Short Seller Jim Chanos - «In der Öffentlichkeit besteht das Gefühl, dass das Spiel manipuliert ist»

Der bekannte Short Seller Jim Chanos kritisiert im Interview mit dem Research-Unternehmen Hedgeye die mutmassliche Informationsbevorteilung von Spendern und Insidern durch das Weisse Haus in der Corona-Krise.
16.10.2020 11:15
Von Manuel Boeck
Trader an der Wall Street.
Trader an der Wall Street.
Bild: Bloomberg

Zwischen dem 20. Februar und dem 23. März verlor der breite amerikanische Index S&P 500 34 Prozent an Wert. Viele Investoren wurden dabei auf dem falschen Fuss erwischt. Auslöser war bekanntermassen der sich ausbreitende Coronavirus: Nationale Lockdowns wurden verhängt, ganze Wirtschaftssektoren heruntergefahren. Was ab dem April dank den Coronahilfsprogrammen der Zentralbanken und Regierungen folgte, ist das meist gehasste Rally "aller Zeiten".

Performance des S&P 500 seit Jahresbeginn (Quelle: cash.ch).

Von Anfang an kommunizierte die US-Regierung, dass das Virus unter Kontrolle sei – kein Grund zur Panik. Dass US-Präsident Trump trotzdem über die Gefahr durch Covid-19 informiert war, ist spätestens seit den Woodward-Tapes bekannt. Journalist Bob Woodward konnte für sein neues Buch "Rage" zahlreiche Telfonate mit dem US-Präsidenten führen. In einem Mitschnitt vom 19. März sagte Trump gegenüber Bernstein: "Ich wollte es immer herunterspielen. Ich spiele es immer noch lieber herunter, weil ich keine Panik auslösen will."

«Das kotzt mich an»

Die New York Times berichtet, dass Personen des konservativen Hoover Instituts schon am 24. Februar über die Gefahr mit dem Coronavirus informiert wurden. Oberster US-Wirtschaftsberater Larry Kudlow, der gemäss dem Bericht bei diesen Meetings dabei war, sagte Stunden später bezüglich der Eindämmung des Virus gegenüber CNBC: "die Eindämmung ist 'luftdicht'".

Im Gespräch mit dem unabhängigen Research-Unternehmen Hedgeye macht der berühmte Short-Seller Jim Chanos seinem Ärger Luft: "Das Problem ist, dass die Öffentlichkeit die eine Information über die Corona-Lage erhielt, während Spender und Insider eine davon verschiedene, beunruhigendere Information bekamen." 

Unterschiedliche Spiesse

Chanos, Gründer und Präsident des Investmentunternehmens Kynikos Associates, und vermutlich auch Keith McCullough, Gründer und CEO von Hedgeye, gehören zu dem "einen Prozent" der gut Betuchten. Sie stören sich aber daran, dass diese Gruppe offensichtliche Vorteile geniesse.

So sei nach Chanos ein System mit unterschiedlich langen Spiessen entstanden - wofür er übrigens beide Lager in der amerikanischen Politik mitverantwortlich macht: "Auf der einen Seite die Unternehmens- und Finanzelite, auf der anderen Seite der Rest". Diese Geschichte bediene das Gefühl in der Bevölkerung, dass "das Spiel manipuliert ist", sagt Chanos.

Hedgeye-CEO Keith McCullough fügt dem hinzu: "Ich bekomme vielfach Feedback von verschiedenen Vermögensverwaltern mit der folgenden Attitüde: 'Haha Keith, du bist ein Idiot. Du bist nicht involviert und weisst nicht, wann dies passieren wird.'  Das kotzt mich an." 

Der politische Backlash von solch einem Verhalten dürfe man nicht unterschätzen, meint Chanos. "Die Geschichte lehrt uns, dass dies keine haltbare Position für eine lange Zeit ist." In einem Interview mit CNBC zog US-Finanzminister Steven Mnuchin die Richtigkeit der New-York-Time-Story in Zweifel. Die Zeitung übertreibe seine Gespräche mit der Investment-Community.