Banken - Julius Bär zieht es in den «heissen» Norden von England

Julius Bär eröffnet Büros in Nordengland, Schottland und Nordirland. Die Traditionsbank will erklärtermassen in Grossbritannien wachsen und konzentriert sich auch auf den früheren industriellen Norden des Königreichs.
02.09.2018 09:22
Altes Backsteinhaus und modernes Bauprojekt in der nordenglischen Stadt Leeds.
Altes Backsteinhaus und modernes Bauprojekt in der nordenglischen Stadt Leeds.
Bild: Pixabay

Die Büros von Julius Bär in Leeds sind nur nur durch einen Gang von einem Reisebüro getrennt, der Blick fällt auf Bahnsteige. Es befindet sich in einer lauten, dicht bebauten Ecke der Stadt im Norden Englands, Busse spucken Passagiere am Bahnhofseingang aus und Pubs servieren spezielle Burger-und-Pint-Menüs. Das ist nicht gerade der Ort, an dem man eine 128 Jahre alte Schweizer Bank erwartet, die auf die auf schwerreiche Kunden ausgerichtet ist.

Doch unbeeindruckt von Grossbritanniens Austritt aus der Europäischen Union schlägt Julius Bär das Lager weit entfernt von den Londoner Villenvierteln auf. Julius Bär will das verwaltete Vermögen in Grossbritannien und Irland bis 2020 um 43 Prozent auf rund 20 Milliarden Pfund (25,2 Milliarden Franken) steigern.

Die Bank hat in diesem Jahr Büros eröffnet sowie 30 Privatbanker und Support-Mitarbeiter in Manchester, Leeds und Edinburgh eingestellt. Sie ist kurz davor, den Betrieb in einer weiteren Filiale in Belfast aufzunehmen. Im Gegensatz dazu hat Julius Bär in Deutschland nur rund zehn Mitarbeiter eingestellt. Die neuen Mitarbeiter wollen insbesondere Kunden abwerben, die mit den Privatbankensparten der britischen Geldhäuser nicht zufrieden sind. Bär hat auch junges, neues unternehmerisches Geld im Visier, und der Grossbritannien-Chef sagt, dass ungefähr die Hälfte seiner britischen Kunden Frauen seien.

Teil einer Wachstumskampagne

"Jahrelang versuchten sich die Universalbanken in den regionalen Städten, indem sie Leute ein- und ausflogen", berichtet Calum Brewster, der Leiter der Julius Bär-Vorstosses in der grössten Stadt von Yorkshire, bei einem Kaffee in einem schlichten Zwei-Raum-Büro. "Hier braucht man persönlichen Service, man muss den Kunden verstehen, ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln und sogar den lokalen Akzent sprechen."

Für die in Zürich ansässige Julius Bär - mit einem verwalteten Vermögen von 400 Milliarden Franken der drittgrösste Vermögensverwalter der Schweiz - ist die britische Kampagne das I-Tüpfelchen einer jahrzehntelangen Kampagne, eine globale Kraft zu werden. Unter dem ehemaligen Konzernchef Boris Collardi tätigte die Bank eine Reihe von Akquisitionen, unter anderem den Kauf des internationalen Vermögensverwaltungsgeschäfts von Merrill Lynch im Jahr 2012 von der Bank of America.

Konkurrenz warnt

Die Anleger sind vom Wachstumsplan von Julius Bär überzeugt. In den letzten fünf Jahren ist der Aktienkurs von Julius Bär um rund 25 Prozent gestiegen und hat grössere Konkurrenten wie UBS und Credit Suisse  geschlagen. Jetzt steht Collardis Nachfolger, Bernhard Hodler, unter Druck, das Wachstum zu halten. Im ersten Halbjahr konnte die Bank fast 10 Milliarden Franken an Neugeldern anziehen, ein Rückgang um 3 Prozent im Vergleich zu einem sehr starken Jahr 2017.

Die Konkurrenten von Julius Bär im Norden Englands warnen die Bank vor einem harten Wettbewerb. "Bär wird potenziellen Kunden zeigen müssen, dass sie auf lange Sicht dort sein wird und auch noch während ihres Ruhestands", sagte Guy Healey, Leiter des Private Banking bei Brown Shipley, einer 208 Jahre alten Institution mit Wurzeln im Norden. "Es gibt eine lange Historie von ausländischen Banken, die kommen und nach fünf Jahren wieder gehen."

Die personelle Ausstattung von Regionalbüros ist nicht billig. Die Personalkosten von Julius Bär stiegen in der ersten Jahreshälfte um 11 Prozent auf 846 Millionen Franken, und die Quote von Kosten zu Einnahmen der Bank hat sich nach jüngsten Neueinstellungen auf 67 Prozent erhöht. Das liegt laut KPMG deutlich unter dem Median von 84 Prozent in der Schweizer Privatbanken-Branche.

Schwaches Pfund ist ein Bonus

Die grössere Sorge ist die Möglichkeit, dass der Brexit, der im März ohne Übergangsvereinbarung kommen könnte, eine Krise in den Portfolios der Kunden auslösen könnte. Die Bank setzt darauf, dass ihre Kunden in solch volatilen Zeiten mehr denn je Rat brauchen - und argumentiert, dass das billige Pfund seit dem Brexit-Votum für einige Geschäftsinhaber in Nordengland ein Segen war, die sich oft beklagten, dass die Mitgliedschaft in der EU das nationale Interesse in Richtung London verzerre.

"Es gibt Unternehmen, die so erfolgreich sind, wie sie es vor dem Brexit nie erwartet hätten", sagte David Durlacher, Chef von Julius Bär in Grossbritannien und selbst der Spross einer alten britischen Bankiersfamilie, in einem Interview mit Bloomberg. "Mit der Schwäche des britischen Pfunds ist der Exportmarkt Grossbritanniens stark gestiegen. Davon profitieren unsere Kunden aufgrund der unternehmerischen Ausrichtung. "

Ähnlich sieht das auch Tracey Reddings, Leiterin des Front-Office der Bank in Grossbritannien und Irland. "Wir sehen hier keine Verlangsamung der Vermögensbildung", sagte sie. Auch die Rivalen in der Region sind sich einig. "Manchester ist momentan brandheiss", heisst es bei Brown Shipleys. Manchester macht Leeds als Geschäftsdrehscheibe des Nordens Konkurrenz.

Digitalisierung hilft dem Norden

Für Julius Bär ist die Zeit reif, Kunden ausserhalb von Englands wohlhabendem Südosten zu finden. Für jüngere Menschen hat die Digitalisierung das Unternehmertum gefördert und die Notwendigkeit einer teuren Londoner Basis beseitigt. Laut TheCityUK, einer Branchen-Handelsgruppe, sind zwei Drittel der Fachleute im Finanzbereich und verwandten Bereichen wie Recht, Buchhaltung und Managementberatung ausserhalb von London ansässig.

Auch wenn die sich wandelnde Wirtschaft auch Ungleichheit und Angst im Norden sät, hat sich Leeds zu einem wichtigen Knotenpunkt für Dienstleistungen entwickelt. Im April entschied sich die internationale Anwaltskanzlei Reed Smith für Leeds als Basis für das Start-up-Programm für digitale Rechts- und Unternehmensdienstleistungen in Höhe von einer Milliarde US-Dollar.

(Bloomberg/cash)