Autonomes Fahren: Das steht dem Durchbruch noch im Weg

Selbstfahrende Autos werden bald voll verkehrstauglich sein. Volkswagen-Konzernforscher Thomas Form verrät im cash-Interview, welche Hindernisse es noch zu überwinden gibt und wie der aktuelle Stand der Technik ist.
17.06.2016 11:48
Von Pascal Züger
Thomas Form ist Leiter "Electronics and Vehicle Research" bei Volkswagen.
Bild: cash

"In fünf bis zehn Jahren wird man hochautomatisch fahrende Autos im Strassenverkehr erleben können". Dieser Satz stammt von einem, der es wissen muss: Thomas Form, Konzernforscher und Leiter der Abteilung Electronics and Vehicle Research bei Volkswagen.

Der infolge der Abgasmanipulationen in die grösste Krise der Konzerngeschichte geratene Autobauer Volkswagen hatte bereits mehrfach erklärt, in den kommenden Jahren verstärkt auf Elektromobilität und autonomes Fahren zu setzen. Das wiederholte VW diesen Donnerstag noch einmal, als die "Strategie 2025" vorgestellt wurde. Erst vor kurzem war Volkswagen auch mit 267 Millionen Euro bei der Taxi-App Gett eingestiegen, einem Konkurrenten von Uber.

Die Autobranche stehe schliesslich vor einem "epochalen Wandel", wie VW-Chef Matthias Müller sagte. Neben den klassischen Automobilherstellern drängen Alphabet oder Apple ins Autogeschäft, auch IT-Konzerne wollen mitmischen.

Aus technischer Sicht gibt noch einiges zu tun, bis Roboterautos voll verkehrsreif sein werden. "Das Fahrzeug muss noch besser lernen, zu sehen. Es muss all das robust erfassen, was um das Auto herum passiert", sagt VW-Konzernforscher Form im Video-Interview mit cash

Ansätze von Roboterautos kennen ja wir bereits seit Jahren: Tempomaten limitieren zu schnelles Fahren. Kameras und Sensoren haben in Autos Einzug gehalten, die automatisiertes Einparkieren ermöglichen. Eine Kombination von Sensoren erlaubt es heute auch, ein 360-Grad-Bild der Fahrzeugumgebung entstehen zu lassen.

Auto muss "schlau" sein

Bloss die Umgebung erfassen reicht jedoch nicht. In einem zweiten Schritt muss das Fahrzeug dies auch verstehen und richtig interpretieren können. Bisher haben Testfahrten gemäss Form meist nur in klar definierten Situationen stattgefunden, etwa auf Autobahnen. Schwieriger wird es für selbstfahrende Autos in Städten, wo es viele Unwägbarkeiten gibt. Dort hat es Fussgänger, Gegenstände auf der Fahrbahn und Gegenverkehr - alles Dinge, die das Auto selbständig erkennen muss.

Schwierigkeiten haben Autos heute vor allem noch dann, wenn sie ohne menschliches Zutun nicht bloss geradeaus, sondern auch seitwärts fahren müssen. Zum Beispiel bei einem Spurwechsel. Am weitesten in der Entwicklung sind hier Mercedes und Tesla.

Für solche komplexere Situationen müsse das Sehen-Verständnis bei den selbstfahrenden Autos in der Tat noch verbessert werden. "Wir müssen noch eine Menge tun, damit wir hier eine sichere Funktion haben", sagt Form, der bei Volkswagen auch die Stellung als stellvertretender Leiter der Konzernforschung inne hat.

Selbstfahrende Autos derzeit noch "illegal"

Neben der technischen gibt es auch noch eine legale Hürde zu überwinden: Momentan sind selbstfahrende Autos auf Europas Strassen noch nicht zugelassen. In der Schweiz verlangt das Gesetz etwa, dass der Führer das Fahrzeug ständig beherrschen muss und das Lenkrad nicht loslassen darf.

Doch ist man gewillt, die rechtlichen Schranken aufzuheben. Dies liess Verkehrsministerin Doris Leuthard bereits im letzten Jahr durchblicken. Und auch Form findet, dass man hier auf dem richtigen Weg sei und rechtliche Bedenken "in absehbarer Zeit nicht mehr die grosse Hemmschwelle sein werden."

Während es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die rechtlichen und technischen Hindernisse bewältigt werden können, muss letzten Endes der Mensch autonomes Fahren überhaupt wollen. Der Fahrer gibt die Kontrolle seines Fahrzeuges an eine künstliche Intelligenz ab, verliert damit also eine gewisse Autonomie.

Klare Vorteile für Fahrer

Form sieht hier aber kein Problem: "Wer einmal in so einem Auto gesessen hat, dem stellt sich die Frage des Wollens nicht mehr." Der Vorteil der Zeitgewinnung sei schnell präsent, so dass die Kunden schnell die Vorteile des selbstfahrenden Autos schätzen würden. 

Eine Bedingung nennt Form dann aber doch noch, die erfüllt sein muss, damit Autofahrer diese Funktion auch wirklich wollen: Sie muss bezahlbar sein.

Im Video-Interview verrät Thomas Form ausserdem, ob er autonomes oder manuelles Fahren bevorzugen würde, wenn er die Wahl hätte - und ob Technologiefirmen oder die traditionellen Autohersteller beim autonomen Fahren eine marktbeherrschende Stellung einnehmen werden.

Das Interview mit Thomas Form fand am Rande des Swiss Economic Forums von Ende letzter Woche in Interlaken statt.

(Mit Material von AWP)