Ukraine-Krieg - Lage für ukrainische Truppen im Osten immer schwieriger

Für die ukrainischen Soldaten im Osten des Landes wird die Lage angesichts massiver russischer Angriffe immer schwieriger. Ein Rückzug aus der hart umkämpften Stadt Siewierodonezk wird nicht mehr ausgeschlossen.
28.05.2022 09:29
Kämpfe in der Luhansk-Region im Osten der Ukraine.
Kämpfe in der Luhansk-Region im Osten der Ukraine.
Bild: imago images / ZUMA Wire

In der Region Luhansk, wo die Stadt liegt, hielten sich rund 10'000 russische Soldaten auf, sagte der dortige Gouverneur Serhij Gaidai am Samstag im ukrainischen Fernsehen. Sie versuchten, anzugreifen und in jede Richtung vorzurücken, die ihnen möglich sei. Am Freitagabend hatte Gaidai auf dem Kurznachrichtendienst Telegram erklärt, russische Soldaten seien in Siewierodonezk eingedrungen.

"Wir werden genug Kraft und Ressourcen haben, um uns zu verteidigen. Jedoch ist es möglich, dass wir uns zurückziehen müssen, um nicht eingekesselt zu werden." Ein Rückzug aus der größten von der Ukraine gehaltenen Stadt im Donbass würde den russischen Präsidenten Wladimir Putin näher an sein Ziel bringen, die beiden Donbass-Regionen Luhansk und Donezk völlig unter Kontrolle zu bringen.

Das ukrainische Militär teilte am Samstagmorgen mit, in den vorangegangenen 24 Stunden seien im Osten des Landes acht russische Angriffe abgewehrt worden. Betroffen seien die Regionen Donezk und Luhansk, erklärte der Generalstab der Streitkräfte. Russische Artillerie habe unter anderem das Gebiet um Siewierodonezk attackiert - "ohne Erfolg", russische Panzer und gepanzerte Fahrzeuge seien zerstört worden.

Gouverneur Gaidai zufolge wurden bereits 90 Prozent der Gebäude in Siewierodonezk beschädigt, beim jüngsten Beschuss seien 14 Hochhäuser zerstört worden. Mehrere Dutzend Sanitäter und Ärzte harrten in der Stadt aus, es sei aber wegen des Beschusses schwierig für sie, zu Krankenhäusern vorzudringen. Eine unabhängige Bestätigung der Informationen war Reuters nicht möglich.

«Donbass wird ukrainisch bleiben»

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Lage der eigenen Truppen im Donbass als sehr schwierig. Russland konzentriere weiterhin seine Kräfte im Donbass und greife mit Flugzeugen ukrainische Stellungen an, sagte Selenskyj am späten Freitagabend in seiner täglichen Ansprache. "Wir schützen unser Land so gut es unsere derzeitigen Verteidigungsressourcen erlauben. Wenn die Besatzer denken, dass Lyman und Siewierodonezk ihnen gehören werden, dann irren sie sich. Der Donbass wird ukrainisch bleiben."

Am Freitag hatten pro-russische Separatisten in der selbst ernannten Volksrepublik Donezk erklärt, die strategisch wichtige Stadt Lyman sei vollständig unter ihrer Kontrolle. Auch dafür war zunächst keine unabhängige Bestätigung zu erhalten. Russische und ukrainische Truppen bekämpfen einander seit Tagen erbittert im Donbass.

Russland hat seine Invasion der Ukraine am 24. Februar begonnen und bezeichnet sie als einen militärischen Sondereinsatz zum Schutz der dortigen russischsprachigen Bevölkerung. Die Ukraine und westliche Staaten sprechen dagegen von einem nicht provozierten Angriffskrieg. Das russische Militär konzentriert derzeit seine Offensive auf den Donbass, nachdem es ihm nicht gelungen ist, die Hauptstadt Kiew oder die zweitgrößte Stadt Charkiw einzunehmen.

Nun versuchen Russlands Truppen, den Donbass vollständig zu erobern, wo bereits seit 2014 pro-russische Separatisten die dortigen Regionen Donezk und Luhansk weitgehend unter Kontrolle haben. Russland hat Tausende Soldaten in das Gebiet geschickt und greift von drei Seiten an. Ziel ist es, die ukrainischen Streitkräfte einzukesseln, die sich in Siewierodonezk und Lyssytschansk aufhalten. Fielen die Zwillingsstädte, erhielte Russland die Kontrolle über die gesamte Region Luhansk. Für die Führung in Moskau wäre damit ein wichtiges Kriegsziel erreicht. 

(Reuters)