«UBS und CS sind in China keine Schimpfwörter»

cash-Kolumnist und Asien-Kenner Peter Achten äussert sich im cash-Interview zur Entwicklung in China und südostasiatischen Ländern, zum Freihandelsabkommen und zu seiner beliebtesten Reisedestination in Asien.
18.06.2013 06:51
Interview: Daniel Hügli
Peter Achten lebt seit über zehn Jahren in Peking.
Peter Achten lebt seit über zehn Jahren in Peking.
Bild: iNg

cash: Herr Achten, aus China kommen in letzter Zeit wenig ermutigende Wirtschaftszahlen. Was kommt da auf uns zu?

Peter Achten: Ich habe schon immer gesagt, dass auch in China die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Das Land befindet sich derzeit an einer ganz wichtigen Schnittstelle. Nach Reformen, die über 30 Jahre dauerten, muss das Land nun ein neues Wachstumsmodell finden. Das heisst: Weg von der Exportabhängigkeit und Infrastruktur-Investitionen hin zu mehr Konsum und Binnennachfrage. Das ist ein ganz schwieriges Unterfangen, auch aus politischer Sicht. Die Folgen davon sehen wir jetzt, indem das Land noch Wachstumraten von 7 bis 8 Prozent aufweist.

Stimmen diese Wachstumsraten überhaupt?

Natürlich gibt es immer Zweifel an den chinesischen Statistiken. Aber man muss sagen, dass sich die Erhebung von Statistiken in den letzten 20 Jahren gewaltig verbessert hat. Denn auch die Regierung weiss: Ohne akkurate Statistiken kann man heute keine Volkswirtschaft mehr lenken.

Seit drei Monaten hat China eine neue Regierung. Macht sich das irgendwie bemerkbar im Alltag?

Im Westen stellt man sich bei Machtwechseln in China immer grosse Fragen, welche Änderungen bevorstehen. Dabei arbeiten neue Regierungen jeweils im Rahmen einer Kontinuität der Reformen, die von der kommunistischen Partei vorgegeben werden. Die neue Regierung kann insofern nicht einfach machen, was sie will. Aber sie kann neue Akzente setzen.

Haben Sie Beispiele?

Präsident Xi Jinping nimmt immer seine Frau auf Reisen mit. Das ist neu. Sie ist eine berühmte Sängerin in China und trägt jeweils chinesische Design-Kleider. Das ist für die einheimische Modeindustrie nicht ganz unwichtig. Jinping sagte auch, die chinesischen Beamten müssten bescheidener leben. Die Partei will die Wirtschaft sicher weiterentwickeln. Aber politische Reformen, wie sich die Leute das im Westen vielleicht vorstellen, das kann man vergessen. Das Machtmonopol der Kommunistischen Partei ist das ganz klare Ziel auch der neuen Regierung.

In vielen Schwellenländern artikuliert eine wachsende Mittelschicht ihre Ansprüche, so auch in China gerade beim Thema Umwelt- oder Lebensmittelthemen. Ist das nicht eine wachsende Gefahr für die Partei?

Im Internet werden tatsächlich kontroverse und heftige Diskussionen darüber geführt. Zur Mittelklasse in China werden heute etwa 200 Millionen Menschen gezählt. Bis ins Jahr 2020 soll sich diese Zahl verdoppeln. Diese Mittelklasse will natürlich mehr Mitsprache und Transparenz, weshalb die Partei als Reaktion darauf den Kampf gegen die Korruption verschärft und öffentliche Diskussionen initiiert. Die Partei lässt indes absolut nichts anbrennen. Sie regiert mit Zuckerbrot und Peitsche. Selbst wenn auf kleinstem lokalen Niveau etwas aus dem Ruder zu laufen droht, ist sofort die Polizei da. Daher glaube ich nicht, dass es in China zu Entwicklungen ein 'Arabischer Frühling' kommen wird.

Was könnte die relative Ruhe durcheinanderbringen?

Die Regierung hat mit der Mittelklasse ja so etwas wie einen 'Contrat Social'. Solange die Regierung jedes Jahr gute Wachstumsraten vorlegen kann und alle ein bisschen mehr Geld erhalten, dann bleiben die Leute ruhig. Sollte das Wachstum aber plötzlich auf 6 oder gar 5 Prozent fallen, dann wirds gefährlich.

