Wirtschaftspolitik - Zurück in die 70er? Billionen-Hilfen von Fed und Biden wecken Inflationssorgen

Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht: Doch Manche fühlen sich angesichts der billionenschweren Konjunkturprogramme von US-Präsident Joe Biden und der lockeren Linie der Notenbank Fed an die 70er Jahre erinnert.
08.05.2021 16:33
Die Siebziger: New York im Jahr 1978.
Die Siebziger: New York im Jahr 1978.
Bild: imago images / ZUMA Wire

Damals eröffnete ein zu enges Zusammenspiel von Politik und Notenbank Inflation Tür und Tor. Doch auch wenn die Fed keine solche Gefahren am Horizont aufziehen sieht, bleiben gewisse Parallelen unübersehbar, wie Ökonomieprofessor Peter Ireland vom Boston College meint: "Der Geist, der die gemeinsame Ausrichtung der Haushalts- und Geldpolitik bestimmt, erinnert sehr an das, was die grosse Inflation der 1970er Jahre auslöste." Zudem sorgen die historischen Dimensionen des Programms dafür, dass die Staatsverschuldung kräftig in die Höhe schiessen wird.

Biden will der Wirtschaft mit einem mehr als zwei Billionen Dollar schweren Infrastrukturprogramm aus der Corona-Krise helfen. Darüber hinaus plant er eine Stärkung amerikanischer Familien. Dieses Paket soll über zehn Jahre laufen und ein Volumen von 1,8 Billionen Dollar haben. Laut Finanzministerin Janet Yellen geht damit kein erhöhtes Inflationsrisiko einher, da die Gelder gleichmässig über rund ein Jahrzehnt fliessen würden. Doch einige Experten hegen Zweifel, dass dieses historische Experiment gelingt - zumal die Notenbank weiter aus vollen Rohren schiesst und vorerst nicht an eine Verringerung der Feuerkraft denkt: So sollen Monat für Monat weiter Wertpapiere im Volumen von 120 Milliarden Dollar erworben und die Konjunktur damit angeheizt werden.

Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel, rechnet vor, dass seit März 2020 US-Fiskalpakete im Gegenwert von über 5,3 Billionen Dollar zur Bekämpfung der Pandemiefolgen auf den Weg gebracht worden sind. Mit dem vorgesehenen US-Infrastrukturpaket dürfte die Gesamtsumme der staatlichen Ausgaben an das Volumen der Bilanz der Fed von derzeit 7,8 Billionen US-Dollar heranreichen: "Neben einem Staatsdefizit von knapp 15 Prozent im letzten und in diesem Jahr und einer zweifellos gelungenen wirtschaftlichen Stabilisierung erzeugt dieser massive geld- und fiskalpolitische Impuls den inflationären Druck", so das Fazit des Experten. Seit Monaten berichten Firmen von teils historisch steigenden Kosten für die Produktion: "Da auch der Arbeitsmarkt sich zuletzt wieder deutlich schneller erholte, werden Unternehmen zunehmend höhere Löhne zahlen müssen, um freie Stellen in einem brummenden wirtschaftlichen Umfeld zu besetzen." Dies könnte eine Spirale aus höheren Löhnen und Preisen in Gang setzen, die Inflation antreibt.

Hoher Schuldenstand macht anfällig

Zugleich verweist Ökonom Bethany Payne von Janus Henderson Investors darauf, dass die Staatsverschuldung schon während der Pandemie hochschoss - unterstützt durch das Anleihekaufprogramm der Fed. Seinen Schätzungen zufolge wird die Verschuldung bis Ende 2020 auf 19,6 Billionen US-Dollar steigen: Das sind rund 60'000 Dollar pro Kopf. Die USA seien mit einem derart hohen Schuldenstand und relativ kurzen Laufzeiten anfälliger für eine künftige Zinserhöhung als viele andere Länder.

Die US-Währungshüter gehen davon aus, dass zum Jahresende eine Inflation von 2,4 Prozent erreicht, der Preisdruck danach aber abflauen wird. "Wenn es ein zentrales Risiko gibt für den Anleger, dann das Risiko, dass die Inflation höher ausfallen wird als derzeit erwartet", meint Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Degussa Goldhandel. Denn eine einmal ansteigende Inflation würde die Zentralbank seiner Ansicht nach kaum noch durch Zinserhöhungen einfangen können, ohne eine Schuldenkrise grössten Ausmasses auszulösen: "Dadurch können sich die Inflationserwartungen und damit auch die tatsächlichen Preissteigerungen hochschaukeln."

«Gefährlicher Cocktail»

Als abschreckendes Beispiel gelten die Siebziger Jahre, als US-Präsident Richard Nixon die Notenbank unter ihrem damaligen Chef Arthur Burns trotz erhöhten Inflationsdrucks zu einer wenig aggressiven Zinspolitik drängte. Dieses Einvernehmen leistete einem rasant anziehenden Preisauftrieb letztlich Vorschub: Wie aus Daten der Federal Reserve Bank of St. Louis hervorgeht, lag die US-Inflation 1964 bei einem Prozent, zehn Jahre später waren es zwölf und 1980 fast 14,5 Prozent. In seinem Buch "Die Stunde der Ökonomen" verweist der US-Wirtschaftsjournalist Binyamin Appelbaum darauf, dass Burns wiederholt abgestritten habe, dass er sich vom Druck aus dem Weissen Haus habe beeinflussen lassen. Doch die Veröffentlichung von Material einschliesslich seines Tagebuchs und Nixons Oval-Office-Tonbändern habe "diese Schutzbehauptung" widerlegt.

Auch wenn die Dinge nun anders liegen und die Notenbank ihre lockere Linie unabhängig von Einflüsterungen der Politik betreibt, ziehen doch Fed und Regierung unübersehbar an einem Strang: Auf der einen Seite die Ex-Notenbankchefin und jetzige Finanzministerin Yellen, auf der anderen ihr Nachfolger an Fed-Spitze, Jerome Powell. Dieser will geldpolitisch solange auf dem Gaspedal bleiben, bis auf dem Weg zu Vollbeschäftigung und stabilen Preisen substanzielle Fortschritte erzielt worden sind. Er hat betont, es werde trotz der sperrangelweit geöffneten Geldschleusen kein Zurück zu den "schlechten alten Tagen" der Siebziger Jahre geben, da die Wirtschaft sich strukturell im vergangenen halben Jahrhundert durchgreifend verändert habe.

Doch auf Dauer wäre die aktuelle Kombination einer extrem lockeren Geldpolitik mit einer äusserst expansiven Fiskalpolitik ein "zu gefährlicher Cocktail", warnt Ökonom Friedrich Heinemann von Mannheimer ZEW: "Die damit verbundenen Risiken für die Preis- und Finanzstabilität kann die Fed nicht akzeptieren."

(Reuters)