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Zur-Rose-CEO Walter Oberhänsli im Interview - «Wir wappnen uns für einen Markteinstieg von Amazon»

Walter Oberhänsli ist CEO und Gründer von Zur Rose, Europas grösster Versandapotheke. Im cash-Interview äussert er sich zu drohenden Versandverboten, einer möglichen Übernahme durch Amazon und einer denkbaren Dividende.
19.09.2018 00:01
Interview: Pascal Züger, Frauenfeld
Walter Oberhänsli ist CEO und Mitgründer der Online-Apotheke Zur Rose.
Bild: cash

cash: Herr Oberhänsli, Rechtsstreitigkeiten scheinen bei Online-Apotheken an der Tagesordnung zu sein. Muss man für die Position als Zur-Rose-CEO eigentlich zwangsläufig ein Jurist sein?

Walter Oberhänsli: Das muss man natürlich nicht, es ist aber sicherlich hilfreich. Ich mute mir als Jurist zu, schnell eine Einschätzung darüber machen zu können, was möglich ist und was nicht. Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass ich auch schon auf die Nase gefallen bin.

Können Sie das genauer erläutern?

Wenn ich zurückdenke an das Schweizer Bundesgerichtsurteil zum Versand von nicht-rezeptpflichtigen Medikamenten im September 2015, dann war meine Einschätzung damals falsch. Das Bundesgericht verbot damals unser OTC-Versandmodell, damit hatte ich nicht gerechnet.

Das Bundesgericht entschied, dass ein Versand von nicht-rezeptpflichtigen Medikamenten nur mit Arztrezept erfolgen kann. Das Urteil bedeutete faktisch das Aus für den Online-Versand von OTC-Medikamenten in der Schweiz. 

Überall im EU-Raum dürfen nicht-rezeptpflichtige Arzneimittel online bestellt werden, nur in der Schweiz nicht. Bei uns braucht es ein ärztliches Rezept für eine BepanthenPlus-Salbe, das ist doch völliger Unsinn. Inzwischen ist das Bewusstsein bei vielen Parlamentariern aber da, dass dieser Entscheid korrigiert werden muss. Ich erachte die Chance daher für sehr gross, dass der Gesetzgeber dieses Urteil innert nützlicher Frist korrigieren wird.

Sie haben aber einen Weg gefunden, trotzdem im OTC-Geschäft für Direktkunden in der Schweiz aktiv zu sein, nämlich mit den stationären Shop-in-Shop-Apotheken in Kooperation mit der Migros. Nach Bern und Basel wird im November in Zürich die Dritte Filiale eröffnen. Wann erreichen Sie die ursprünglich geplanten 50 Apotheken?

Die Zahl von 50 möglichen Apotheken wurde von uns nie genannt. Ich persönlich glaube, das wären eher zu viele. Denn wir wollen definitiv nicht eine Apotheken-Kette aufbauen. Spannend ist für uns die Omni-Channel-Strategie mit Flagship-Stores, ähnlich wie dies Nespresso macht. Denn eine Online-Apotheke hat mehr Erfolg, wenn die Marke auch physisch erlebt werden kann.

Wie viele Apotheken sind denn geplant?

Realistisch sind ungefähr 20 bis 30 Apotheken. Zumal wir der Auffassung sind, dass Shop-in-Shop-Apotheken in jenen Teilen der Schweiz, wo Selbstdispensation (Anm. der Red.: Gebiete, in denen Ärzte Medikamente direkt den Patienten abgeben dürfen) erlaubt ist, wenig Sinn machen. Daher fokussieren wir uns auf die Kantone, wo die Selbstdispensation verboten ist.

In Deutschland gibt es Bestrebungen, den Versandhandel von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbieten.

Unsere Position dazu ist bekannt. Wir halten ein Verbot aus verfassungsrechtlichen und europarechtlichen Gründen für nicht haltbar.

Ein Verbot wäre für Zur Rose eine Katastrophe. Wird es kommen?

