WEF-Gründer Schwab kritisiert die neoliberale Wirtschaftsideologie

WEF-Gründer Klaus Schwab kritisiert die neoliberale Wirtschaftsideologie. "Durch den zunehmenden Fundamentalismus der freien Märkte wurden Arbeitnehmerrechte und wirtschaftliche Sicherheit abgebaut, ein deregulatorisches Abwärtsrennen und ein ruinöser Steuerwettbewerb ausgelöst sowie die Entstehung weltweiter Monopole ermöglicht", schrieb Schwab in einem Beitrag, der von "NZZ am Sonntag" veröffentlicht wurde.
18.10.2020 18:18

Die Pandemie sollte Anlass sein, Elemente des globalen Wirtschaftssystems einer Prüfung zu unterziehen und Korrekturen vorzunehmen, schrieb der Gründer des Weltwirtschaftsforums (WEF). Die Krise verstärke systemimmanente Probleme wie Ungleichheit und den Mangel an Nachhaltigkeit. Deshalb sei jetzt der Moment, "die heiligen Kühe des präpandemischen Systems zu überdenken".

Besteuerung und Handel auf Prüfstand

"Handel, Besteuerung und Wettbewerbsregeln, die Jahrzehnte neoliberalen Einflusses spiegeln, müssen nun auf den Prüfstand", forderte Schwab. Andernfalls könnte das ideologische Pendel - das bereits in Bewegung ist - hin zu einem vollständigen Protektionismus und staatlichen Interventionismus schwingen, die alle Beteiligten zu Verlierern machten.

"Selbstverständlich sollten wir unsere grundlegenden Wachstumsquellen nicht aufgeben. (...) Wir brauchen Märkte, um Ressourcen sowie die Produktion von Waren und Dienstleistungen effizient verteilen zu können", erklärte Schwab.

Neue Regeln für Unternehmen

"Wenn wir von Kapitalismus sprechen, dann darf Kapital nicht nur auf die finanziellen Ressourcen beschränkt sein, sondern muss Finanz-, Umwelt-, Sozial- oder Humankapital beinhalten." Die Konsumenten in entwickelten Ländern wollten nicht nur noch mehr oder bessere Waren und Dienstleistungen.

Stattdessen erwarteten sie von den Unternehmen nun, dass diese zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. "Daher brauchen wir eine fortgeschrittene Art von Kapitalismus, die neben dem Gewinn auch den Beitrag an die Gesellschaft mit einbezieht", erklärte Schwab.

"Um den Kapitalismus neu zu bewerten, müssen wir die Rolle der Unternehmen neu bestimmen", schrieb Schwab. Ein börsengehandeltes Unternehmen sei nicht nur eine Geschäftseinheit, sondern auch ein sozialer Organismus ist mit vielen Anspruchsgruppen.

Aber damit sich sozial- und umweltbewusstere Unternehmenspraktiken durchsetzen könnten, brauchten die Unternehmen klarere Richtlinien und Massstäbe. "Damit können Unternehmen einheitlich gemessen und beurteilt werden, nicht nur aufgrund ihres finanziellen Erfolges, sondern auch in Bezug auf ihre Verantwortung gegenüber Natur und Gesellschaft und guter Unternehmensführung", schrieb Schwab.

jb/

(AWP)