«Viele Banker tun mir leid»

Weinbauer Marcel Bühler wechselte von der Bank- in die Weinbranche. Er blickt mit gemischten Gefühlen zurück und erfreut sich heute an kleinen Dingen. Teil I der cash-Interviewserie zum Thema «Berufliche Quereinsteiger».
18.12.2016 23:11
Interview: Ivo Ruch
Marcel Bühler ist Besitzer der Domaine des Enfants in Südfrankreich.
Marcel Bühler ist Besitzer der Domaine des Enfants in Südfrankreich.

Marcel Bühler (45) führt seit 2007 ein Weingut in Südfrankreich. Die Domaine des Enfants produziert einen Weiss- und drei Rotweine und verkauft sie in die ganze Welt. Vor seiner Karriere als Winzer arbeitete Bühler in der Finanzbranche. Heute ist er mit Pferd und Pflug in den steilen und teilweise mehr als 100 Jahre alten Weinbergen unterwegs.

Das Gespräch mit Marcel Bühler ist Teil eins der cash-Interviewserie zum Jahresschluss. 2016 befasst sich cash mit dem Thema berufliche Quereinsteiger und Neuorientierung.

cash: Herr Bühler, Sie waren im Handel für Derivate und Strukturierte Produkte tätig. Mögen Sie sich noch an Ihren letzten Arbeitstag auf der Bank erinnern?

Marcel Bühler: Nein, nicht genau. Aber der Abschiedsapéro ist mir noch in Erinnerung.

Hatten Sie bei Ihrem Abschied von der Bank schon einen Plan für Ihre Zukunft?

Einen genauen Plan hatte ich nicht. Ich machte dann zuerst eine Kochschule in Paris und arbeitete in einem Zürcher Restaurant. Erst danach begann ich bei einem Weinbauer. Das gefiel mir sehr und ich studierte dann Önologie und Weinbau in Geisenheim.

Was waren die wichtigsten Gründe für diesen radikalen Wechsel?

Der Job bei der Credit Suisse First Boston war nicht mehr befriedigend. Ich hatte keinen Spass mehr und sah den Sinn meines Tuns nicht mehr. Es gab keinen konkreten Grund, aber ich vergleiche es mit einem Ermüdungsbruch im Sport. Ich konnte schlicht nicht mehr.

Der Wunsch, nicht mehr Banker zu sein, war also grösser als der Plan für etwas Neues?

Ich wusste, dass ich meinen damaligen Job nicht mehr weitermachen wollte. Hatte aber keine konkrete Idee für die Zukunft. Ich gab mir bewusst Zeit für eine Neuorientierung.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie heute auf die Schweizer Bankenbranche?

Ich habe regen Kontakt mit alten Berufskollegen. Aber viele tun mir leid, weil die Verunsicherung und der Druck derzeit gross sind. Wenn man nicht weiss, was am nächsten Tag passiert, ist die Fokussierung auf den Job schwierig. Aber die Löhne sind immer noch sehr hoch.

Was macht Ihnen am Leben als Weinbauer besonderen Spass?

In der Natur zu arbeiten ist ein grosser Luxus. Das gibt mir sehr viel Ruhe und Kraft. Und ich stelle ein Produkt her, worauf ich stolz bin. Dann habe ich ein schönes Zuhause, ein kleines Weingut, Familie und ein kleines Einkommen. Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr so viele Dinge brauche, um glücklich zu sein. Aber Druck habe ich auch. Unternehmer zu sein, ist nicht einfach.

Gibt es Dinge, die Sie an Ihrem alten Job vermissen?

In erster Linie die Kollegen. Wir hatten ein sehr gutes Team. So gerne ich alleine arbeite, so sehr vermisse ich es, Arbeitskollegen zu haben. Der Kontakt zu anderen Winzern ist weniger romantisch als man sich das vorstellt. Es gibt viel Neid. Als Weinbauer ist man meistens alleine.

Sie führen das Weingut Domaine des Enfants im Süden Frankreichs seit 2007. Können Sie mittlerweile vom Weinbau leben?

Ja, aber auf kleinem Fuss. In den letzten zehn Jahren war ich einmal in den Ferien. Aber das ist in Ordnung, weil ich keine Kompensationshandlungen mehr brauche.

