Sinn: «SNB sollte jetzt Euro verkaufen»

Hans-Werner Sinn, der streitbarste Ökonom Deutschlands, sagt im cash-Interview, weshalb die Schweizerische Nationalbank nun Euro-Positionen abbauen sollte - und warum die Entspannung in der Schuldenkrise trügerisch ist.
21.01.2013 04:15
Interview: Pascal Meisser
Hans-Werner Sinn, streitbarster Oekonom Deutschlands und Leiter des Münchner Ifo-Instituts.

cash: Herr Professor Sinn, der Euro ist gegenüber den wichtigsten Währungen deutlich stärker geworden. Ein Zeichen, dass die Massnahmen gegen die Schuldenkrise greifen?

Hans-Werner Sinn: Zumindest auf der finanziellen Seite. Die realen Probleme bleiben weiterhin unverändert. Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, hatte versprochen, das Geld der Steuerzahler der gesunden Länder Europas einzusetzen. Zudem hat auch die Lancierung des permanenten Euro-Rettungsschirms ESM zu einer Entspannung beigetragen. Es läuft alles auf eine Vergemeinschaftung der Lasten hinaus, und das beruhigt die Märkte. 
 
Gleichzeitig schwächt sich der Franken deutlich ab. Müsste die Schweizerische Nationalbank (SNB) diese Phase ausnützen, um Euro-Bestände abzubauen?
 
Die SNB hat bislang sehr viel Kredit aus dem Ausland aufgenommen und diesen selbst unter anderem wieder in deutschen Staatspapieren angelegt. Jetzt sind die Euro-Käufe nicht mehr nötig, und die SNB . sollte dieses Polster wieder etwas abbauen. Denn die Ausweitung der Devisenreserven ist nicht ohne Risiko.  
 
Ist der Zeitpunkt nicht zu früh?
 
Nein, der Franken fällt, und die Interventionsgrenze ist inzwischen deutlich genug weg. Da braucht sich die SNB keine Sorgen zu machen. 
 
Sollte die SNB noch weitergehen und jetzt die Euro-Untergrenze ganz aufzugeben?
 
Nein. Der Mindestkurs ist derzeit nicht verpflichtend, und er hat sich bewährt. Eine Aufgabe im heutigen Zeitpunkt wäre verfrüht. 
 
Nicht alle sehen die Euro-Rally positiv. Der scheidende Euro-Gruppen-Chef Juncker sagte letzte Woche, der Euro sei gefährlich hoch bewertet. Teilen Sie diese Meinung?
 
Westeuropa ist in einer Rezession, und daran gemessen könnte natürlich die Gemeinschaftswährung billiger sein. Andererseits liegt er bei der OECD-Kaufkraftparität und ist so gesehen fair bewertet.
 
Eine teurere Heimwährung kommt aber gerade den südlichen Euro-Ländern, der hauptsächlich von der Krise betroffenen Region, nicht gelegen?
 
Nein, das heisst, dass die Peripherieländer umso mehr durch Senkung ihrer Preise wettbewerbsfähig werden müssen. Das ist natürlich mühsam. 
 
Ein Unterfangen, das diesen Ländern aber auch zuvor nicht wirklich gelungen ist?
 
Nein, nur Irland hat es bisher geschafft, die Preise zu senken. Griechenland ist über 60 Prozent teurer als sein Nachbarstaat Türkei, der eine ähnliche Produktivität aufweist. Die Preise Griechenlands müssten deutlich herunter, oder der Rest Europas müsste eine rapid ansteigende Inflation akzeptieren, so dass der Euro entsprechend abwertet.
 
Die Geldrückflüsse in die südlichen Länder nehmen wieder zu. Ein Zeichen, dass das Vertrauen wieder steigt?
 
Ja, ohne Zweifel. Es kommt aber darauf an, ob das Vertrauen  künstlich geschaffen wurde oder ob man sich das verdient hat. Ich glaube, es ist künstlich geschaffen worden, indem die EZB und der ESM eine kostenlose Versicherung des Kapitalexports nach Südeuropa organisiert haben, die zu Lasten der Steuerzahler der nördlichen Länder geht. 
 
Zuletzt sind europaweit die Target-Salden deutlich gesunken. Italien vermeldet nun wieder eine höhere Kreditsumme. Ist das ein Anzeichen einer neuen Anspannung?
 
Italien war schon einen Monat zuvor eine Ausnahme. Das liegt an den politischen Spannungen, die derzeit in Italien herrschen. 
 
Politiker wie der deutsche Finanzminister Schäuble propagieren ein baldiges Ende der Schuldenkrise. Wie weit ist man von der Lösung tatsächlich noch weg?
 
