Die Eroberung des Flughafens ist eine weitere Eskalation in einem seit Monaten schwelenden Konflikt in Tigray. Die äthiopische Zentralregierung von Premierminister Abiy Ahmed steht dabei der TPLF gegenüber. Sie ist die wichtigste politische Partei in Tigray und hat Äthiopien vor dem Amtsantritt Abiys jahrzehntelang regiert.
Die beiden Seiten kämpften bereits in einem blutigen Bürgerkrieg von 2020 bis 2022 gegeneinander, der Ende 2022 mit einem Waffenstillstand endete. Die TPLF erkennt das Friedensabkommen inzwischen nicht mehr an. In dem Konflikt mit etwa 600.000 Toten kam es zu zahlreichen Menschenrechtsverbrechen.
Oppositionsgruppen wollen Regierungschef stürzen
Vor der Eroberung des Flughafens hatte ein Bündnis mehrerer, ideologisch sehr unterschiedlicher Oppositionsgruppen erklärt, Abiys Regierung stürzen zu wollen. Zu dem Bündnis gehört auch die TPLF. Abiys Partei PP hatte im Juni die Wahl in dem zweitbevölkerungsreichsten Land Afrikas klar gewonnen. In Tigray wurde sie nicht abgehalten. Menschenrechtsgruppen kritisierten, die Wahl sei nicht frei und fair gewesen - auch weil die Anführer mehrerer Oppositionsparteien inhaftiert waren.
Angesichts zunehmender Spannungen und Konflikte in der Region Tigray warnen Experten vor einem möglichen Rückfall in einen Bürgerkrieg. Die Besetzung des Flughafens erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass in der kommenden Woche ein umfassender Konflikt ausbricht, sagte Ed Bach, Senior-Afrika-Analyst der Risikoberatungsfirma Verisk Maplecroft.
«Die Beschlagnahmung staatlicher Einrichtungen durch die TPLF liefert Abiy Ahmed einen Vorwand, die Drohneneinsätze zu verstärken, um Stellungen, Logistik und Nachschubwege der TPLF im Vorfeld einer grossangelegten Offensive zu schwächen.»
Ausserdem besteht die Sorge, dass sich der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg mit dem nördlichen Nachbarland Eritrea ausweiten könnte. Analyst Bach sieht ein erhebliches Risiko einer regionalen Ausweitung: «Eritrea und die sudanesischen Streitkräfte ermöglichen angeblich Waffenlieferungen an die TPLF und erhöhen damit das Risiko eines eskalierenden Konflikts zwischen mehreren Staaten, der das Horn von Afrika destabilisieren könnte.»/czy/fm/DP/jha
(AWP)
