cash.ch: Es ist gefühlt ein durchzogenes Jahr an den Finanzmärkten. Einerseits resultierten bei Obligationen Kursverluste, andererseits legten die Aktienmärkte überdurchschnittlich zu - trotz Auf und Ab wegen des Iran-Krieges. Bleibt die Performance bis Ende des Jahres gut?
Anastasios Frangulidis: Ja. Der Swiss Performance Index hat inklusive der Dividenden bisher 8,5 Prozent zugelegt. Also ist es bisher definitiv kein schlechtes Jahr. Der MSCI World Index ist mit 12 Prozent gar zweistellig gewachsen. Das ist insofern erstaunlich, weil bereits die drei Vorjahre überdurchschnittliche Kursgewinne brachten.
Sollte bei Schweizer Aktien die Performance wegen des schwächeren Frankens nicht noch besser sein?
Die reale Abwertung des Frankens ist für die Unternehmen eine gute Entwicklung. Dies sehen wir bereits im Medtech-Bereich mit positiven Auswirkungen. Aber es ist grundsätzlich eher so, dass sich die Analysten zuerst an den Unternehmenszahlen orientieren und erst verzögert die Währungsprognosen anpassen. Insofern ist der relativ schwache Franken an den Schweizer Aktienmärkten noch nicht vollständig eingepreist. Das ist für die weitere Entwicklung am Schweizer Aktienmarkt positiv zu werten.
ABB ist im SMI top, Partners Group ein Flop. Bleibt die hohe Schwankungsanfälligkeit bei den Blue Chips bestehen?
Es ist tatsächlich eine Periode, in der gewisse Narrative zu stark gewichtet und die titelspezifischen Aspekte etwas weniger stark berücksichtigt wurden. Alle reden von künstlicher Intelligenz, über Rechenzentren oder die Halbleiterindustrie. Das sind echte Trends und eine Entwicklung, welche gewisse Titel extrem treiben. Dagegen können andere Bereiche oder Aktien ausgesprochen stark zurückbleiben. Das trifft dann gewisse Gesellschaften ausgeprägter. Das muss aber nicht zwingend heissen, dass diese Unternehmen schlecht sind.
Es scheint, als sei die Zeit des «Stock Pickings» wieder angebrochen...
Gerade im Schweizer Aktienmarkt können Experten einen Mehrwert generieren. Dies gilt speziell, wenn die Narrative bedeutender sind und die unternehmensspezifischen Informationen weniger berücksichtigt werden. Dann ist das Potenzial für eine Neubewertung grösser. Aber es braucht die Zeit, weil Chancen erst durch langfristiges Denken und Handeln entstehen. Wichtig ist, dass Anlegerinnen und Anleger in fundamental guten Unternehmen die Nerven behalten, wenn es vorübergehend gegen einen läuft.
Viele Anlegerinnen und Anleger streben an, einerseits indexnah in ETFs langfristig investiert zu bleiben und zweitens erfolgreich Stockpicking zu betreiben. Geht diese Rechnung überhaupt auf?
Das Wichtigste sind der Gesamtkontext sowie die Risikofähigkeit und -bereitschaft des Investors. Deshalb muss zuerst die Gesamtstrategie mit der Anteilsgewichtung der Staats- und Unternehmensobligationen, der Struktur der Fälligkeiten, den Aktienquoten über verschiedene Märkte und der Anteil alternativer Assets festgelegt werden. Erst dann kann man über die Einzeltitel nachdenken. Dabei ist die Strategie wie das Stockpicking Teil des aktiven Managements. Entstehen Trends, welche sich zu weit von den Fundamentaldaten entfernen, sollte man das «Exposure» der betroffenen Anlagen reduzieren und das Portfolio «rebalancen». So kann man einer allfälligen Marktkorrektur besser trotzen.
