«Schweizer nörgeln an zu Vielem herum»

Patrick Scheibli ist Spediteur und lebt seit 12 Jahren in China. Welche Vorzüge hat sein Gastland? Was nervt ihn bei seinen Schweiz-Besuchen? Teil 1 der cash-Interviewserie zum Jahresende mit Auslandschweizern.
16.12.2013 01:00
Interview: Daniel Hügli
Patrick Scheibli: "Vom neuen Freihandelsabkommen mit China kann die Schweiz nur profitieren."
Patrick Scheibli: "Vom neuen Freihandelsabkommen mit China kann die Schweiz nur profitieren."
Bild: ZVG

Bis Ende dieser Woche veröffentlicht cash jeden Tag ein Interview mit Schweizern, die im Ausland leben und arbeiten. Sie beurteilen die wirtschaftliche Situation in ihrem Gastland - und, von aussen betrachtet, die Lage der Schweiz. Heute: Speditionskaufmann Patrick Scheibli (45). Er ist Managing Director der Niederlassung Shanghai des Basler Speditionsunternehmens Fracht AG und lebt seit 12 Jahren in China. Scheibli ist mit einer Thailänderin verheiratet, hat drei Kinder und ist Präsident des örtlichen "Swiss Club".
 

cash: Wie liefen die Geschäfte in China für Ihre Firma in diesem Jahr?

Patrick Scheibli: Trotz eines schwierigen Umfelds dürfen wir uns nicht beklagen. Wir haben dieses Jahr in China zwei neue Büros eröffnet und sind weiter am Expandieren.

Die Wirtschaft in China boomt nicht mehr so wie früher. Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in China für 2014, auch im Bezug zur Schweiz?

Man darf nicht vergessen, dass immer mehr Chinesen Geld haben und Markenartikel kaufen wollen. Bei uns nehmen die Importe drastisch zu, wobei auch die Schweiz weiterhin sehr profitieren kann. Hochwertige Produkte aus der Industrie, aber auch Konsumgüter wie Nahrungsmittel oder Uhren sind nach wie vor sehr gefragt. Vom neuen Freihandelsabkommen mit China kann die Schweiz nur profitieren. Wir selber bei Fracht AG haben für 2014 grosse Pläne. Man muss einfach flexibler sein und sich nicht stur auf die Hauptmärkte konzentrieren. Der innerasiatische Markt, Zentral- und Südamerika, aber auch Australien haben grosses Potenzial.

Sie haben schon in anderen Ländern Asiens gearbeitet. Welche Vorzüge bietet China gegenüber diesen Ländern?

Das ist keine einfache Frage. Es ist klar, dass sich die Volksrepublik China je länger je mehr vom klassischen Exportland verabschiedet und sich, ähnlich wie damals die USA, in einen Binnen- und Importmarkt verwandelt. Der wachsende Binnenmarkt und die Masse von Arbeitskräften, welche eine schnelle Produktion garantieren, machen China sicher attraktiv. Abstriche gibt es dagegen bei der Bürokratie und beim Rechtssystem, das in vielen Fällen unübersichtlich ist. Steigende Löhne machen China für viele Wirtschaftszweige ebenfalls nicht mehr so attraktiv. Gerade im Textilbereich und bei der Schuhproduktion sehen wir eine Produktionsverlagerung von China nach Südostasien und Südasien, aber auch nach Nordafrika und in die Türkei.

Was nervt Sie am meisten bei der Arbeit und im Alltag in China?

Ganz klar: Die steigende Arroganz der Chinesen unter dem Motto: 'Wir brauchen Euch Ausländer nicht' oder 'Ihr braucht uns'. Aber das ist alles relativ. Als 2008 der globale Konsum um gegen 10 Prozent sank, reichte dies, um in der Provinz Kanton im Süden Chinas etwa 20 Millionen Arbeiter nach Hause zu schicken. Gegen aussen gibt sich China gerne als die neue Weltmacht, gerade im Alltag sieht man aber oft, dass China nicht bereit ist, diese Rolle zu übernehmen. Es mangelt an Innovation, Prioritätensetzung, Proaktivität und am Willen, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe in den 12 Jahren, in denen ich in China arbeite, noch keinen  Chinesen erlebt, der vor mir gestanden ist und gesagt hat: 'Yes, Sir, I was wrong'. Schuld sind immer die anderen.

Was bedeutet Ihnen die Schweiz noch?

Viel, sehr viel sogar. Meine Mutter und mein Bruder leben in der Schweiz. Ich arbeite für ein Basler Unternehmen und bin auch Präsident des Schweizer Clubs Shanghai. Nach 20 Jahren im Ausland habe ich gelernt, was wir an der Schweiz haben und wie gut es den Leuten in der Schweiz geht. Es ist sicher nicht alles perfekt, aber ich denke, dass die Schweizer in vielen Fällen einfach an zu vielen Sachen herumnörgeln und gegenüber den Mitbürgern sehr schnell eifersüchtig werden. Beste Beispiele sind die Abzocker- oder die 1:12 Initiativen.
              
Wie oft reisen Sie in die Schweiz

Zwei- bis dreimal pro Jahr aus geschäftlichen Gründen. Dann normalerweise im Sommer mit meiner Familie in die Ferien.

Nervt Sie etwas, wenn Sie in der Schweiz sind? Was kann besser sein in wirtschaftlicher Hinsicht?

Ganz klar: Es wird zu viel reguliert und zu viel verboten. Man hat das Rauchen verboten, man darf nach 10 Uhr die Waschküche nicht benutzen oder nicht mehr duschen. Man nimmt einem die Möglichkeit, am Sonntag oder nach 22 Uhr einkaufen gehen zu können, oder man will einem FCB-Fan vorschreiben, wie und wann er an ein Auswärtsspiel gehen darf. Und so weiter. Solche Dinge kennen wir in Asien nicht. In wirtschaftlicher Hinsicht, und ich kann hier nur von unserer Branche sprechen, wird es immer schwieriger, junge und talentierte Leute zu finden, welche für unsere Firma ins Ausland gehen. Das ist ein echtes Problem für uns. Vielen jungen Leuten geht es offenbar schlicht zu gut. Dabei ist eine Auslanderfahrung etwas fürs Leben. Und nur so können wir sicherstellen, dass künftige Führungskräfte reifen.

Wie informieren Sie sich über die Geschehnisse in der Schweiz?

Natürlich per Internet und zum Teil via Fernsehen, obwohl man hier in China lediglich die Tagesschau des Westschweizer Fernsehens auf TV5 schauen kann.

Nehmen Sie als Auslandschweizer an Abstimmungen teil?

Immer, sofern ich die Unterlagen rechtzeitig erhalte. Als Auslandschweizer, der im Kanton Baselland registriert ist, habe ich das Privileg, sogar bis auf Gemeindeebene an den Abstimmungen teilnehmen zu können. Schön wäre es, wenn für alle bald das E-Voting käme.

Wo verbringen Sie die Festtage?

Dieses Jahr in Thailand und in Hongkong.