SNB-Geldpolitik -  Warum die «Notenbank der Überraschungen» den Zins senken könnte

Die Nationalbank hält sich bei ihrer Kommunikation selten an ein Script und überrumpelt die Märkte auch schon einmal. Eine Absenkung des Negativzinses diesen Herbst scheint im Ausland deshalb sehr wohl möglich.
08.08.2019 14:25
Von Marc Forster
Schlagzeile der «Financial Times» am Tag nach der Aufhebung der Franken-Untergrenze durch die Nationalbank.
Schlagzeile der «Financial Times» am Tag nach der Aufhebung der Franken-Untergrenze durch die Nationalbank.
Bild: cash

Die Finanzmärkte sind fixiert auf die planmässigen Sitzungen der grossen Zentralbanken. Mitte September und Ende Oktober etwa tagt der Offenmarktausschuss der Fed, wo es zu weiteren Senkungen des amerikanischen Leitzinses kommen könnte. In heisser Erwartung ist auch die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 12. September – "mit Pressekonferenz", das heisst, es gibt wichtiges zu berichten.

Eine Notenbank, die ihre Entscheidungen aber meist ausserhalb von offiziellen Terminen bekanntgibt, ist die SNB. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hält fest, dass die Schweizer Währungshüter zuletzt 2009 im Zuge einer angekündigten Sitzung eine Leitzinsveränderung vornahmen. Bloomberg nennt die SNB deswegen "the central bank of surprises", also die Notenbank der Überraschungen.

Spektakulär war definitiv die Überraschung vom 15. Januar 2015, als die SNB, mitten in der Woche und an einem Tag ohne angekündigten Veröffentlichungen, die Kursuntergrenze zum Euro bei 1,20 Franken aufhob. Der Schock war so tief, dass Nationalbankpräsident Thomas Jordan für einen Tag der berühmteste Mensch der internationalen Finanzwelt war. Am World Economic Forum in Davos, das eine Woche später stattfand, war die SNB-Überrumpelung der Märkte das beherrschende Gesprächsthema.

Der Franken auf einem Zwei-Jahres-Tief zum Euro (Grafik: Bloomberg).

Bei einem Franken, der zum Euro auf einem Zweijahrestief steht, machen sich die Märkte auf neue handstreichartige Ankündigungen bereit. Sie gehen bereits jetzt davon aus, dass die SNB in den letzten Tagen am Währungsmarkt interveniert hat, um den Franken zu schwächen. Sie schliessen aber vor allem nicht aus, dass der schon sehr tiefe SNB-Negativzins von -0,75 Prozent noch ausgeweitet werden könnte.

Die nächste Sitzung mit anschliessenden Verlautbarungen – "Geldpolitische Lagebeurteilung" im SNB-Jargon – ist am 19. September. Sollte das Direktorium aber den Negativzins beispielsweise auf -1 Prozent senken, würde dies den Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre zufolge nicht genau an diesem Tag bekanntgegeben.

SNB agiert vorsichtig

Das Schweizer Nationalbankdirektorium macht keine Ankündigungen, in welche Richtung der Zinsfahrplan geht. Sie unterscheidet sich darin von anderen Notenbanken: Von der Fed und der EZB weiss man, dass die Zeichen auf Zinssenkungen stehen, weil dies so kommuniziert worden ist.

Im Falle der SNB, die eine der kleineren der bedeutenden Volkswirtschaften der Welt vertritt, ist das Stillhalten bei der Kommunikation auch als Vorsichtsmassnahme zu verstehen. Die SNB muss auf andere Notenbanken reagieren können, vor allem die EZB. Indem eben nicht so klar kommuniziert werde, erreiche man möglicherweise eine grössere Wirkung bei geldpolitischen Entscheidungen, zitiert Bloomberg einen Analysten der Canadian Imperial Bank of Commerce.

Die Eigenschaft, Absichten möglichst für sich zu behalten, wird in der Finanzwelt längst nicht von allen kritisiert. Notenbanken können auch zu viel reden. Bei der Fed mit ihren zwölf regionalen Ablegern äusseren sich die Hauptexponenten mehrmals pro Monat öffentlich. Der US-Notenbank wurde auch schon unterstellt, ihre Kommunikation weise Anzeichen einer "Kakophonie" auf.

 
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