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich dahingehend geäussert, dass er anlässlich des deutschen Apothekertages am 10. Oktober erklären will, wie er sich zu der Frage im Medikamente-Versandhandel stellt. Dann sollten wir mehr wissen. Spahn hat unter anderem in der 'Apotheken-Umschau' gesagt, er strebe lieber eine faire Lösung an anstatt eines Verbotes.

Was bedeutet das konkret für Zur Rose?

Wir können aus Holland heraus rezeptpflichtige Arzneimittel mit Rabatt nach Deutschland schicken, während die deutschen Anbieter - sowohl stationär, als auch online - dies nicht dürfen. Eine faire Lösung wäre folglich, dass allen die Möglichkeit offen steht, einen Rabatt zu gewähren.

Im August haben Sie die spanische Marktplatz-Plattform Promofarma übernommen, die 2017 einen Umsatz von 20 Millionen Euro aufwies. Was war die Überlegung hinter dieser Akquisition?

Die Firma ist noch relativ klein, aber bezüglich Technologie sehr gut aufgestellt. Wir streben damit einen schnellen Eintritt in neue Märkte an, ohne zuerst eine Logistik aufbauen zu müssen. In einem nächsten Schritt sollen die zwei Märkte Italien und Frankreich erschlossen werden. Wann genau es soweit sein wird, kann ich aber noch nicht sagen.

Benötigen Sie für die geplanten Markteintritte zusätzliches Kapital?

Die Plattform-Strategie ist nicht kapitalintensiv. Es benötigt die richtige Technologie, die Ausrollung ist dann gut machbar. Natürlich braucht es gewisse Marketingausgaben, aber mit dem Börsengang 2017 und der in diesem Jahr aufgelegten Obligation besitzen wir die notwendigen Mittel, um Investitionen tätigen zu können.

Wachstum steht bei Zur Rose klar im Fokus. In regelmässigen Abständen tätigen Sie Übernahmen. Aber wie gross kann Zur Rose eigentlich noch werden?

Kaum ein Produkt eignet sich so gut für den Post-Versand wie die Arzneimittel. Es gibt keine Retouren-Quote, die Päckchen sind klein, leicht und der Kunde muss nichts aussuchen, da das Medikament, zumindest im rezeptpflichtigen Bereich, vom Arzt verordnet wurde. Momentan liegt der Online-Anteil im Apothekenmarkt im europäischen Durchschnitt erst bei 2 Prozent.

Zur Rose kann derzeit davon profitieren, dass es noch wenig Konkurrenz gibt. Aber was passiert, wenn Amazon sich in den europäischen Online-Medikamente-Markt wagen sollte?

Wir wappnen uns für einen Markteinstieg von Amazon. Aber wir werden auch dann weiterhin gute Chancen haben, zu bestehen. Der europäische Markt ist wirklich schwierig, jedes Land hat eine eigene Gesetzgebung. Und mit der Logistik, die Amazon in Europa derzeit hat, können keine Arzneimittel vertrieben werden. Alles müsste von null auf aufgebaut werden.

In den USA ist Amazon mit dem Kauf der Versandapotheke 'PillPack' zur Online-Apotheke geworden. Amazon dürfte auch in Europa die attraktivste Braut schnappen, um sich genügend Wissen anzueignen. Erster Übernahmekandidat wäre dann wohl Zur Rose.

Wir sind Marktführer in Europa und wollen das auch bleiben. In den letzten 12 Monaten haben wir gezeigt, dass wir auch akquirieren können und die gegenwärtige Marktkonsolidierung in Deutschland vorantreiben. Darüber zu spekulieren, ob wir ein attraktives Ziel wären, steht für mich nicht zur Diskussion.

Würde es Ihnen denn etwas ausmachen, quasi Ihr Lebenswerk an Amazon abzugeben?

Natürlich hat man eine gewisse Emotionalität. Mir geht es aber darum, dass dieses Unternehmen dort hinkommt, wo es hinkommen kann. Dann ist es sekundär, mit welchem Aktionariat das geschehen wird. Ich könnte ausserdem eine Übernahme durch Amazon gar nicht verhindern. Wenn Amazon ein Angebot machen sollte, müssten unsere Aktionäre entscheiden, ob sie dieses annehmen wollen oder nicht.

