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Sozialwerke - «Man läuft in die Wand, wenn man das Thema Vorsorge verdrängt»

Trotz steigenden Misstrauens gegenüber den Sozialwerken bleiben viele Schweizer desinteressiert, wenn es um ihre eigene Vorsorge geht. Das wird sich später oft rächen, sagt Vorsorgeexperte Daniel Greber im cash-Talk.
07.09.2018 01:00
Von Daniel Hügli
Daniel Greber ist Leiter des Zentrums Risk & Insurance bei der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Bild: cash

Es ist eigentlich paradox: Im Ausland wird die Schweiz für ihr Vorsorgesystem mit den drei Säulen (AHV, Pensionskasse, private Vorsorge) immer wieder gelobt und als Vorbild genommen. Doch hierzulande hat man offenbar eine andere Perspektive. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Sozialwerke ist angeschlagen. Das ist die Kernaussage des ersten Schweizer Vorsorgebarometers von Raiffeisen, das in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erstellt wurde.

Das Misstrauen zeigt sich inbesondere bei der in der Umfrage gestellten Frage "Wie hoch ist Ihr Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit und die Finanzkraft der einzelnen Säulen des Vorsorgesystems?" 15 Prozent antworteten zustimmend bei AHV, 17 bei der Beruflichen Vorsorge - und 45 Prozent bei der Säule 3a/3b. Das Vertrauen in die private Altersvorsorge ist also weitaus am grössten.

Besonders die Jüngeren misstrauen dem traditionellen Vorsorgesystem. "Die Jungen glauben nicht mehr daran, dass sie mit 65 beziehungsweise mit 64 bei den Frauen pensioniert werden", sagt Daniel Greber, Leiter des Zentrum Risk & Insurance bei der ZHAW, im cash-Talk. Greber, der im seinem Beruf tagtäglich mit der jüngeren Generation zu tun hat, ortet bei Jüngeren auch ein breites Unbehagen beim Umverteilungssystem in der beruflichen Vorsorge.

Allerdings hat das Misstrauen insbesondere gegenüber der 2. Säule schon länger alle Bevölkerungsteile erfasst. So senken die Pensionskassen ihre ihre Umwandlungssätze laufend. Diese bestimmen die Höhe der jährlichen Altersrente auf Basis des jeweilgen Vorsorgeguthabens. Dadurch könnte die Höhe der Altersrenten bei gut ausgebauten Vorsorgeeinrichtungen um über 30 Prozent abnehmen, schrieb Greber in einem Beitrag für "Die Volkswirtschaft"

Die Vorsorgeeinrichtungen treten so tendenziell immer mehr Verantwortung an die Arbeitnehmenden ab und übertragen ihnen damit auch die entsprechenden Risiken, heisst es im Beitrag. Die wachsende Individualisierung und die abnehmende Solidarität stellen die berufliche Vorsorge so auf die Probe. Das Vertrauen der Bevölkerung in die zweite Säule ist somit in Gefahr.

Nur "flüchtiger Blick" auf den Pensionskassenausweis

Trotz des schleichenden Unbehagens gegenüber den Sozialwerken befassen sich nicht genug Leute mit der Vorsorge. "Wenn man aber das Thema verdrängt, dann läuft man in die Wand. Und es gibt Personen, die machen das", sagt Greber im cash-Talk.  In der Raiffeisen-Umfrage, die im Juli mit über 1'000 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren durchgeführt wurde, gaben das noch zu junge Alter und fehlendes Geld als Grund für ihr Desinteresse an der Vorsorge an. Eine knappe Mehrheit der Befragten gab übrigens auch an, den Pensionskassenausweis zwar zu anzuschauen, aber "nur flüchtig". Will heissen: Wohl gar nicht.

Dennoch kann die Verunsicherung der Bevölkerung bei den Sozialwerken auch etwas Positives bewirken. "Man schaut kritisch in den Spiegel und fragt sich, welche Chancen und Risiken man im Drei-Säulen-System hat", sagt Greber. Hier sehen natürlich auch Banken und Finanzplaner ihre Chance, den Leuten entsprechend unter die Arme zu greifen. Und es wird damit auch klar, weshalb Raiffeisen ein Vorsorgebarometer lanciert hat. Die Bank ist zu fest im Hypothekargeschäft verankert und will mit dem Barometer ihr Anlagegeschäft promoten und forcieren.

Greber selber wird übrigens bei der Pensionierung in der beruflichen Vorsorge "praktisch das gesamte Geld als Kapital beziehen." Die Gründe dafür erläuert er im cash-Talk.