Weshalb die Märkte den Krisen widerstehen

George Hoguet, globaler Investmentstratege bei State Street Global Advisors, erklärt im cash-Interview, warum die Börsen den geopolitischen Brandherden standhalten und welches die wahren Risiken für die Märkte sind.
02.09.2014 01:00
Interview: Daniel Hügli
George Hoguet ist Investmentstratege und Fondsmanager bei State Street Global Advisors.
Bild: cash

cash: Herr Hoguet, an den Börsen ist die Volatilität sehr tief, gleichzeitig ist der Appetit nach sicheren Anlagen bei Währungen oder Bonds hoch. Wie hat sich State Street Global Advisors positioniert in diesem Umfeld?

George Hoguet: Wir sind bei Aktien noch immer substanziell übergewichtet, insbesondere bei Aktien aus den USA und Europa. Schwellenländer haben wir neutral gewichtet, nominale US-Staatsanleihen haben wir deutlich untergewichtet.

Weshalb die tiefe Volatilität an den Märkten?

Wegen der konstanten Interventionen der Notenbanken weltweit. Die Europäische Zentralbank wird ihre Geldpolitik wahrscheinlich noch weiter lockern, die Bank of Japan wird ebenfalls weiter aktiv sein in den Märkten und Wertpapiere aufkaufen. Investoren gehen zudem davon aus, dass die Kadenz der erwarteten US-Zinserhöhungen tief sein wird.

Auf der Welt lauern derzeit eine Menge Brandherde.

Sie sprechen die geopolitischen Risiken an. Ukraine, Gaza, das südchinesische Meer, dann aber auch die Krankheit Ebola oder die Eurozonen-Krise. Die ist ja auch noch nicht gelöst. Die Märkte haben diesen Krisen weitgehend widerstehen können.

Warum?

Weitgehend wegen des aufkommenden Schwungs der US-Wirtschaft. In dieser Hinsicht beobachten wir so etwas wie eine Abkoppelung von der Weltwirtschaft. Die US-Wirtschaft gewinnt an Attraktivität, die Zinserhöhungen werden wahrscheinlicher, die Inflation ist tief, die Gewinnmargen sind stark. Dazu kommt ein hohes und nicht nachlassendes Tempo bei den technologischen Innovationen, auch rege Aktivitäten bei Firmenübernahmen und Fusionen sind zu beobachten. Die Erholung der Weltwirtschaft als ganzes ist historisch gesehen aber noch immer schwach.

Was sind denn die wahren Risiken für den Markt?

Eine unordentliche Anpassung der zehnjährigen US-Staatsanleihen wie etwa in der Phase, wie wir sie 1994 und 1995 hatten. Damals erhöhte die US-Zentralbank die Leitzinsen sieben Mal innert zwölf Monaten.

Damals kam es zum Chaos an den Bondmärkten, die Börsen strauchelten.

Ja. Das ist heute zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber es könnte passieren. Als weiteres grosses Risiko sehe ich China. Denn die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen sind sehr grundlegend. Da könnte eine Gegenbewegung einsetzen, etwa gegen die gegenwärtige Anti-Korruptionskampagne. Dann wäre schliesslich ein Taper-Tantrum möglich, wie wir es im Mai des letzten Jahres erlebt haben: Währungsprobleme in einem Schwellenland erfassen andere Länder und breiten sich aus. Das halte ich zwar für ziemlich unwahrscheinlich.

Viele Leute investieren heute nicht mehr in Aktien, weil sie der Meinung sind, dass nach Jahren steigender Märkte nun die grosse Korrektur kommt. Sie aber sind noch immer übergewichtet bei Aktien.

Es ist klar, dass die Volatilität an den Märkten einmal steigen wird. Die Expansion der Börsen ist am Ausreifen, vielleicht ist sie schon ausgereift. Ausgehend vom Shiller-KGV-Index könnte man zum Schluss kommen, dass Aktien teuer sind. Aber wir sind der Meinung, dass Aktien im Vergleich zu Bond-Renditen fair bewertet sind. Die Masse an Liquidität, die sich im Markt befindet, und die Investorensuche nach Renditen werden die Bewertungen der Aktien weiter nach oben treiben. Das stellt viele andere Kräfte der Finanzmärkte in den Schatten.