Ist Amazon schon an Zur Rose heran getreten?

Nein.

Zur Rose investiert viel in Übernahmen und Marketingausgaben. Im ersten Halbjahr schrieben Sie deshalb einen Verlust. Werden Sie 2018 die Gewinnschwelle erreichen können?

Wir streben für das Gesamtjahr 2018 auf Ebitda-Stufe weiterhin ein um Sonderkosten bereinigtes ausgeglichenes Ergebnis an. Dieses Ziel halte ich, Stand heute, übrigens für sehr realistisch. Wir halten auch an unseren anderen Prognosen fest und erwarten für 2018 ein zweistelliges organisches Umsatzwachstum und insgesamt eine Steigerung von über 20 Prozent in Lokalwährungen.

Als Ziel für 2021 streben Sie eine Ebitda-Marge von 4 bis 5 Prozent an. Das halten diverse Beobachter als etwas zu ambitioniert. Wollen Sie zu viel?

Nein, das sehen wir nicht so. Als wir dieses Ziel erstmals nannten, hatten wir die jüngsten Akquisitionen noch gar nicht getätigt. Mit diesen Neueinkäufen - und der somit grösseren Masse und den höheren Synergieeffekten – ist dieses Margenziel noch realistischer geworden.

An der Börse ist von Wachstum noch nichts zu sehen: Die Aktie stand am ersten Handelstag nach dem IPO am 6. Juli 2017 bei 160 Franken, heute sind es weniger als 140 Franken. Wie erklären Sie sich dieses Misstrauen der Anleger?

Ich interpretiere das nicht als Misstrauen. Die anhaltenden Diskussionen um ein mögliches Versandverbot in Deutschland haben die Anleger verunsichert. Dieses wirkt quasi wie eine Kursbremse, die sich aber lösen wird, wenn die Unsicherheit erst einmal vom Tisch ist. Das könnte schon am 10. Oktober der Fall sein.

Zur Rose befindet sich noch immer in einer starken Investitionsphase, deshalb sind aktuell auch Dividendenzahlungen kein Thema. Wann wird Zur Rose eine Dividende ausschütten?

Im Jahr 2021 sollte eine Dividende möglich sein. Denn wenn wir das erwähnte Ebitda-Ziel von 4 bis 5 Prozent erst einmal erreicht haben, wird ein genügend hoher Reingewinn für Ausschüttungen vorhanden sein.

Schauen Sie auch das Video-Interview mit Walter Oberhänsli. Darin spricht der CEO von Zur Rose über seinen Berufswechsel vom Rechtsanwalt zum Firmenchef, über die Gründung von Zur Rose und über eine mögliche Frühpensionierung. Ausserdem hat er für Literaturinteressierte einen Buchtipp parat.

Der Steckborner Walter Oberhänsli (geb. 1958) war von 1996 bis 2011 Präsident des Verwaltungsrats von Zur Rose, seit 2005 ist er Delegierter des Verwaltungsrats und CEO der Firma. Bis Ende 2004 war er selbstständiger Rechtsanwalt in Kreuzlingen. Oberhänsli studierte Rechtswissenschaften an der Universität Zürich. Er gründete Zur Rose schon im Jahr 1993 zusammen mit 21 Ärztinnen und Ärzten.

Die Zur Rose-Gruppe mit Sitz in Frauenfeld ist mit ihren Marken Zur Rose und DocMorris Europas grösste Versandapotheke und eine der führenden Ärztegrossistinnen in der Schweiz. Der operative Zentrale befindet sich in Frauenfeld, von wo aus auch der Schweizer Markt bedient wird. Die Kunden in Deutschland und Österreich werden hauptsächlich von Heerlen (Niederlande) aus beliefert. Die Zur Rose-Gruppe beschäftigt an den verschiedenen Standorten über 1000 Mitarbeitende und erwirtschaftete im ersten Halbjahr 2018 einen Umsatz von über 600 Millionen Franken.