Frankreich gilt als das Weinland schlechthin. Die Konkurrenz ist gross. Wie heben Sie sich ab?

Ich versuche, etwas Einmaliges herzustellen, das beim Kunden hängenbleibt. Beim Wein spielen Emotionen eine grosse Rolle.

Was war bisher Ihr grösster Erfolg als Winzer?

Sehr stolz bin ich darauf, dass mein Wein im Globus verkauft wird. Aber auch zahlreiche Restaurants in der Schweiz, in London und New York gehören zu meinen Kunden. Stolz macht mich auch jeder Kunde, der meine Weine gerne trinkt.

Möchten Sie als Winzer alt werden?

Das kann ich noch nicht abschätzen. Im Leben geht es darum, möglichst viele emotionale Erfahrungen zu sammeln und mit anderen Leuten zu teilen. Gut möglich, dass wir in ein paar Jahren den Träumen meiner Frau nachgehen, die sich momentan dem Weinbau sehr unterordnet.

Ihre Rotweine kosten kosten in Zürcher Restaurants zwischen 75 und 140 Franken. Da muss man fast schon Banker sein, um sich die leisten zu können.

Zwischen 20 und 30 Prozent der Produktion von rund 30'000 Flaschen geht in die Schweiz. Ohne diesen Absatzmarkt hätte ich Mühe. Meine Weine werden natürlich und authentisch hergestellt. Den Schweizer Kunden ist das etwas wert. Die Schweiz hat nach wie vor ein sehr hohes Qualitätsdenken. Die Preise hängen auch damit zusammen, dass der Ertrag pro Reben sehr klein sein kann, die Arbeit aber immer gleich gross ist.

Welche anderen Märkte beliefern Sie?

Ich liefere in die ganze Welt: China, Hongkong, Japan, Australien, Kanada oder USA. Gerade im amerikanischen Markt wachsen wir derzeit sehr stark.

Wie wird Ihr Wein-Jahrgang 2016?

Er wird klein, aber sehr gut. Wir hatten aus meteorologischen Gründen 40 bis 50 Prozent weniger Ertrag als im Vorjahr.

Wie empfinden Sie das Leben in Frankreich?

Roussillon, die Region in der wir leben, kann man nicht dem Rest Frankreichs vergleichen. Wir leben in einer Gegend, die stark von der Landwirtschaft geprägt ist. Die Leute sind eher rau und hart. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt irgendwo bei 700 Euro pro Monat. Das heisst, der Kampf ums Überleben prägt den Alltag.

Wie wurden Sie dort aufgenommen?

Man hat bestimmt nicht auf uns gewartet. Wir sind einer von zwei Bio-Betrieben unter den fast 30 Winzern im Dorf. Und ich arbeite noch mit Pferden. Deshalb gelten wir als Exoten. Und ein gewisser Neid ist auch feststellbar, sobald die Qualität des Weines konkurrenzfähig wird.

Frankreich bekommt im nächsten einen neuen Präsidenten. Oder eine Präsidentin. Wie lautet Ihre Prognose?

Ich glaube nicht, dass Marine Le Pen das Rennen macht. Die Chancen für François Fillon stehen besser, wenn es zum Duell mit Le Pen kommt. Frankreich hatte nun mehr als vier Jahre lang eine sozialdemokratische Regierung und viel hat sich nicht verändert.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Schweiz verändert?

Wenn man im Ausland wohnt, schaut man wehmütiger auf die Schweiz. Viele Dinge sind sehr positiv, alles funktioniert. Hier in Frankreich sind die Steuern viel höher und viele Leute wollen nur schwarz arbeiten. In politischer Hinsicht sind die gemässigteren Verhältnisse ein grosser Unterschied.

Was raten Sie anderen Leuten, die sich einen solchen Neuanfang überlegen?

Viele Leute haben keinen Plan B und wissen nicht, was sie sonst noch machen könnten. Ein solcher macht aber einen Neuanfang im Fall einer Entlassung weniger hart. Ein wichtiger Punkt ist auch der Lebensstil. Wenn man diesen Stil einem Leben mit tieferem Einkommen anpasst, steigt die Flexibilität und sinkt die Abhängigkeit. Viele Menschen krallen sich an ihrem Job fest, statt sich auf ein neues und vielleicht freieres Leben zu freuen.