Wirtschaftsdelikte - In Schweizer Firmen wird immer getrickst

Nicht zuletzt die Tricksereien bei Postauto zeigen es: Fehlverhalten im Top-Management nimmt in Schweizer Firmen zu. Doch können Wirtschaftsdelikte generell verhindert werden? cash hat mit Experten gesprochen.
13.03.2018 23:06
Von Ivo Ruch
Raubüberfälle auf Banken finden immer öfters im Internet statt.
Raubüberfälle auf Banken finden immer öfters im Internet statt.
Bild: pixabay.com

Wirtschaftskriminalität ist für Schweizer Unternehmen ein ernst zu nehmendes, weil wiederkehrendes Thema. Es wird betrogen, getrickst und gemischelt quer durch die Firmenhierarchie, vom Angestellten bis zum CEO.

Und die Tendenz nimmt zu, wie Peter Pellegrini, leitender Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte des Kantons Zürich, auf Anfrage von cash bestätigt: "Wir registrieren derzeit eine deutlich steigende Anzahl von Anzeigen".

Schon aus der Vergangenheit gibt es einige prominente Beispiele: Der ehemalige Finanzchef der Rentenanstalt (heute Swiss Life), Dominique Morax, wurde verurteilt, weil er sich im Jahr 2000 mit unzulässigen Aktiendeals bereichert hatte. Der UBS-Händler Kweku Adoboli sass vier Jahre im Gefängnis, weil er Risikovorschriften missachtet und der Grossbank 2011 einen Verlust von rund zwei Milliarden Schweizer Franken eingebrockt hatte.

Auch beim internationalen Fussballverband Fifa wurde solange bestochen und korrumpiert, bis 2015 in Zürich mehrere Funktionäre verhaftet wurden. Eben erst wurde bekannt, dass die Betreiber der Postautos mit Buchhaltungstricks an zusätzliche Millionen kamen.

Der ehemalige Raiffeisen-CEO und Helvetia-Präsident Pierin Vincenz sitzt seit fast zwei Wochen in Untersuchungshaft. Gegen ihn ermittelt die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft wegen möglicher ungetreuer Geschäftsbesorgung. Vincenz bestreitet, illegal gehandelt zu haben. Es gilt für ihn die Unschuldsvermutung.

Eine zunehmende Geldgier

Die zahlreichen Fälle zeigen, dass es offenbar schwierig ist, Wirtschaftsdelikte einzudämmen. Eine Studie des Beratungsunternehmens KPMG kam im letzten Jahr zum Schluss: Noch nie sind an Schweizer Gerichten Fälle von Wirtschaftskriminalität mit so hohen Schäden behandelt worden wie 2016. Zwischen 2012 und 2016 stieg der Gesamtschaden durch Betrug in der Schweiz von 497 Millionen auf 1,44 Milliarden Franken.

Der Trend dürfte sich in diesem Jahr fortsetzen, nimmt man Pellegrinis Aussage als Massstab. In Bezug auf besonders häufig auftretende Delikte gebe es keine Tendenz, aber Pellegrini empfindet allgemein eine zunehmende Geldgier: "Das hängt auch mit dem Anlagenotstand zusammen. Die tiefen Zinsen scheinen eine gute Zeit für Betrüger zu sein", sagt er im Gespräch. Es scheint, als steige hierzulande die Bereitschaft, für Zusatzrendite auch auf dubiose Angebote einzusteigen. Beispiele sind Anlagevehikel mit unrealistischen Renditeversprehen, die im Internet kursieren.

Was dem Staatsanwalt auch auffällt: Die Verfahren richten sich vermehrt gegen Kaderleute und die breite Mitarbeiterschaft. Zwar hat in den letzten Jahren eine Sensibilisierung in Bezug auf Wirtschaftskriminalität stattgefunden. Meldestellen für Whistleblower wurden eingerichtet, und Unternehmen betonen vermehrt, wie wichtig ihnen eine gute Corporate Governance ist.

Was ist Corporate Governance? Bei börsenkotierten Firmen ist hier insbesondere das Verhältnis von Aktionären, Verwaltungsrat und Geschäftsführung eines Unternehmens geregelt. So müssen kotierte Firmen in der Schweiz einige Mindestanforderungen der Börsenbetreiberin SIX erfüllen. Ebenfalls weit verbreitet ist der Leitfaden des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse. Allgemein wird Corporate Governance mit "Grundsätzen der Unternehmensführung" übersetzt. Corporate Governance soll verhindern, dass strafrechtlich relevante Aktionen von Mitarbeitenden stattfinden.

Beim Erkennen von Verstössen gegen die eigenen Gesetze und Richtlinien und beim Umgang damit seien die Unternehmen aber vielerorts noch nicht so weit, wie man sein könnte, sagt Susanne Grau. Für die Beraterin und Dozentin im Bereich Wirtschaftskriminalität wäre deshalb wichtig, dass die Umsetzung guter Corporate Governance auf oberster Ebene vorgelebt wird. "Dazu gehört auch die Handhabung von ethischem und unethischem Verhalten, wo der Idealzustand noch nicht erreicht ist", so Grau.

Delikte wird es immer geben

Eine weitere kriminelle Angriffsfläche für Unternehmen ist die zunehmende Digitalisierung, zum Beispiel im Bereich der Cyber-Attacken. Eine aktuelle globale Untersuchung des Beratungsunternehmens PwC kommt zu folgender Erkenntnis: Rund ein Drittel der Wirtschaftsdelikte entfallen auf Cybercrime.

So gut sich Unternehmen auch gegen Kriminalität schützen, für Expertin Grau ist klar: "Wirtschaftsdelikte werden nie ganz verhindert werden können, weil Gier und Macht immer eine gefährliche Kombination sein werden." Ihre Empfehlung: Ethik und Corporate Governance sollen Teil der Ausbildung werden. Zusätzlich muss kriminelles Verhalten in Unternehmen konsequent sanktioniert werden.

Bei Pierin Vincenz ist übrigens gar nicht klar, ob es im laufenden Strafverfahren überhaupt zu einer Anklage kommt. Laut Staatsanwalt Pellegrini, dessen Abteilung für Wirtschaftsdelikte für das Verfahren Vincenz zuständig ist, werden gut 50 Prozent der Anzeigen durch sogenannte Einstellungsverfügungen erledigt. Kommt es jedoch zu einer Anklage, stehen Vincenz' Karten schlecht. Die Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte hat eine durchschnittliche Erfolgsquote von 95 bis 100 Prozent.