Anlageveteran fordert hartes Durchgreifen beim ESG-«Wildwest»

Ein Veteran der nachhaltigen Geldanlage kann es kaum erwarten, dass die falschen Behauptungen ausgemerzt werden, die in der ESG Branche Überhand nehmen.
02.10.2021 11:01
ESG-Anlagen werden immer bedeutender.
ESG-Anlagen werden immer bedeutender.
Bild: imago images / agefotostock

Matt Patsky, der Trillium Asset Management leitet, begann bereits in den 1990er Jahren mit der Suche nach Investitionen, die strikten ökologischen, sozialen und Governance-Anforderungen genügen - lange bevor die meisten Vermögensverwalter überhaupt an ESG dachten. Er ist überzeugt, dass heutzutage nur ein Bruchteil der mit ESG gekennzeichneten Anlageprodukte echte nachhaltige Investitionen sind. 

Die Bemühungen der Aufsichtsbehörden, die ESG-Behauptungen von Geldmanagern zurechtzustutzen, sind “das Beste, was der Branche seit Jahren passiert ist”, sagte Patsky, dessen in Boston ansässiges Unternehmen 4,8 Milliarden Dollar verwaltet. “Damit wird ein Bereich unter die Lupe genommen, der zum Wilden Westen geworden ist, in dem Fondsmanager nach eigenem Ermessen ESG-Etiketten auf alles Mögliche klatschen können”, so Patsky im Interview mit Bloomberg.

Patsky, der 1994 den weltweit ersten Green-Chip-Index für sozial verantwortliche Unternehmen einführte, schätzt, dass von den 35 Billionen Dollar, die nach Angaben der Global Sustainable Investment Alliance in nachhaltigen Anlagen geparkt sind, weniger als 1 Billion Dollar auf “echte” ESG-Investitionen entfallen. Davon werden 500 Milliarden Dollar in Europa und etwa 300 Milliarden Dollar in den USA verwaltet, sagte er.

Nach Jahren des ungebremsten Wachstums sieht sich die ESG-Branche nun mit neuen Vorschriften konfrontiert. In Europa trat im März die Sustainable Finance Disclosure Regulation in Kraft, die Geldverwalter dazu zwingt, übertriebene ESG-Angaben zurückzuschrauben. Das Regelwerk zur Bekämpfung des Greenwashing gilt als das ehrgeizigste weltweit.

Johnson & Johnson und Starbucks zur Reduzierung des Plastikverbrauchs gedrängt

Fondsmanager, die ihren Kunden erzählen, dass sie ESG-Investitionen tätigen, ohne die Unternehmen rigoros dazu zu drängen, den Menschen und dem Planeten weniger Schaden zuzufügen, verkaufen eine Mogelpackung, sagte Patsky, dessen Hauptfonds bis August eine Rendite von fast 20 Prozent erzielte. Der 58-Jährige hofft, dass strengere Vorschriften die Zahl der Anbieter dezimieren werden. Fondsmanager, die sich nur auf - seiner Meinung nach fehlerhafte - ESG-Daten stützen, lehnt er ab.

Patsky ist froh, dass die Wirtschaft und die Finanzwelt Themen wie geschlechtsspezifische Ungleichheiten, Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten und dem Klimawandel mehr Aufmerksamkeit schenken, auch wenn es oft an Definitionen mangelt, Benchmarks inkonsistent und Daten unvollständig sind. Doch es genüge nicht, sich nur auf ESG-Rating-Daten zu verlassen, da diese mit Fehlern gespickt seien.

Das mache passive ESG-Investitionen unmöglich. Ein ernsthafter ESG-Investor müsse Druck auf das Management machen und Aktionärsrechte ausüben. “Solange das nicht geschieht, werden die meisten ESG-Maßnahmen weitgehend wirkungslos bleiben”, sagte Patsky.

Trillium selbst hat Unternehmen wie Johnson & Johnson und Starbucks zu Themen wie der Durchführung ethnischer Audits und der Reduzierung des Plastikverbrauchs gedrängt. Trillium wurde 1982 gegründet und letztes Jahr von der australischen Perpetual übernommen. Der Hauptfonds, ESG Global Equity, erzielte bis August eine Rendite von 19,3 Prozent, verglichen mit einem Plus von 16,2 Prozent bei der Benchmark, dem MSCI ACWI Index, wie Bloomberg-Daten zeigen.

(Bloomberg)