Dann mucken auch die Intellektuellen auf…

Ja. Ein grosses Thema derzeit sind die Universitätszulassungsexamen. Der Arbeitsmarkt für Hochschulabgänger wird immer härter. Das birgt sozialen Zunder, denn eine Verlangsamung des Wachstums würde dieses Problem verschärfen und die gebildeten Stände treffen. Im Jahr 1989 waren es ja auch Studenten, die vor einem wirtschaftlich schlechten Hintergrund die Demonstrationen starteten.

Eine Folge der wachsenden Mittelschicht ist die gestiegene Reisefreudigkeit der Chinesen, auch in die Schweiz. Mit welchen Werten punktet Helvetien in China?

Für die meisten Chinesen ist die Schweiz ein schönes und reiches Land mit hoher Qualität und Innovationskraft. Es ist ein Land der Banken, und dies mit einer positiven Konnotation. Credit Suisse und UBS sind in China keine Schimpfwörter. Alle Schweiz-Klischees sind intakt.

Wie beurteilen Sie das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China?

Für die Schweiz und die Schweizer Unternehmen ist das Abkommen sicher gut. Ich glaube sogar, die Schweizer sollten etwas stolzer sein auf das, was sie mit dem Abkommen erreicht haben. Für die Chinesen ist das Abkommen wie ein Muster, denn sie stecken ja auch in Verhandlungen mit der Europäischen Union.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche und politische Öffnung in Burma?

Im Westen ist man diesbezüglich etwas ungeduldig. Die Reform läuft seit März 2011, und es ist seither viel passiert. Man muss aber auch sehen: Burma ist ein bitterarmes Land, das 50 Jahre durch das Militär regiert wurde. Der ganze Staatsapparat kann nicht innerhalb von zwei Jahren reformiert werden, zumal das alte Denken noch immer sehr verbreitet ist. Und die wirtschaftlichen Interessen des Militärs sind noch immer vorhanden.

Droht kein Rückfall in alte Zeiten?

Die Situation ist unumkehrbar, selbst wenn das Militär de jure noch heute mit einem Federstrich alles rückgängig machen kann.

Mit welchem anderen asiatischen Land würden Sie die wirtschaftliche Öffnung Burmas vergleichen? Mit Vietnam?

Nein. Burma ist nun eine Demokratie, in Vietnam haben wir noch immer das Monopol der Kommunistischen Partei. Am ehesten vergleichbar ist die Öffnung wohl mit der Mongolei. Burma war die letzte grosse Grenze in Asien, und as Land ist für Investoren sicher attraktiv in Zukunft.

Viele Investoren sagen ja auch, die Entwicklung in Vietnam gehe ihnen im Vergleich zu China viel zu langsam.

Vietnam hat praktisch nur drei grosse Städte, ein Grossteil der Bevölkerung lebt noch immer auf dem Land. In China ist dies anders. Dort leben mittlerweile 50 Prozent der Leute in Städten, in Vietnam sind es 30 Prozent. Es braucht Zeit, bis sich dies ändert, es braucht aber auch mehr Reformen für die Industrie. Staatsbetriebe spielen in Vietnam eine grössere Rolle als in China. Aber auch Vietnam wächst pro Jahr mit einer Rate zwischen fünf und sieben Prozent.

Der Stadt-Land-Gegensatz, auf politischer Ebene, spaltet ja auch ein anderes südostasiatisches Land: Thailand…

So etwas will man gerade in China und Vietnam verhindern. In Thailand herrscht permanent eine Patt-Situation zwischen den politischen Lagern.

Sie sind auch als Begleiter von Gruppenreisen viel unterwegs in Asien. Welches Land würden Sie als Reiseziel empfehlen?

Ich bin zwar gerne in Burma und in Vietnam, würde aber Indonesien empfehlen, insbesondere Sumatra. Ein sehr schönes, interessantes Land. Und es hat, mal abgesehen von Bali, vergleichsweise wenig Touristen.

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandkorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (damals: SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten seit über zehn Jahren wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Medien über das Geschehen in Asien.