Sie sind Spezialist für Schwellenländer. Die haben sich nach dem Absturz von Mitte 2013 in diesem Jahr erstaunlich gut erholt. Warum?

Das hat hauptsächlich zwei Gründe: Die Märkte haben die Wachstumsaussichten für Chinas Wirtschaft neu bewertet. Das chinesische Bruttoinlandprodukt hat die Märkte nicht wie befürchtet enttäuscht. Das ist wichtig, weil China zunehmend der Wachstumsantreiber der Wirtschaft Asiens ist. Der zweite Grund: Es gab neue Ansichten und Bewertungen über die Normalisierung der US-Leitzinsen. Die Aktien der Schwellenländer rentieren derzeit mit 2,7 Prozent, das Wachstum beträgt mit 4 bis 5 Prozent das Doppelte wie in industrialisierten Ländern. Die Renditen kombiniert mit den Wachstumsaussichten der Emerging Markets führten dann schliesslich zu einem Umdenken der Investoren in diesem Jahr.

Dann ist es schon wieder zu spät, um in Schwellenländer zu investieren?

Nein. Schwellenländer haben gegenüber entwickelten Ländern seit 1989 eine Outperformance gezeigt. Bei Schwellenländern muss man nach Anlageklassen und verschiedenen Ländern innerhalb der Anlageklassen unterscheiden. Schwellenländer machen etwa 13 Prozent der Marktkapitalisierung der Aktienmärkte weltweit aus. Vor allem Small Caps speziell im chinesischen Markt sind eine attraktive Investition.

Welche Schwellenländer sind speziell attraktiv für Anleger?

Man sollte breit diversifiziert sein. Es wäre also eine schlechte Idee, wenn man sein ganzes Geld nur in den südkoreanischen Markt oder nur in Samsung anlegen würde. Aber bei der Länderwahl gibt es Tipps: Man sollte solche Länder vorziehen, welche die Wahlen bereits hinter sich haben und in denen daher die politische Stossrichtung etwas klarer ist. 2014 ist ein grosses Wahljahr, Indien, Indonesien oder die Türkei haben die Wahlen hinter sich, Brasilien noch nicht. Dann sollte man Länder wählen mit einer starken Basis bei Technologien, wie zum Beispiel Taiwan oder Südkorea. Länder, in denen strukturelle Reformen weit vorangeschritten sind, sind ebenfalls attraktiv. Ich denke hier vor allem an Mexiko. China schliesslich ist, trotz aller Risiken, interessant wegen der tiefen Bewertung der Aktien. Als risikoreich punkto Unsicherheiten und Überraschungen bei Zinserhöhung in den USA stufe ich die Türkei und Südafrika ein.

Wie sollten Privatanleger in Schwellenländer anlegen?

13 Prozent des Aktienportfolios sollten in Schwellenland-Aktien investiert sein. Investoren sollten daher auch Obligationen von Emerging Markets halten, sowohl in lokaler wie in harter Währung. Das heisst Inflation-Linked Bonds, Unternehmensanleihen, Anleihen der Regierungen in Dollar und lokaler Währung und so weiter. Den Anlegern steht eine breite Palette an kostengünstigen Anlagevehikeln zur Verfügung, nämlich Exchange Traded Funds. Privatanleger können damit viel einfacher auch in Teilgebiete von Märkten investieren als früher. Ich persönlich bin investiert in einen ETF, der sich auf chinesische Konsum-Aktien spezialisiert.

Im Video-Interview mit cash äussert sich George Hoguet weiter zu Schwellenländern und zur Frage, ob man lieber in europäische Märkte oder in Schwellenländer investieren sollte.

Der US-Amerikaner George Hoguet ist Investmentstratege und Fondsmanager bei State Street Global Advisors, der zum US-Finanzdienstleister State Street gehört. State Street ist einer der weltweit grössten Vermögensverwalter für institutionelle Investoren. Hoguet, der an der Harvard Business School studiert hat, arbeitete vor seiner Zeit bei State Street im Chief Investment Office von Baring Asset Management in London und Boston.