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«Banken brauchen Boni als Sündenbock»

Er verzockte 1,2 Milliarden Dollar und zog damit die Barings Bank in den Abgrund. Ex-Händler Nick Leeson äussert sich im cash-Interview über die Kultur bei den Banken, die UBS und seine Nachfolger Kerviel und Adoboli.
19.03.2013 06:00
Interview: Daniel Hügli, Wien
«Einige Leute wollten mich erschiessen»: Nick Leeson verzockte in den 90er Jahren 1,2 Milliarden Dollar.
Bild: cash

Sieht so ein Milliardenbetrüger aus? Nick Leeson ist ein eher unscheinbarer und auf den ersten Blick scheuer Typ, etwas melancholisch gar. Dabei war Leeson der erste Händler, der bei einer Bank einen Milliardenbetrag verzockte. Und er war Vorgänger oder Vorbild für die Trader Jérôme Kerviel, welcher 2008 der Grossbank SocGen einen Verlust von 5 Milliarden Euro einbrockte, und Kweku Adoboli, der bei der UBS im letzten Jahr über zwei Milliarden Dollar verzockte. Leeson tätigte bei der Barings Bank in Singapur als Chefhändler riskante Arbitrage-Geschäfte. Die erlittenen Verluste versteckte er auf einem geheimen Konto und hoffte, diese durch immer höhere Einsätze wettmachen zu können. Im Februar 1995 flog die Sache auf und Leeson ergriff die Flucht, wurde aber in Frankfurt verhaftet und in Singapur zu sechs Jahren Haft verurteilt. Insgesamt 1,2 Milliarden Dollar setze er in den Sand. Unter dieser Last brach die traditionsreiche britische Barings Bank zusammen. cash sprach mit Leeson am Rande der Morningstar Investment Conference von letzter Woche in Wien, an der Leeson eine Rede hielt.

 

cash: Herr Leeson, immer wenn es zu grossen Betrugsfällen von Einzelpersonen bei Banken kommt, sind Sie wieder im Gespräch. Sie scheinen eine Art Übervater der 'Rogue Trader' zu sein.

Nick Leeson: Vielleicht. Aber ich selber sehe das natürlich nicht so. Das Interesse des Durchschnittsbürgers und der Medien entsteht vor allem dadurch, dass alle überrascht sind, wenn solche Fälle wieder ans Tageslicht kommen. Alle fragen sich: Warum passiert das schon wieder? Die Gründe sind typischerweise immer dieselben. Ich selber bin klargekommen mit dem, was ich getan habe.

Immerhin profitieren Sie heute von Ihrem Verbrechen, indem Sie bezahlte Vorträge halten. Sie müssten demnach noch auf viele Betrugsfälle hoffen.

Ich profitiere natürlich von der Regelmässigkeit dieser Fälle. Ich kann von meinen Auftritten gut leben. Als ich 1999 nach Grossbritannien zurückkehrte, wurde ich überhäuft mit Anfragen für Reden. Ich bin mittlerweile ein geübter Redner, und die Leute hören mir gerne zu. Aber es ist schon ein wenig sonderbar, weil ich, als ich noch in der Finanzindustrie arbeitete, nur eines wollte: Erfolg. Jetzt werde ich ständig an meinen grössten Misserfolg erinnert.

Wie begegnen Ihnen die Leute? Spüren Sie auch ein wenig Faszination? Die Leute wollen mit Ihnen auf Fotos posieren...

Das ist sehr unterschiedlich. Die Perzeption der Leute hängt sehr vom Alter ab, von der Ausbildung, welche Arbeit sie haben. Einige Leute sagten schon, sie wollten mich erschiessen. Dann gibt es welche, die mich umarmen wollen. Wenn man derart im Rampenlicht steht oder stand wie ich, muss man lernen, damit umzugehen. Das beste jedoch, das ich gelernt habe, war zu akzeptieren, was ich getan hatte. Das gab mit eine Basis, um weitere Entwicklungsschritte einzuleiten.

Hatten Ihre Nachfolger und Zocker Jérôme Kerviel und Kweku Adoboli diese Einsicht auch?

Kerviel und Adoboli machen noch immer die Bank für ihre Taten verantwortlich. Das ist falsch.

Warum?

Es stimmt einfach nicht. Sie haben getan, was sie getan haben. Klar ist die Bank bis zu einem gewissen Grad verantwortlich, weil es einen Mangel an Kontrolle gibt. Aber solche Fälle können nicht passieren ohne das Individuum, welches den illegalen Handel tätigt.

Aber je höher die Risikokultur bei einer Bank, desto wahrscheinlicher werden solche Betrugsfälle?

Die ganze Bankindustrie ist 'High Risk'. Die Branche ist hochkompetitiv, jeder will sich beweisen und alle wollen unbedingt erfolgreich sein. Die Kultur in einigen Sparten dieser Banken ist geprägt von einer Angst vor Misserfolg. Denn Misserfolg ist genau das Gegenteil von dem, was alle unbedingt erreichen wollen. Wenn Sie die jüngsten Entwicklungen in der Branche betrachten, etwa der 'Wal von London' bei JP Morgan, dann muss man zum Schluss kommen, dass sich nichts verändert hat. Die Kultur bei den Banken befindet sich noch immer auf einer rutschigen Strasse, und zwar nach unten.

Macht die Bonus-Kultur das Risikoverhalten der Banker noch schlimmer?

Der Bonus motivierte mich zum Beispiel nicht. Die Bonusfrage erhält heute eindeutig zu viel Gewicht. Und mir scheint, dass die Bonus-Frage oft als Sündenbock gebraucht wird. Die Banken selber haben in den letzten Jahren massive Fehler gemacht. So muss jetzt halt etwas herangezogen werden, dem man die Schuld geben kann.

