Arbeit - Personalvermittler Adecco warnt vor Zeitbombe am Arbeitsmarkt

Es ist ein Bild, das zunehmend der Vergangenheit angehört: Fabrikhallen, in denen Arbeiter eng gedrängt an Maschinen stehen und die immergleichen Handgriffe erledigen.
12.11.2018 15:40
Alain Dehaze, Chef des weltgrössten Personaldienstleisters Adecco.
Alain Dehaze, Chef des weltgrössten Personaldienstleisters Adecco.
Bild: www.adecco.com

Künftig sind es wohl eher Roboter, die in klinisch sauberen Arbeitsräumen Autos zusammenbauen oder Maschinen montieren. Sie werden nicht müde, machen keine Fehler und brauchen keine Pausen. Doch nicht nur in der Industrie, auch in vielen Bereichen der Verwaltung stehe die Arbeitswelt vor Umwälzungen, sagt Alain Dehaze, Chef des weltgrössten Personaldienstleisters Adecco, in einem am Montag veröffentlichten Reuters-Interview: Digitale Technologien und künstliche Intelligenz veränderten den Arbeitsalltag so rasch, dass Unternehmen und Beschäftigte kaum Schritt halten könnten. "Die Leute verlieren alle vier Jahre 30 Prozent ihrer technischen Fertigkeiten, weil sich die Umwelt verändert und neue Kompetenzen gebraucht werden."

Wenn sich die Anforderungen für eine Stelle ändern, hätten Arbeitgeber zwei Möglichkeiten, sagt Dehaze: Angestellte entlassen und neue rekrutieren. Doch dies sei teuer. Oder den Mitarbeitern das notwendige Wissen beibringen. Dieses sogenannte "Reskilling" sei viel günstiger. "Eine Entlassung kann Sie in der Schweiz bis zu 100'000 Franken kosten, eine gezielte Weiterbildung gibt es für ein Drittel." Nach einer Studie der Beratungsfirma McKinsey dürften bis zum Jahr 2030 bis zu 375 Millionen Beschäftigte von einem Reskilling betroffen sein.

Auch Adecco selbst setzt auf diesen Trend und hat eine Firma übernommen, die im Bereich digitale Ausbildung und Karrieren-Transformation tätig ist. "Lebenslange Jobs wird es bald keine mehr geben", betont Dehaze. Dagegen sei lebenslanges Lernen zwingend. Zur Finanzierung von Umschulungen schlägt Dehaze die Schaffung von individuellen Ausbildungskonten vor, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzahlen könnten. "Bei einem Jobwechsel kann der Arbeitnehmer das angesparte Kapital mitnehmen. Und wenn man Weiterbildung nötig hat, kann man das Konto aktivieren."

Auch das Ausbildungssystem und die Schulen müssten an das neue Umfeld angepasst werden. "Wenn sich das Bildungswesen nicht rasch reformiert, kreieren Länder eine Zeitbombe. Sie haben nicht mehr die richtigen Talente und die Firmen ziehen weg."

Markt für Freelancer boomt

Teilweise hat sich der Arbeitsmarkt schon an die Veränderungen angepasst - etwa mit der rasch steigenden Zahl von Freelancern, die als selbstständige freie Mitarbeiter Aufträge erledigen, ohne bei der Firma angestellt zu sein. Die Nachfrage nach solchen Arbeitskräften sei riesig und dürfte in den kommenden Jahren weiter stark zunehmen, erklärt Dehaze: "Der Markt für Zeitarbeit ist aktuell 370 Milliarden Dollar gross, der für Freelancer ist bereits heute drei mal grösser und liegt derzeit bei 1000 Milliarden Dollar. Bis 2025 dürften es 1300 Milliarden Dollar sein." Dieser Trend hat auch Folgen für die Beschäftigten: In den USA etwa begännen 47 Prozent der Universitätsabsolventen als Freelancer ihre Karriere. 30 Prozent der US-Arbeitnehmer seien Freelancer. "Neue Arbeitsformen wie Teilzeitarbeit und Selbstständigkeit gewinnen weltweit an Bedeutung."

Von diesen Trends profitiert auch Adecco selbst. Die Firma vermittelt Arbeitskräfte - in der Regel auf Zeit - und bietet Umschulungen für Mitarbeiter an. Das Unternehmen kommt auf einen Jahresumsatz von knapp 24 Milliarden Euro - Tendenz steigend.

Dass der Gesellschaft die Arbeit ausgehen könnte, glaubt Dehaze nicht. Es werde immer Stellen geben, die nicht automatisiert würden. Fähigkeiten wie Kreativität, Empathie und Teamarbeit beherrschten Maschinen noch lange nicht. Zudem gingen in den Industrieländern mehr Arbeitskräfte in den Ruhestand, als neue nachkommen. Dabei gehen Millionen von Arbeitskräften verloren: Dehaze schätzt, dass es in Deutschland in den nächsten zehn Jahren rund zehn Millionen Beschäftigte sind, in China dürften gar 24 Millionen verloren gehen.

(Reuters)