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«Anleger müssen jetzt Cash bereithalten»

Victor Chu, Zurich-VR und einer der mächtigsten Investoren in China, äussert sich im cash-Interview am WEF zur Börsenentwicklung, zur Zukunft der Schweizer Banken und über den Zustand von Zurich nach dem CFO-Suizid.
27.01.2014 01:00
Interview: Daniel Hügli, Davos
Victor L.L. Chu ist seit 2008 im Verwaltungsrat von Zurich Insurance Group.
Victor L.L. Chu ist seit 2008 im Verwaltungsrat von Zurich Insurance Group.
Bild: Bloomberg

cash: Herr Chu, wie nimmt man in Hongkong und China die Entwicklung der Eurozone wahr?

Victor L.L. Chu: Bis vor einem Jahr war die Wahrnehmung ziemlich pessimistisch. Aber die Eurozone erholt sich, obwohl die strukturellen Mängel noch immer vorhanden sind wie zum Beispiel die Mobilität der Arbeitskräfte oder die Besteuerung. Aber wir selber schauen uns in Europa wieder Investitionsmöglichkeiten an.

In Europa macht man sich Sorgen, dass Frankreich eine neue Krise der Eurozone auslösen könnte.

Frankreich unterscheidet sich wesentlich etwa von Portugal. Falls sich die Reformen und die wirtschaftliche Erholung in Frankreich verzögern sollten, könnte dies tatsächlich zum Problem werden. Aber die jüngsten Signale aus Paris deuten darauf hin, dass die Franzosen wissen, was zu tun ist.

Das Wachstum in China hat sich im letzten Jahr verlangsamt, wie von der Regierung gewollt. Wie gehts weiter?

China sucht das etwas verlangsamte, aber nachhaltige Wachstum. Nach 30 Jahren schnellen Wachstums müssen wir in China eine Verschnaufpause einlegen. Wir müssen von den Erfahrungen lernen und die Reformen fortsetzen. Im besten Fall beschleunigt das langsamere Wachstum die Reformen.

Das Bankensystem und der Boom am Immobilienmarkt bieten doch Anlass zur Sorge.

Kurzfristig betrachtet ist das Platzen der Immobilienblase tatsächlich eine Gefahr. Aber die Probleme sind bewältigbar. Was im Westen oft vergessen geht: Die Werkzeugkiste der chinesischen Regierung ist gross, weil dermassen viel vom Staat kontrolliert wird. Auf kurzfristige Sicht gibt auch die Politik Anlass zur Sorge. Es läuft eine grosse Kampagne gegen die Korruption im Land, dazu muss der neue Präsident seine Macht konsolidieren. Darüberhinaus gibt es Schwierigkeiten mit Japan, die eskalieren könnten, was ich aber nicht hoffe. All diese politischen Unsicherheiten könnten die Reformagenda im Land durcheinanderbringen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der weltweiten Aktienmärkte?

Da muss man sehr vorsichtig sein. In den letzten Tagen hatten wir an den Börsen eine markante Korrektur. Die Zinsen werden steigen, das Tapering wird fortgesetzt. Viele Schwellenländer und asiatische Märkte sind an den Dollar gebunden. Die werden von dieser Entwicklung betroffen sein.

Was müssen Anleger jetzt tun während der Korrektur?

Man muss darauf achten, dass man viel Cash bereithält und liquide ist, um Kaufmöglichkeiten wahrzunehmen.

Sie sind Verwaltungsrat von Zurich Insurance. Nach dem Suizid des Finanzchefs Pierre Wauthier im letzten Jahr verlor das Unternehmen viel Investorenvertrauen. Hat Zurich die Krise überwunden?

Der bedauerliche Tod unseres CFO war ein Schock für alle. Das Management hat diese schwierige Zeit aber gut gemeistert. Wir haben mit dem neuen Finanzchef, der von Swiss Re kommt, eine gute Nachfolgelösung gefunden. Das Unternehmen hat den Schock überwunden. Ich bin zuversichtlich für die Zukunft.

Es gibt konstante Kritik von Investorenseite wegen der Aktienkursentwicklung von Zurich. Der Kurs stagniert über die Jahre gesehen.

Zurich erlitt einige unerwartete Krisen. Aber die Erholung ist im Gang und schreitet voran. Das wird sich letztendlich im Aktienkurs wiederspiegeln.

Wie ist die derzeitige Wahrnehmung der Schweiz in Hongkong und China?

Die Schweiz ist einzigartig. Im Finanzbereich hat die Schweiz Giganten wie UBS, Zurich oder Swiss Re, dann aber auch Privatbanken wie Pictet oder Lombard Odier. Hinzu kommen fantastische Firmen wie Novartis oder Nestlé. Das sind Darlinge der asiatischen Investoren. Kurz: Die asiatischen Investoren lieben es, in der Schweiz zu investieren, weil die Schweiz Stabilität bietet.

Das Bankenplatz Schweiz steht unter Druck und ist im Wandel. Wie viele Vermögen werden von der Schweiz in asiatische Finanzplätze wie Singapur oder Hongkong abfliessen?

Das wird überhaupt nicht stattfinden. Viele Schweizer Banken eröffnen Niederlassungen in Hongkong und Singapur oder sind dort schon lange präsent. Sehen Sie, die Schweizer Banken haben einen hohen Erfahrungsschatz. Viele der Unsicherheiten im Schweizer Bankensystem wurden beseitigt, und die Schweizer Banken müssen mit einem neuen Modell weiterfahren. Die Schweizer Banken werden sich schnell erholen.

Victor Lap Lik Chu ist seit 1988 CEO und Chairman der First Eastern Investment Group in Sitz in Hongkong. Sie ist eine der führenden Investmentgesellschaften in China, das sich auf Eigenkapital, Venture Capital und insbesondere auf die Finanzierung von Unternehmensexpansionen spezialisiert. Chu wurde 1957 in China geboren und kam in Alter von vier Jahren nach Hongkong. Er besitzt die britische Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2011 gewann Chu zusammen mit Prof. Lawrence Summers und Jean-Claude Trichet den Weltwirtschaftlichen Preis des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Seit 2008 ist Chu Verwaltungsrat von Zurich Insurance Group.

Das Interview wurde am WEF 2014 in Davos geführt, das am Samstag zu Ende ging.