Die UBS will über die nächsten Jahre ihr Investmentbanking verkleinern. Ist das der richtige Schritt?

Die UBS hatte gar keine andere Wahl nach den Ereignissen bei dieser Bank. Sie scheint aber das zu tun, was heute der generelle Konsens in der Branche ist: Risiken aus der Bank zu nehmen. Die UBS hat das freiwillig getan, anderswo wird das die Regulierung übernehmen. Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt zynisch werde: Ich glaube nicht, dass sich die Dinge bei den Banken gross ändern werden. Die Banken sind viel zu wichtig und zu mächtig. Es gibt ja das neue Sprichwort: Die Banken sind nicht bloss 'too big to fail', sondern auch 'too big to jail.'

Demnach warten die nächsten Leesons, Adobolis und Kerviels gleich um die Ecke…

Leider ist das der Fall. Aber es scheint mir ein etwas komisches Szenario: Die Leute tendieren vielleicht eher dazu, solche Trader-Skandale zu akzeptieren als nochmals eine solche globale Finanzkrise erleben zu müssen, unter der wir immer noch leiden.

Sie sagten, der Bonus war nicht ihre Antriebskraft? Was sonst?

Meine Motivation war die Aussicht auf Erfolg. Und die Möglichkeit, Einfluss zu haben und wichtige Entscheide zu fällen. Das war der Grund, weshalb ich letztlich scheiterte. Ich machte aber einen Prozess durch und lernte, dass es auch andere Erfolge geben kann: Zum Beispiel den Kindern das Essen auf den Tisch zu stellen.

Was dachten Sie, als Sie Ihren ersten Verlust entdeckten und diesen auf einem Geheimkonto versteckten?

Die erste Reaktion war Panik. Ich war wie gelähmt in meinem Handeln. Als die Verluste immer grösser wurden, geriet ich in immer grössere Schwierigkeiten. Ich hatte damals mit meinen 25 Jahren keine erforderliche Reife fürs Geschäft und keine persönlichen Fähigkeiten, mit der Situation umzugehen. Es ist unangenehm, das zuzugeben: Aber ich hatte auf verschiedenen Ebenen versagt. Ich las kürzlich ein Buch über das Thema Stress. Der Autor schrieb darin, dass eine unreife Person, die einen gewissen Status erlangt hat, alles dafür tun wird, diesen Zustand zu bewahren. Das traf auf mich zu damals.

Als Sie die Ausweglosigkeit Ihrer Situation Gewahr wurden, flüchteten Sie aus Singapur. Um ein asiatisches Gefängnis zu vermeiden?

Der eigentliche Grund war meine damalige Frau. Ich wollte nicht, dass sie auch inhaftiert wird. Ich wollte in ein Land kommen, wo die Gerichtsbarkeit nur auf mich angewendet wird.

Dann wurden Sie nach einer kleinen Odyssee in Frankfurt festgenommen.

Ja, und kam dort erst mal neun Monate ins Gefängnis, bevor ich nach Singapur ausgeliefert wurde. Dort verbrachte ich knapp vier Jahre im Gefängnis. Zehn Monate vor Ablauf der Strafe wurde ich wegen einer Krebsdiagnose vorzeitig entlassen.

Was bleibt Ihnen aus der Gefängniszeit in Singapur in Erinnerung?

Das war ein hartes Regime. Ich schlief auf dem Boden, verbrachte 23 Stunden am Tag in der Zelle, meine Mitinsassen waren alle Gangmitglieder. Es war hart, aber auch bizarr: Der Status, der mich in der Bank antrieb, spielte für mich auch im Gefängnis eine grosse Rolle. Denn im Gefängnis glaubten alle, ich sei dieser Überkriminelle, dem es gelang, der Bank diese enorme Summe zu stehlen. Alle schauten zu mir herauf. Das hielt mich in diesem gewalttätigen Umfeld des Gefängnisses sicher.

Heute können Sie gar nicht mehr reich werden. Sollten Sie jemals wieder 100 Millionen Pfund besitzen, müssen Sie das dem Staat als Entschädigung für die Baring-Pleite abgeben…

Tja, das ist eine Vorschrift aus der Zeit, als ich von Singapur in die Heimat zurückkehrte. Die Barings-Liquidatoren wollten Kontrolle haben über meine Aktivitäten. Das war okay damals, aber ich glaube nicht, dass dieser Vorschrift heute streng Geltung verschafft wird. Mir wird ein angenehmes Leben erlaubt heute.

Was machen Sie in zehn Jahren?

Ich könnte erneut hier stehen und mit Ihnen reden. Ich weiss es nicht. Ich verfolge mit ein paar Freunden derzeit ein paar Projekte rund ums Thema Schulden. Ich wohne in Irland, das Land und seine Bürger haben diesbezüglich ja grosse Probleme.

Wurden Sie in den letzten 18 Jahren von Kriminellen kontaktiert, die von Ihnen Tipps wollten?

(lacht) Nein, nein. Das vermeide ich wohl besser.

Sie waren eine Zeitlang CEO des Fussballklubs Galway United in Ihrer neuen Heimat Irland, wo Sie mit Ihrer neuen Frau drei Kinder haben. Sie sind auch Fan von Manchester City. Was ist schlimmer: Vier Jahre Gefängnis in Singapur oder eine Niederlage gegen Manchester United?

Definitiv eine Niederlage gegen Manchester United.

 

Im cash-Video-Interview äussert sich Nick Leeson auch zu seiner Berühmtheit, über seine neue Heimat Irland und zum Fussball.

Die Website von Nick Leeson: www.nickleeson.com