Währungspolitik - Der Eurokurs ist auf dem tiefsten Stand seit sechs Jahren - Was sind die Aussichten?

Der Euro rutschte am Freitag unter die Marke von 1,05 Franken. Die Gründe, Folgen und Aussichten im Überblick.
20.11.2021 07:30
Von Ralph Pöhner
Auf dem höchsten Stand seit sechs Jahren: Der Schweizer Franken.
Auf dem höchsten Stand seit sechs Jahren: Der Schweizer Franken.
Bild: Bloomberg

Der Euro rutschte am Freitag unter die Marke von 1,05 Franken, was den Kurs unserer Währung wieder mal ins Rampenlicht brachte: "Franken auf dem höchsten Stand seit sechs Jahren!", rufen uns die Medien zu. Und das weckt eine gewisse Beunruhigung.

Denn wir erinnern uns: Das Franken–Euro–Verhältnis war in einer gewissen Phase – nicht lang ist’s her – das beherrschende Thema der Schweizer Wirtschaft. Die Exportindustrie kam wegen der starken Landeswährung unter Druck; Einkaufstouristen stürmten nach Konstanz, Lörrach und Varese; die Nationalbank versuchte die Aufwertung zu bremsen, was vielen dann aber auch nicht recht war, weil das Team um Thomas Jordan durch ihre Deviseninterventionen die Bilanz atemberaubend aufblies.

Der Schatten der SNB

Aber in den soliden Konjunkturjahren nach 2018 beruhigte sich die Lage. Der Eurokurs bröckelte und bröckelte, doch er tat das langsam genug, damit die Exportbetriebe (also die grössten Leidtragenden einer Aufwertung) das Problem gut hedgen konnten. Und dann sprang der Franken nicht einmal besonders steil nach oben, als im Frühjahr 2020 die Lockdowns die Weltwirtschaft erschütterten – obwohl er ja sonst als Fluchtwährung für Chaoszeiten aller Art dient.

Die Drohung der Nationalbank, jederzeit einzugreifen, wenn es die Devisenmärkte zu weit treiben, entfaltete selbst in dieser einmaligen Phase subtile Wirkung.

Aber jetzt? Trotz aller Schlagzeilen: Es gibt keinen Bruch. Der Rückschlag war am Freitag zwar relativ deutlich, nachdem die psychologisch als wichtig geltende 1.05-Grenze unterschritten war. Aber insgesamt geriet Euro-Franken-Kurs nach einer recht stetigen Abwärtsbewegung an diesen Punkt. 

Kein Vergleich zu den Schwüngen, die man vor fünf Jahren im Devisenmarkt erlebte. Höchstens dass sich die Kurve etwa ab März etwas steiler absenkte. Und damit entspricht die Entwicklung im Grunde perfekt dem, was jedes Lehrbuch besagt.

It's the inflation, stupid

Ein globalwirtschaftliches Hauptthema dieser Monate ist nämlich die Inflation. Aus den USA, aus dem Euroraum, aus Grossbritannien werden alle vier Wochen Teuerungsraten vermeldet, die über den Erwartungen liegen. Kaputte Lieferketten heizen die Preis-Sorgen zusätzlich an. Derweil darf das eidgenössische Bundesamt für Statistik unverdrossen Inflationsraten im Null-Komma-Irgendwas-Bereich verkünden.

Und wie die besagten Lehrbücher bemerken, fliesst Geld aus Ländern und Währungen mit hoher Inflation in Länder und Währungen mit tiefer Inflation. Dass die Nachfrage nach dem Franken – und damit dessen Preis – jetzt steigt, ist von daher sehr gut verständlich. Kommt hinzu, dass die Verunsicherungen zu Beginn des zweiten Corona-Winters ebenfalls dazu beitragen, den Good Old Swissie als Save Harbour in Erinnerung zu rufen.

Für die Realwirtschaft muss das in der jetzigen Phase gar nicht viel bedeuten. Einkaufstourismus ist zwischen 2G, 2G+ und 3G ohnehin nicht besonders angesagt. Und die Währungskurs-Problematik erschwert zwar die Exporte, doch andererseits können die hiesigen Unternehmen mit ihrem soliden Franken umso besser einkaufen auf den Rohstoff- und Halbfabrikats-Märkten.

Superman bleibt Superman

Die aktuelle Entwicklung ist übrigens auch eher ein Euro- als ein Frankenphänomen: In den Kursen zeigt sich vor allem eine Schwäche der Gemeinschaftswährung, nachdem EZB-Chefin Christine Lagarde erneut klargestellt hat, dass sie wegen der Inflation wenig beunruhigt ist.

Heikel wird die Lage erst, wenn es vor lauter Inflation nicht mehr um Euro oder Dollar geht – sondern der Franken wieder mal als Superman unter den Währungen eingeschätzt wird. Weil dann allzu wilde Devisenmarkt-Sprünge die Finanzchefs wie die Einkaufsmanager wirklich in Nöte bringen könnten.

Ob die Entwicklung also tatsächlich wieder mal in die Enge führt – wie in den Jahren zwischen 2009 und 2012 –, hängt also wohl stark von der Inflations-Entwicklung im Ausland ab. Immerhin: Nicht nur Christine Lagarde, sondern eine Mehrheit der Notenbanker, Ökonomen und anderen Experten entwarnen da eher. Denn sie erachten die Teuerungs-Boosts in Amerika und Europa bloss als vorübergehendes – "transitorisches" – Phänomen.

Begrenzt oder nicht? Die grosse Inflations-Frage wird auch für den Franken entscheidend.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der handelszeitung.ch mit dem Titel: "Franken stark, Euro unter 1.05: Was muss uns das kümmern?".