Meilenweit. Eine wirkliche Lösung setzt voraus, dass man die inflationären Wachstumsprozesse zum Teil zurückdreht. Insbesondere in Griechenland und Portugal müssen die Preise gesenkt werden, und das ist bislang noch nicht passiert. 
 
Sie kritisieren den politischen Weg, mit Geld Zeit zu gewinnen. 
 
Meine Empfehlung lautet weiterhin, dass Staaten wie Griechenland temporär die Euro-Zone verlassen sollten. Das ist sinnvoll für Länder wie Griechenland und möglicherweise Portugal. Die machen sich keinen Gefallen, wenn sie weiterhin im Euro bleiben. Dort kriegen sie zwar weiter Kredite von der Staatengemeinschaft. Das mögen sie als angenehm empfinden, sie müssen diese Kredite aber auch wieder irgendwie zurückzahlen und haben damit ein wachsendes Problem. Wenn sie hingegen austreten, werden sie wieder wettbewerbsfähig und könnten später zu einem neuen Wechselkurs erneut eintreten. Mein Vorschlag beinhaltet ja exakt diese Rückkehroption. 
 
2012 wurde alles Mögliche getan, um genau dieses Auseinanderbrechen zu vermeiden. Ist das ein Irrweg?
 
Dadurch hat man die Spannung im Euro-Raum gehalten. Und die bricht dann zu einem späteren Zeitpunkt aus. Man hat aus langfristiger Optik die Gefahr eines Auseinanderbrechens nicht verkleinert, sondern sogar vergrössert. Man muss Luft ablassen und den Druck, der auf bestimmte Länder entstanden ist, weil sie real nicht mehr mit kommen, dadurch lösen, indem man sie temporär aus dem Euro austreten lässt. Das ist eine Stabilisierungsstrategie für den Euro, nicht eine Destabilisierung.
 
Wohin wird Europa mit der aktuellen Politik geführt?
 
Europa landet in einer Sackgasse, weil wir private Schuldverhältnisse in öffentliche Schuldverhältnisse umwandeln. Das ist einerseits schlecht, weil die Verantwortlichkeit unterminiert wird. Denn wenn man nicht die Konsequenzen einer Fehlinvestition tragen muss, führt das wiederum zu Fehlinvestitionen. Dann macht man sie halt immer weiter. Und es ist andererseits schlecht, weil der übliche Streit zwischen Gläubiger und Schuldnern zum öffentlichen Disput zwischen den Ländern gemacht wird. Es werden in Zukunft noch viel mehr Hakenkreuzfahnen gegen Deutschland geschwungen werden als in der Vergangenheit. 
 
Was werfen Sie den europäischen Politikern vor?
 
Die Politiker dürften sich nicht mehr so unter Druck setzen lassen von den Kapitalmärkten. Es geht doch in Wahrheit darum, dass die Gläubiger mit den Schuldnern ein Problem haben und die Gläubiger sagen, solange diese im Euro bleiben, kriegen wir unser Geld wieder. Da haben wir noch eine Möglichkeit, aus dem Investment zu gehen ohne Verluste. Und deshalb drängen die Gläubiger darauf, alle Krisenländer ohne Ausnahme im Euro zu halten. Die Bevölkerung wird quasi in Geiselhaft gehalten. 
 
Wird man dereinst auf Ihre Empfehlung zurückkommen?
 
Die Spannung wird immer grösser. Die Notwendigkeit, weiter zu finanzieren, bleibt erhalten, und die Schuldenlast wird immer unerträglicher. Die Bereitschaft, immer mehr zu finanzieren, schrumpft aber. Und irgendwann wir die Spannung so gross, dass es eben nicht zur Weiterfinanzierung kommt. Wovor ich dann Angst habe, ist, dass ein ungeordneter Austritt einzelner Länder mit einer sich verstärkenden Kaskade von Ereignissen stattfindet, die man nicht mehr im Griff hat. Dann würde ich doch einen geordneten Austritt einzelner Länder vorziehen.  
 
 
Im Video-Interview äussert sich Sinn zu seiner Rolle als streitbarer Ökonom und sagt, wieso die südlichen Euro-Länder die «irische Ochsen-Tour» nicht durchmachen werden.  
 
Hans-Werner Sinn (64) ist deutscher Wirtschaftsprofessor und Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung der Universität München. Sinn ist bekannt für provokante Thesen zur Euro-Schuldenkrise und gerät darob immer wieder in Kritik. Für Aufsehen sorgte Sinn im vergangenen Sommer, als er einen Appell gegen die Massnahmen zur Eurorettung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel verfasste, der von rund 200 weiteren Professoren unterzeichnet wurde. Daneben ist Sinn mehrfacher Buchautor.
 
Das Interview mit Hans-Werner Sinn fand letzte Woche am Rande der EFG Financial Products Day in Zürich statt.