«Verteilungsdebatte wird weitergehen»

Uni-Professor Josef Zweimüller sieht die Mindestlohn-Initiative vor allem vor dem Hintergrund des steigenden Unbehagens über die Verteilung der Einkommen. Im cash-Interview schätzt er die Chancen der Initiative ein.
08.05.2014 01:05
Interview: Ivo Ruch
Professor Josef Zweimüller lehrt an der Universität Zürich.
Professor Josef Zweimüller lehrt an der Universität Zürich.
Bild: ZVG

cash: Herr Zweimüller, in gut 10 Tagen stimmen wir über die Mindestlohn-Initiative ab. Welche Auswirkungen hätte ein Ja auf den Arbeitsmarkt?

Josef Zweimüller: Der Mindestlohn in der Schweiz würde sich in einzelnen Branchen wahrscheinlich negativ auf die Beschäftigung auswirken. Etwa im Gastgewerbe, in manchen Bereichen des Dienstleistungssektors und im Handel und anderen Niedriglohn-Segmenten des Arbeitsmarktes. Jedoch sollte man die möglichen Folgen nicht überschätzen. Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren starke makroökonomische Schocks - eine Wirtschaftskrise bei gleichzeitiger Aufwertung des Schweizer Frankens - ohne einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit verkraftet. Das deutet auf eine sehr robuste wirtschaftliche Lage der Schweizer Volkswirtschaft hin.

Zu welchen Prognosen kommt die Forschung?

Internationale Studien aus den USA und Grossbritannien zeigen, dass Mindestlöhne nicht mit negativen Beschäftigungseffekten verbunden sind. Und wenn es negative Effekte der Mindestlöhne gibt, dann vor allem bei jugendlichen Arbeitnehmern, die noch wenig Berufserfahrung haben. Hier hilft uns das Schweizer System der Berufslehre. Soweit die Mindestlöhne die Entlöhnung von Lehrlingen nicht tangiert, sind negative Effekte auf dem Jugendarbeitsmarkt wahrscheinlich daher gering zu veranschlagen.

Wie realistisch ist ein Ja ihrer Meinung nach?

Ich wäre überrascht, wenn die Initiative angenommen wird, aber man kann nie wissen. Ich sehe die Debatte über die Mindestlöhne in einem breiteren Kontext, vor dem Hintergrund des zunehmenden Unbehagens über die Verteilung der Einkommen, dass vor allem den Mittelstand nicht mehr so stark wie früher am Wirtschaftswachstum teilhaben lässt. Ich denke, diese Verteilungsdebatte wird in uns in Zukunft weiter beschäftigen, da die internationalen Trends in diese Richtung zeigen und vor der Schweiz nicht Halt machen werden.

Die Angestellten würden mehr verdienen. Welche volkswirtschaftlichen Folgen hätte das? Würden die höheren Löhne den Konsum ankurbeln oder würden die Preise steigen?

Die Firmen werden versuchen, erhöhte Kosten auf die Preise zu überwälzen. Wenn das nicht oder nicht vollständig möglich ist, und wenn negative Beschäftigungseffekte ausbleiben, kommt es zu einer Umverteilung zugunsten von Haushalten, die eine hohe Konsumneigung haben. Das hätte eine positive Wirkung auf die gesamtwirtschaftliche Konsumnachfrage. Wenn allerdings die Beschäftigungseffekte negativ ausfallen, wird dieser Effekt neutralisiert oder kehrt sich ins Gegenteil. Ich denke aber, die Auswirkungen des Mindestlohnes wären zu gering, um substantielle Auswirkungen auf die Konjunkturlage zu haben.

Welche Konsequenzen hätte ein Ja für die Arbeitgeber, für die Unternehmen?

Branchen, in denen Tieflöhne bezahlt werden, müssten sich überlegen, Beschäftigung abzubauen. Dort wo dies möglich ist, werden Firmen versuchen, ihre Arbeitnehmer besser zu qualifizieren. Dies würde sicherstellen, dass die Arbeitnehmer hinreichend produktiv sind und die höheren Löhne auch erwirtschaften. Firmen könnten auch verstärkt versuchen, die Qualität ihrer Produkte oder Dienstleistungen zu verbessern, und auf diese Weise dem Kostendruck zu entgehen. Das wird dort passieren, wo dies möglich ist. In manchen Bereichen wird das der Fall sein, in anderen jedoch nicht.

Welche Regionen wären besonders betroffen?

Insbesondere jene Regionen mit einer Industriestruktur, wo der Anteil der Tieflohnsektors überdurchschnittlich hoch ist.

Viele Firmen müssen tiefe Löhne bezahlen, weil sie tiefe Margen erwirtschaften. Würde die Initiative eine Bereinigung herbeiführen, die ohnehin notwendig wäre?

