Wirtschaftspolitik - Wie Deutschland seine China-Abhängigkeit verringern kann

Gemäss Aussage des BDI-Präsident Siegfried Russwurm ist Asien ist viel grösser als China. Auch andere asiatische Länder würden sich für Handelsbeziehungen mit Deutschland anbieten.
26.06.2022 05:04
Die Skyline von Mumbai, die grösste Stadt in Indiens.
Die Skyline von Mumbai, die grösste Stadt in Indiens.
Bild: pixabay.com

Industriepräsident Siegfried Russwurm ist die starke Verflechtung der deutschen Wirtschaft mit China nicht ganz geheuer. Waren im Wert von 245 Milliarden Euro wurden 2021 zwischen beiden Ländern ausgetauscht, womit die Volksrepublik das sechste Jahr in Folge der mit Abstand wichtigste deutsche Handelspartner geblieben ist.

"Asien ist viel grösser als China", sagt der BDI-Präsident beim Tag der Deutschen Industrie. "Das Gebot der Stunde ist, auch andere Märkte zu erschliessen." Gross ist die Sorge, den Russland-Fehler mit der hohen Abhängigkeit von Öl und Gas noch einmal zu machen und im Falle einer neuen Krise mit einem autokratischen Staat blank dazustehen. Aber wo könnte die deutsche Wirtschaft wachsen? Es gibt drei aussichtsreiche Kandidaten:

Indien

Der Subkontinent wird China schon bald als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen - ein riesiger Binnenmarkt mit kräftigem Wachstum ist er bereits. Von 2015 bis 2021 nahm das Bruttoinlandsprodukt um fast ein Drittel zu, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) ausgerechnet hat. "Das ist zwar weniger als China mit knapp 43 Prozent in diesem Zeitraum", sagt IW-Experte Jürgen Matthes. "Doch spricht vieles dafür, dass das chinesische Wachstum in den nächsten Jahren deutlich geringer ausfallen wird." Schon für dieses Jahr sagt der Internationale Währungsfonds (IWF) für Indien ein Plus von 8,2 Prozent voraus - fast doppelt so viel wie für China. Auch 2023 soll Indien mit 6,9 zu 5,1 Prozent deutlich die Nase vorn haben.

Wie viel Luft nach oben etwa die Exporteure im Geschäft mit Indien haben, zeigt ein Blick auf die Statistik: Waren im Wert von 12,5 Milliarden Euro setzten deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr in dem rund 1,4 Milliarden Einwohner zählenden Land ab - ein Achtel dessen, was in die Volksrepublik geliefert wird. "Indien steht sich mit einer traditionell globalisierungskritischen Regierung und auch Bevölkerung bei starker sozialer Fragmentierung und hohen Marktzugangsbarrieren seit Jahren selbst im Wege", sagt Handelsexperte Rolf Langhammer vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Der hohe Anteil der Beschäftigung im geschützten und wenig produktiven Agrarsektor macht es schwer, wie in China Ende der 70er Jahre den Absprung vom Agrar- zum Industriestandort zu schaffen." Der Aussenhandelsverband BGA fordert, die Öffnungsbestrebungen Indiens zu neuen Handelsabkommen "aufzugreifen, ein entsprechendes Abkommen abzuschliessen und auch zu ratifizieren".

Indonesien

Potenzial nach oben trauen Experten auch dem Handel mit Indonesien zu, das mit 273,5 Millionen Einwohner grösste muslimische Land der Welt. "In den kommenden Jahren sind neben Infrastrukturvorhaben auch zahlreiche grossindustrielle Projekte geplant", sagt Frank Malerius von der bundeseigenen Fördergesellschaft Germany Trade and Invest (Gtai). Das bietet Chancen für deutsche Unternehmen, die im Bereich Infrastruktur mit ihrer Expertise weltweit gefragt sind. Dazu kommt ein ebenfalls hohes Wirtschaftswachstum, das dem IWF zufolge in diesem Jahr bei 4,5 Prozent und 2023 sogar bei mehr als sechs Prozent liegen soll.

"Deutschland und die EU brauchen Freihandelsabkommen vor allem mit Indien und Indonesien, um diese Märkte stärker als Absatzmärkte, aber auch als Importpartner an die EU binden zu können", sagt IW-Experte Matthes. "Eine Diversifikation weg vom oft alleinigen China-Fokus ist ohne solche Abkommen nicht realistisch." Das bilaterale Handelsvolumen zwischen Indonesien und Deutschland lag 2021 bei mageren 6,6 Milliarden Euro - 150 mal niedriger als das mit China.

"Indonesien hat auch noch nicht das Einkommensniveau erreicht, um deutsche Spitzenerzeugnisse im Konsumgüterbereich auf dem Preisniveau absorbieren zu können, das deutsche Produzenten erwarten", sagt dazu IfW-Experte Langhammer. "Auf dem Markt sind sowohl China als auch Japan Deutschland voraus."

Vietnam

Für viele Investoren gilt Vietnam derzeit als Land der Stunde. Während China immer teurer wird und Peking mit der strikten Null-Covid-Strategie ausländische Unternehmen verprellt, lockt der mit fast 100 Millionen Einwohnern gar nicht so kleine Nachbar mit gut ausgebildeten Arbeitnehmern neue Investoren an - zumal bei einem Mindestlohn von maximal 191 Euro im Monat. Die zunehmende Einbindung in Freihandelsabkommen und Lieferketten sowie eine stetig wachsende, konsumfreudige Mittelschicht tun ihr Übriges. Zwischen 6,0 und 6,5 Prozent Wachstum erwartet die Regierung in diesem Jahr. Mehr als 350 deutsche Unternehmen sind bereits vor Ort, die etwa 47'000 Arbeitsplätze geschaffen und gut 2,5 Milliarden Euro investiert haben.

"Asiatische Käufer sind durchaus marken- und herkunftslandaffin und bieten daher Chancen für deutsche Unternehmen, vielleicht mehr im Kapital- als im Konsumgüterbereich", sagt Langhammer. Aber dazu bedürfe es Investitionen vor Ort für ein auf das Einkommensniveau angepasstes Angebot. Auch der BGA erkennt in Vietnam "grosses Potential für eine Diversifizierung der Lieferketten".

Fazit

"Klar, Asien ist die dynamischste Region mit einer kaufkräftigen Käuferschicht, relativ sicheren Investitionsbedingungen, relativ guter Infrastruktur und einer sehr leistungs- und bildungsorientierten Bevölkerung", sagt IfW-Handelsexperte Langhammer. Auf kurze Sicht zumindest könnten sie allerdings China als Absatz- und Beschaffungsmarkt nicht vollständig ersetzen. Der Experte empfiehlt ausserdem, nicht nur nach Asien zu schielen. "Märkte der Zukunft gibt es auch in Lateinamerika, dem früher traditionellen Investitionsmarkt Deutschlands - oder Afrika südlich der Sahara." Dort lockten grosse Wachstumschancen. Nordafrika wiederum biete beste Perspektiven für grünen Strom aus erneuerbaren Energieressourcen.

(Reuters)

 
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