte Alekperow. "Diese Arbeit ist zu schwierig, um sie meinem Sohn zu hinterlassen."

(Bloomberg)