Eine langfristige Betrachtungsweise und sorgfältige Analyse scheinen gerade bei Mid Caps angebracht. Trotz Potenzial ist der Sektor - gemessen am SMIM - dem SPI in den vergangenen fünf Jahren hinterhergehinkt. Warum?
Nach der Covid-Pandemie und vor dem Ausbruch des Ukrainekriegs waren die Bewertungen bei den Schweizer Mid Caps sehr hoch. Mit dem Inflationsschub und Zinserhöhungen der Notenbanken 2022 und 2023 hat sich das Blatt gewendet, die Bewertungen wurden gedrückt. Zudem war die globale Industrieentwicklung schwach, weil während der Covid-Periode zu viele Güter nachgefragt wurden und nach ihrem Ende die Nachfrage deutlich schwächer zugunsten der Dienstleistungen wurde. Der bis zum letzten Jahr starke Franken war ebenfalls nicht hilfreich für die Schweizer Small und Mid Caps. Mit dem schwächeren Franken, den anziehenden Einkaufsmanager-Indizes, dem KI-Boom und den Investitionsprogrammen in Europa ist das Segment unter Berücksichtigung der Bewertungen deutlich attraktiver geworden.
Pictet ist bei Aktien weiterhin übergewichtet. Ist das die richtige Strategie bei generell wieder steigenden Leitzinsen und höheren Renditen an den Bondmärkten?
Wenn der Zinsanstieg der Ausdruck einer verbesserten konjunkturellen Lage ist, dann ist das kein grosses Problem für die Aktienmärkte. Der US‑Wirtschaft geht es weiterhin gut und die Gewinnentwicklung der Unternehmen ist ausgesprochen stark. In diesem Fall können die Aktienpreise steigen, auch wenn es auf der anderen Seite keine Unterstützung durch die Bewertungen gibt.
Reicht dieses Argument für weitere Kursgewinne?
Ja, weil die Gewinnerwartung der im MSCI-Welt-Index vertretenen Unternehmen im laufenden Jahr etwa 35 Prozent beträgt. Zu Jahresbeginn lag die Erwartung nur bei 15 Prozent. Und für 2027 wird erneut ein Wachstum im zweistelligen Bereich erwartet. Das heisst, die Kursavancen basieren auf steigenden Unternehmensgewinnen.
Schmälern die höheren Refinanzierungskosten nicht das Wachstum, was zeitnah zu Gewinnrevisionen nach unten führen kann?
Die technologische Entwicklung begünstigt den aktuellen Margenanstieg und ist neben der weiterhin guten Wirtschaftsentwicklung ein wichtiger Treiber der Unternehmensgewinne. Problematischer dürfte es erst werden, wenn die zehnjährigen Renditen für US-Treasuries über 5,5 Prozent hinausgehen würden. Bis dahin kann sich der Markt sicherlich gut halten, gerade weil die Gewinndynamik bei den Unternehmen so stark ausfällt.
Bei den Obligationen setzte es im Jahr 2026 Kursverluste ab. Ist die Zeit des Portfolios mit 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Obligationen vorbei?
Nur Aktien und Obligationen reichen nicht mehr aus für ein diversifiziertes Portfolio. Es braucht andere Anlageklassen, um effizient diversifizieren zu können. In solchen Phasen wie jetzt gehören zum Beispiel Commodities wie Gold dazu. Alternative Anlagen wie beispielsweise Hedgefonds oder Immobilien tragen aber ebenfalls zur Stabilisierung des Portfolios bei. Die negative reale Verzinsung der Staatsobligationen in der Schweiz vergrössert den Diversifikationsbedarf.
Ist Besserung in Sicht?
Die Periode der negativen nominellen Renditen von der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts in der Schweiz ist wahrscheinlich abgeschlossen. Allerdings glaube ich nicht, dass wir ein nominelles und reales Renditenniveau sehen werden, wie wir es in den Jahrzehnten zuvor hatten.
Anastassios Frangulidis ist Leiter Multi Asset Schweiz und Chefstratege bei Pictet Asset Management in Zürich.