Wie bereits erwähnt, wird es sicher Anreize geben, dem Kostendruck zu entweichen. Dort wo das nicht gelingt, werden keine neuen Arbeitnehmer angestellt, Beschäftigung abgebaut und im schlimmsten Fall könnten auch Firmen aufgeben.

Wenn man die Schweiz mit anderen Ländern vergleicht: Ist ein Mindestlohn von 4000 Franken angebracht oder werden die Arbeitnehmer in der Schweiz bereits fair entlöhnt?

Der Mindestlohn in der Schweiz ist im internationalen Vergleich sehr hoch. Man muss das jedoch differenzierter sehen. Zum einen ist das allgemeine Lohnniveau in der Schweiz sehr hoch, zum anderen sind die tiefen Löhne im Verhältnis zum Durchschnitts- oder Median-Lohn in der Schweiz relativ hoch. Schätzungen zufolge beziehen etwa 10 Prozent der Arbeitnehmer in der Schweiz einen vollzeitäquivalenten Lohn von 4000 Franken. Zum anderen sind natürlich auch die Preise hierzulande sehr hoch. Es kommt letztlich auf das Reallohnniveau an, das heisst auf das Verhältnis der Löhne zu den Preisen von Konsumgütern und -dienstleistungen. Schliesslich sind aus der Sicht der Firma die gesamten Lohnkosten relevant. Das muss alles berücksichtigt werden, wenn man einen sinnvollen Vergleich mit anderen Ländern anstellen will. Der Abstand zu den Mindestlöhnen anderer Länder ist dann nicht mehr so gross, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Wie würden Sie einen fairen Lohn definieren?

Was die Fairness betrifft,  das ist eine sehr subjektive Sache. Aber das zunehmende Unbehagen der Bevölkerung über die gerechte Verteilung des volkswirtschaftlichen Kuchens ist spürbar. Darum haben wir die Diskussion um die Mindestlöhne, die 1:12-Initiative und so weiter. Ich denke, diese Diskussion wird in Zukunft noch intensiver geführt werden, da die Ursachen für diese Entwicklung, beispielsweise neue Technologien und die zunehmende Globalisierung nicht verschwinden, sondern in Zukunft noch stärker sichtbar werden.

Welche Alternativen gäbe es, um in der Schweiz einer möglichst breiten Schicht anständige Löhne zu ermöglichen?

Eine Möglichkeit wäre die Steuerpolitik. Eine negative Einkommenssteuer oder eine "Earned Income Tax Credit" wie in den USA wäre sicher eine Möglichkeit. Wer wenig verdient, muss nicht Steuern bezahlen, sondern bekommt eine Subvention, also eine negative Einkommenssteuer. Das würde die Arbeitsanreize steigern und die Firmen nicht direkt belasten. Das wäre sicher eine gangbare Möglichkeit, um die Tieflohnproblematik zu entschärfen. Die Erfahrungen in den USA mit diesem Instrument sind positiv. Längerfristig gilt es, das Bildungssystem den Gegebenheiten anzupassen und sicherzustellen, dass auch weniger talentierte Arbeitnehmer hinreichend produktiv beschäftigt werden können. Das bedeutet, dass Jugendliche gut ausgebildet werden, sodass auch durchschnittliche oder weniger talentierten Personen ihr Potenzial gut entwickeln können. Eine solide Ausbildung ist langfristig der beste Weg, um nicht in die Tieflohnfalle zu geraten. Ein flexibles, den sich verändernden Umständen angepasstes und sich anpassendes Bildungssystem ist das wirksamste Mittel um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Die Schweiz hat in dieser Hinsicht gute Voraussetzungen.

Die Folgen der Initiative sind ungewiss, auch weil kaum akademische Studien zur Situation in der Schweiz existieren. Warum wurde in diesem Bereich bisher wenig geforscht?

Es gibt keine Studien über den Mindestlohn in der Schweiz, da es ihn ja noch nicht gibt. Aber es gibt Studien über die Häufigkeit von Tieflöhnen, auch über die Unterschiede in der Lohnentwicklung im Hoch- und Tieflohnbereich. Hier zeigt sich, dass die mittleren Löhne etwas geringer gewachsen sind als die höchsten Löhne. Gute Daten zur Lohnstrukturerhebung und zur Arbeitskräfteerhebung gibt es seit Beginn der 1990er Jahre, man kann also die letzten 20 Jahre recht gut untersuchen. Aber ich stimme zu, mehr Forschung in diesem Bereich ist nötig.

Prof. Dr. Josef Zweimüller ist seit 1997 Professor für Makroökonomie mit Spezialgebiet Arbeitsmarkt an der Universität Zürich.