Reiseberichte, Kochrezepte, Autotests, Film-Trailer oder Konzertaufnahmen: Auf YouTube findet man eigentlich alles, was einen interessiert. Auch Finanzthemen gewinnen auf dem grössten Videoportal der Welt an Bedeutung. Jedenfalls nimmt die Zahl von Aktien- und Anlagekanälen zu.

Manche  Videos sind mit einfachen Webcam-Aufnahmen gemacht, in anderen sind Studio-Settings zu sehen, die an Fernsehsender erinnern. Auf ihre individuelle Weisen versuchen YouTuber, Abonnentinnen und Abonnenten zu gewinnen. Denn auf YouTube ist Reichweite wichtig: Der Anteil an den Werbeeinnahmen steigt mit der Zahl an Followern. In der englischsprachigen Welt gibt es längst YouTuber oder Social-Media-Promis, die Millionen von Fans haben und davon auch leben können. 

cash.ch hat sich bei vier deutschsprachigen Aktien-Videoblogs umgesehen und folgende Fragen gestellt: Was für Wissen bekommen Anlegerinnen und Anleger vermittelt? Ergänzen oder ersetzen sie die tägliche Börsenlektüre? Helfen sie bei der Entscheidung, in Aktien oder andere Wertpapiere und Anlageklassen zu investieren? Ein paar Klicks im Internet geben Aufschluss. Los geht’s:

Madame Moneypenny

Hinter Madame Moneypenny verbirgt sich die 32-jährige Natascha Wegelin, die in Berlin lebt. Sie will insbesondere Frauen die Angst vor Finanzthemen nehmen und spricht häufig darüber, mit welcher Einstellung an die Aktien- und Finanzmärkte herangetreten werden soll.

Auf Madame Moneypennys Kanal finden sich kürzere Videos, wo sie spezifische Themen wie zum Beispiel Anlegen in der Coronakrise, ETF versus aktive Fonds oder die Rolle der Zentralbanken kommentiert. Sie führt aber auch längere Interviews und Talks durch und bringt Finanzexpertinnen zu Wort.

 

 

Das Setting ist nüchtern, im Webcam-Stil. Die Abonnenten bekommen einiges an Basiswissen zur Börse, aber auch Sparthemen vermittelt. Logischerweise sind letztere aber auf Sparer in Deutschland bezogen. Tipps für einzelne Aktien oder Investments findet man aber eher wenig. Einige der Videos wirken wie viele Youtube-Beiträge auch eher wie Motivationstraining oder Anleitungen zur Selbsthilfe: Das Thema "Mindset" kommt immer wieder vor. 

Fintool

Einer der wenigen Finanzthemen-YouTuber in der Schweiz ist Erwin Heri, Finanzprofessor an der Universität Basel, mit seinem Kanal Fintool. Heri ist schon seit fünf Jahren präsent, was ihn bei Youtube-Verhältnissen schon fast zum Veteranen macht.

Er erläutert aber viele Hintergründe zu den Aktienmärkten: Er analysiert die Marktlage, konzentriert sich aber vor allem auch auf die Funktionsweisen des Anlegens. In den Videos, von denen circa einmal pro Woche ein neues hochgeladen wird, beschäftigt sich Heri auch mit der Schweizer Vorsorge, Steuerfragen oder Hypotheken. Und dies in kurzen, vier- bis fünfminütigen Videos recht detailliert.

 

 

Damit leistet Fintool durchaus einen Beitrag zur Linderung der "financial illiteracy", also dem erfahrungsmäss wenig entwickelten Wissen über Finanzthemen in der Schweizer Bevölkerung. Wer mit Heris Vorlesungsstil zurechtkommt, findet bei Fintool einiges an Informationen zur persönlichen Finanzplanung. "Heisse Tipps" zu den Aktienmärkten will Heri nach eigener Aussage nicht geben.

Jens Rabe

Jens Rabe videobloggt in der Regel mehr als einmal in der Woche zum aktuellen Börsengeschehen, thematisiert aber auch grundlegende Anlagethemen. In seinen sehr professionell angefertigten Beiträgen lässt er oft die Sichtweise des Händlers durchblicken und erklärt die Bewegungen des Marktes. Nach eigener Aussage war er selbst Händler. Als Spezialist für Optionen thematisiert er auch immer wieder den Optionshandel als treibende Kraft hinter Kursbewegungen.

 

 

Das Problem ist: Rabe ist Geschäftsführer eines Unternehmens im ostdeutschen Zwickau, das Seminare und Coachings für zahlungswillige Börseninteressierte anbietet. Daher sind seine Beiträge auch immer Werbevideos für diese Dienstleistungen.

Insgesamt vermittelt Rabe, auch er etwas im Stil eines Motivationstrainers, einiges an aktuellem Wissen und Analyse zur Börse. Er äussert sich durchaus zu Einzelaktien, insbesondere auch am US-Markt. Wirklich ins Detail geht er aber nicht, da weiterführende Aspekte ja in seinen Seminaren behandelt werden sollen.

Aktien mit Kopf

Aktien mit Kopf kommt ebenfalls aus Deutschland und richtet sich auch an jüngere Aktienanleger. Mit in der Regel guter Aufnahmequalität, eingespielten Grafiken und vor allem auch dem noch jungen Host Kolja Barghoorn kommen die Videos im klassischen YouTube-Stil daher.

Mit über 230'000 Abonnenten ist der Kanal bereits gut etabliert. Aktien mit Kopf legt einen starken Schwerpunkt auf Tech-Aktien und geht dabei stark ins Detail. Für Börsenanfänger sind die Videos nicht einfach zu verfolgen, wenn beispielsweise detailliert auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Amazon eingegangen wird.

Tech-Investoren erfahren vom Host sehr ausführlich, weswegen er bestimmte Aktien ausgewählt hat oder auf der Watchlist hat. Er gibt auch Anleitungen zum Anlegen, zur Analyse und er thematisiert Strategien, wobei er klar für langfristiges Anlegen wirbt. Die Videos sind informativ, aber relativ lang. Ausserdem ergeht sich Kolja Barghoorn auch gerne mal in ein bisschen (zu viel) Eigenlob. Dazu macht auch er Werbung, und zwar für seine Sponsoren, legt dies aber nicht immer richtig offen.

 

 

Alles in allem sind YouTube-Finanzchannels für geübte Anleger eine interessante Quelle für Informationen, oder, um eigene Ansichten mit den Ansichten der Youtuber abzugleichen. Es ist auch für langjährige Anleger interessant, gewisse Funktionsweisen des Marktes vertieft erklärt zu bekommen. Aus YouTube gewonnene Informationen sollten aber auch dann nur ein Mosaikstein in der ganzen Anlagebetrachtung sein.

Für Börsianerinnen und Börsianer, die speziell an Schweizer Aktien interessiert sind, gibt es noch relativ wenig im YouTube-Universum. Wer also Schweizer Aktien kaufen will, kommt nicht darum herum, Kurse, Unternehmensdaten, Bewertungszahlen und andere relevante Informationen anderswo zu suchen. 

Börsenanfänger wiederum könnten YouTube-Videos relativ schnell zu falschen Entscheidungen verleiten: Sie thematisieren zwar viel Basiswissen über Anlagethemen -  eine grundlegende Beschäftigung mit Aktien erfordert es auch, andere Informationsquellen zu nutzen. Und eine Aktie zu kaufen, nur weil man deren Namen im Internet gehört hat, ist noch keine gute Grundlage für Investments.