Whistleblower am Unispital Zürich entlassen - Spitalrat in Kritik

Am Universitätsspital Zürich (USZ) ist ein Whistleblower entlassen worden. Der in leitender Funktion tätigte Arzt hatte laut einem Medienbericht zuvor von Missständen an der Klinik für Herzchirurgie berichtet. Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli kritisierte am Wochenende die Aufsicht des USZ. Der Spitalrat habe seine Verantwortung offensichtlich nicht genügend wahrgenommen.
01.06.2020 18:10

Die USZ-Medienstelle teilte der Nachrichtenagentur Keystone-SDA am Samstag mit, die ordentliche Kündigung und Freistellung des Hinweisgebers sei durch die Spitaldirektion erfolgt. Sie bestätigte damit Informationen der Tamedia-Zeitungen. Falls der Mann dagegen Rechtsmittel ergreifen werde, sei der Spitalrat die erste Rekursinstanz. Weitere Angaben macht das USZ nicht.

In den Tamedia-Zeitungen vom Samstag hiess es, der Arzt habe ein Dossier mit zwölf Fällen von Verfehlungen am Spital zusammengestellt. Am 12. Dezember 2019 soll er demnach die Unterlagen mit dem Titel "Whistleblower" an die Spitaldirektion geschickt haben.

Das 42-seitige Dokument enthält laut den Zeitungen teilweise schwerwiegende Vorwürfe gegen den Herzchirurgen Francesco Maisano. Eine Woche nachdem die Untersuchungsergebnisse zu den Vorfällen vorgelegt worden seien, habe der Whistleblower die Kündigung mit sofortiger Freistellung erhalten.

Drei Ärzte sorgen für Kritik

Seit Wochen steht das Universitätsspital Zürich wegen Ungereimtheiten von drei ihrer Spitzenmediziner in der Kritik. Die Aufsichtskommission für Bildung und Gesundheit (ABG) des Zürcher Kantonsrats reagierte am Freitag auf die Vorwürfe gegen drei Klinikdirektoren. So soll eine Subkomission die Vorwürfe gegen den Leiter der Klinik für Herzchirurgie, Francesco Maisano, untersuchen.

Die Anschuldigungen gegen Maisano waren durch die Medien publik geworden. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, Implantate von Firmen verwendet zu haben, an denen er selber beteiligt ist und diese Interessenskonflikte nicht transparent gemacht zu haben. Bereits am Dienstag hatte die Universität angekündigt, diese Vorwürfe zu untersuchen. Maisano wurde für drei Wochen beurlaubt.

Zu Vorwürfen im Zusammenhang mit dem Zentrum für Zahnmedizin hatte die Aufsichtskommission bereits im November 2019 den Auftrag gegeben, organisatorische und strukturelle Massnahmen zu ergreifen. Dort soll der Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Martin Rücker, systematisch Patientinnen und Patienten zur Behandlung an seine private Praxis überwiesen haben. Das USZ hat mit ihm inzwischen vereinbart, dass er nur noch am USZ Patienten behandeln darf.

Neue Vorwürfe

Am Sonntag wurden in der "NZZ am Sonntag" neue Vorwürfe gegen den Rücker und gegen das Institut für Anästhesiologie bekannt. Demnach soll die Ärzte-Ausbildung manipuliert worden sein. Junge Ärzte erhielten den Angaben zufolge eine Bescheinigung für ein obligatorisches Praktikum, obschon sie dieses nicht absolviert hatten. Rücker und das angeschuldigte Institut wiesen den Vorwurf von Schein-Praktika der Zeitung gegenüber zurück.

Der dritte Mediziner, der unrühmliche Bekanntheit erlangte, ist der Klinikdirektor Gynäkologie, Daniel Fink. Laut Operationsplänen schaffte er es offenbar, bis zu drei Patientinnen gleichzeitig zu operieren und entsprechend Rechnung zu stellen. Das USZ kündigte auch hier eine Untersuchung an. Die Aufsichtskommission will nun mit einer Kommissionsmotion eine rasche Revision des Zusatzhonorargesetzes anstossen.

Fehlanreize

Gesundheitsdirektorin Rickli sagte der "NZZ am Sonntag", die Hauptverantwortung für das Spital trage der Spitalrat mit seinem Präsidenten Martin Waser. Dieser ist ein früherer SP-Stadtrat. Die SVP-Regierungsrätin kritisierte insbesondere das spitalinterne Kontrollsystem. Die Risiken seien zu spät erkannt worden. Zudem sei die Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit und der Gesundheitsdirektion nicht optimal gewesen.

Offensichtlich gebe es ein Problem mit gewissen Kliniken, deren Chefs und mit der Kultur, die dort herrsche. Rickli ortete Probleme wegen Fehlanreizen mit Zusatzhonoraren und der Machtkonzentration bei einzelnen Chefärzten.

(AWP)