In der Schweiz wuchs das BIP auf bereinigter Basis gegenüber dem Vorquartal real um 1,5 Prozent. Das teilte das Seco am Freitag mit. Sollte sich dieser Zuwachs in den am 3. September zur Publikation vorgesehenen detaillierten Daten bestätigen, wäre es der deutlichste BIP-Anstieg in einem Quartal seit fünf Jahren.
Damit hat sich das Wirtschaftswachstum stark beschleunigt: Im ersten Quartal war die hiesige Wirtschaft mit einem BIP-Wachstum von 0,4 Prozent bereits gut in das Jahr gestartet, nachdem sich dieses im Schlussquartal 2025 noch auf 0,2 Prozent belaufen hatte.
Chemie-Pharma gibt Rückenwind
«Die Schweizer Wirtschaft ist im zweiten Quartal breit abgestützt gewachsen und hat von der kräftigen Entwicklung in der Chemie-Pharma-Branche Rückenwind erhalten», sagte Felicitas Kemeny vom Seco im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP.
Die Leiterin des Ressorts Konjunktur betont aber, dass sich die für die Schweiz sehr wichtige Branche oft volatil entwickle. Zuletzt sei bei Chemie-Pharma nach einer flachen Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte 2025 und einem Rückgang im ersten Quartal 2026 ein gewisser «Gegeneffekt» eingetreten.
«Zulegen konnten aber auch andere Industriezweige und der Dienstleistungssektor», sagte Kemeny. Darüber hinaus zeichne sich auch auf der Konsumentenseite eine gewisse Erholung ab, abzulesen bei den Umsätzen mit Kreditkarten oder im Detailhandel.
Ökonomen überrascht
Eine Überraschung war das starke Wachstum für die Ökonomen. Sie waren lediglich von einem BIP-Anstieg im Bereich von 0,2 bis 0,4 Prozent ausgegangen und müssen nun, was ihre Jahresprognosen angeht, über die Bücher.
«Wir haben eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums erwartet, aber nicht in dem vom Flash-BIP ausgewiesenen Ausmass», sagte Alexis Körber von BAK-Economics. Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile führt zudem mit Verweis auf neuerliche US-Zolldrohungen mögliche Vorzieheffekte als Grund für das starke Wachstum ins Feld.
Das Wachstum von 1,5 Prozent sei ein «klar positives Signal, aber kein neuer Dauerzustand», betonten die Ökonomen der Migros Bank und warnten vor zu früher Euphorie. Denn gegen eine Fortschreibung des Wachstumstempos sprächen die fragile Weltkonjunktur, Handelskonflikte und das Risiko einer erneuten Frankenaufwertung.
Prognosen dürften steigen
Die vom Seco vorgelegten BIP-Daten dürften gleichwohl in den Schätzungen der Ökonomen für Bewegung sorgen. «Das für 2026 erwartete BIP-Wachstum würde dann wohl eher in der Nähe von 1,5 Prozent anstatt 1 Prozent liegen», hiess es bei BAK-Economics. Auch Raiffeisen dürfte ihre Prognose von aktuell 0,8 Prozent anheben.
Swiss-Life-Chefökonom Marc Brütsch rechnet gar mit einem Wachstum von 1,5 bis 2,0 Prozent in 2026. Dies trotz der in den kommenden Quartalen erwarteten «kompensierenden Effekte» in der Pharmaindustrie und der kurzfristigen Belastungen durch die Einschränkungen in der Rheinschifffahrt.
Die Migros Bank hat ihre Prognosen bereits angehoben: Sie erwartet für die Schweizer Wirtschaft 2026 ein BIP-Wachstum von 1,7 Prozent, 0,2 Prozentpunkte mehr als bislang. Für 2027 wurde die Prognose ebenfalls um 0,2 Punkte auf 1,9 Prozent erhöht. Dabei geht die Bank von einem weiteren leichten Wachstum im dritten und vierten Quartal aus.
mk/ra
(AWP)
