Vorsicht vor diesen grauen Schwänen

Graue Schwäne gelten als Vorboten von schwarzen Schwänen: unwahrscheinliche, aber schwerwiegende Ereignisse. Die folgenden zehn grauen Schwäne könnten die Märkte 2015 beschäftigen.
05.01.2015 01:01
Von Ivo Ruch
Wo lauern im kommenden Jahr Gefahren für die Anleger?
Wo lauern im kommenden Jahr Gefahren für die Anleger?
Bild: © Mariusz Prusaczyk/fotolia.com

Die Terrorattacken vom September 2001, der Aufstieg von Google zur Internetmacht oder der Ausbruch der Finanzkrise: Diese Ereignisse galten vor ihrem Eintreten alle als höchst unwahrscheinlich. Als sie dennoch zustande kamen, war die Überraschung dementsprechend gross. In solchen Fällen wird oft der Begriff des schwarzen Schwans verwendet – eine Metapher für äusserst seltene Erscheinungen. Gerade wegen des überraschenden Effekts haben solche Vorfälle grosse Auswirkungen, argumentiert Nassim Nicholas Taleb in seinem Bestseller "Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse".

Graue Schwäne sind hingegen Ereignisse, die zwar vorhersehbar sind, aber dennoch unerwartete und problematische Folgen haben können. Und: Es ist durchaus möglich, dass sich ein grauer zu einem schwarzen Schwan auswächst. Ein Beispiel eines grauen Schwans war der Ebola-Ausbruch im vergangenen Jahr. Der Virus und sein Ausbruch sind nicht neu, aber die Ausbreitung war überraschend. Nicht selten haben graue Schwäne direkte Auswirkungen auf die Finanzmärkte.

Geht es nach dem amerikanischen Börsen-Portal "MarketWatch" sollten 2015 folgende grauen Schwäne beachtet werden:

1. Fed-Zinsen

Im Dezember beruhigte Fed-Chefin Janet Yellen die Märkte zwar mit der Aussage, die US-Notenbank werde bei der Zinswende "geduldig" vorgehen. Trotzdem begeht die Fed auch im nächsten Jahr einen Balanceakt. Agiert sie zu früh, würgt sie eventuell das Wachstum ab. Erhöht sie die Zinsen hingegen zu spät, könnten die darauffolgenden Zinsschritte zu nahe aufeinander folgen. Die Folgen wären wohl ein heftiges Börsengewitter.

2. Ölreserven

Die Ölpreise haben sich im Laufe des Jahres beinahe halbiert. Ein Umstand, der sich aber laut Experten schnell wieder ändern kann. Beschliesst zum Beispiel ein Förderland  einen Exportstopp oder kommt es in ölreichen Gegenden zu politischen Turbulenzen, kann der Ölpreis sehr schnell wieder ansteigen.

3. Schwellenländer-Währungen

Mit den Preisen für Erdöl sinken auch die Währungen von Produktionsstaaten wie Brasilien oder Russland. Der russische Rubel hat gegenüber dem Dollar im letzten Jahr mehr als 70 Prozent an Wert verloren. Hinzu kommt die näher rückende Zinswende. Wenn die amerikanische Notenbank wie erwartet 2015 die Leitzinsen erhöht, werden viele Investoren ihr Geld aus den Schwellenländern abziehen und beispielsweise im Dollar anlegen.

4. Knappe Liquidität

Am 15. Oktober machte der Markt für amerikanische Staatsanleihen an einem Tag heftige Kurssprünge nach unten und oben, was äusserst selten ist. Denn der Markt galt bislang als liquidester überhaupt. Doch an diesem Tag war die Liquidität im Treasuries-Handel phasenweise verschwunden. Marktbeobachter führen zwei wichtige Erkenntnisse ins Feld: Erstens nimmt die Bedeutung von Hochfrequenzhändlern laufend zu. Sie können dem Markt in Sekundenbruchteilen Liquidität entziehen. Zweitens haben strengere Regulationen in den USA dazu geführt, dass die Anzahl routinierter Marktmacher sinkt. Beides sind Tendenzen, die sich in Zukunft noch verstärken werden.

5. Griechische Politik

Im krisengeschüttelten Griechenland kommt es Ende Januar zu Neuwahlen. In Umfragen liegt die Syriza-Partei des Oppositionsführers Alexis Tsipras vorne. Sie lehnt die im Volk unpopulären Reformen und Sparanstrengungen ab. Von einem Tsipras-Sieg befürchten Investoren in erster Linie eine neue griechische Schuldenkrise. Bereits gerieten die Kurse von griechischen Staatsanleihen massiv unter Druck. Sogar ein Euro-Austritt Griechenlands wird als Möglichkeit angesehen. Bleibt die Frage, ob sich eine Griechenland-Krise auch auf andere südeuropäische Länder auswirken würde.

6. Ukraine-Krise

Das Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland ist immer noch sehr fragil. Im Osten der Ukraine, in Lugansk und Donezk, haben sich nicht anerkannte Volksrepubliken gegründet, die sich von der Ukraine losgesagt haben. Für diese Regionen hat Russland eine Regierungskommission gegründet und somit erstmals seine Unterstützung auf eine offizielle Ebene gestellt. Derweil wächst die Furcht vor einer Staatspleite im Rest der Ukraine und in Russland.

7. Krieg gegen Terror

Der Siegeszug der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak scheint zwar vorerst gestoppt. Doch immer noch kontrollieren die IS-Milizen grosse Gebiete Syriens und des Nord-Iraks. In einem selbst ernannten "Kalifat" tyrannisieren sie alle, die sich ihnen nicht unterwerfen. Hunderttausende Menschen flüchten vor dem Terror – vor allem in die Türkei und den Libanon.

8. Konflikt zwischen China und Japan

Weitere geopolitische Risiken lauern in Asien. Der Konflikt zwischen China und Japan um die Senkaku-Inseln schwelt schon seit Jahrzehnten vor sich hin. Während den letzten Jahren herrschte Eiszeit zwischen den beiden Ländern. Erst im November tauten die Beziehungen etwas auf. Eskaliert die Situation im Ostchinesischen Meer und kommt es gar zu militärischen Handlungen, reagieren die Märkte zweifellos.

9. Ebola-Epidemie

Die Seuche klingt noch nicht ab. In Westafrika sind inzwischen fast 20'000 Menschen an Ebola erkrankt, die Zahl der Toten nähert sich 8000. Die Weltgesundheitsorganisation geht zudem von einer hohen Dunkelziffer nicht registrierter Infektionen und Todesfälle aus. Auch in Europa und den USA sind schon Krankheitsfälle aufgetaucht – ebenso in der Schweiz. Obwohl die Vereinten Nationen Ebola als Gefahr für den Weltfrieden einstufen, wird sich die Krankheit kaum zu einer globalen Epidemie entwickeln.

10. Internet-Kriminalität

Die Hacker-Attacken auf Server des Sony-Konzerns haben erneut gezeigt, wie angreifbar das Internet ist – und wie gefährlich solche Angriffe sein können. Private Daten, Firmen-Server oder Regierungsrechner: Die möglichen Ziele von Computerhackern sind unendlich und die Schäden für die Wirtschaft können in die Milliarden gehen. Zudem entsteht mit der stärkeren Verbreitung von elektronischen Bezahlsystemen ein weiteres lukratives Ziel im globalen Cyberkrieg.